Früher habe ich mich abends ins Bett gelegt und bin am nächsten Morgen aufgewacht. Inzwischen ist die Sache komplizierter: Ich lege mich hin, kann nicht einschlafen, denke an dies und das, döse weg, wache wieder auf, aber es ist erst 3.40 Uhr, also schlurfe ich in die Küche, öffne den Kühlschrank, und eigentlich hätte ich große Lust auf ein Glas Orangensaft mit Eis, aber da sind weder Eis noch Saft, sondern nur ein paar abgelaufene Eier und ein Glas Essiggurken, und in meiner Verzweiflung habe ich schon häufiger darüber nachgedacht, es einfach leer zu trinken, mich aber stets für ein Glas Leitungswasser entschieden, obwohl ich ein hartnäckiger Vertreter der These bin, dass man danach durstiger ist als vorher. Nun habe ich vor einigen Wochen etwas beobachtet, das Schwung in die Angelegenheit bringen könnte, noch habe ich es nicht getan, aber sagen wir so: Die Wahrscheinlichkeit, dass ich mich bei meinem nächsten nächtlichen Ausflug in die Küche für das Gurkenwasser entscheide, ist gestiegen.
Im Halbfinale der Australian Open zwischen der Nummer eins der Welt, Carlos Alcaraz, und der Nummer drei, Alexander Zverev, stand es 2:0 nach Sätzen und 4:4 für den favorisierten Spanier, er war also nur noch acht Punkte vom Sieg entfernt, als er sich plötzlich an den Oberschenkel griff. Offenkundig hatte er Schmerzen, womöglich eine Verletzung, sicher Krämpfe. Von einem Moment auf den anderen schlug er nur noch mit halber Kraft auf, vermied längere Ballwechsel, humpelte über den Platz. Mit Ach und Krach gelang ihm die 5:4-Führung. Danach nahm er eine medizinische Auszeit, ließ sich von einem Physiotherapeuten massieren, warf eine Schmerztablette ein und trank ein paar Schlucke aus einem winzigen Fläschchen. In den Minuten danach passierte Wundersames: Auf einmal ging Alcaraz wieder volles Risiko, nahm die Bälle früh und mit ganzer Wucht. Zwar verlor er den dritten und vierten Satz, hatte im entscheidenden fünften aber so viele Reserven, dass er den zunehmend verzweifelnden Zverev nach fünfeinhalb Stunden niederrang, er hatte inzwischen mehrere der mysteriösen Fläschchen leer getrunken.
In den Tagen danach wurde das Netz regelrecht geflutet: Soziale Medien, Tageszeitungen, Wochenmagazine, sogar die Apotheken Umschau berichteten über das neue Wundermittel im Spitzensport: Gurkenwassersud – oder wie Alcaraz sagen würde: Pickle Juice. Tatsächlich greifen Profi-Athleten schon seit einigen Jahren darauf zurück, wenn es darum geht, Krämpfe so schnell wie möglich loszuwerden. Im Moment aber ist ein solcher Hype um die salzig-saure Flüssigkeit ausgebrochen, dass sie in diesem Sommer wohl auch bei Jugendturnieren oder Stadtmeisterschaften zum Einsatz kommen wird, bei denen ja öfter Versicherungsvertreter und IT-Spezialisten gesichtet werden, die mindestens so ehrgeizig wie ihre Profi-Kollegen sind.
Ob das Zeug wirklich hilft? Eine australische Studie stellte keine signifikanten Unterschiede zwischen normalem Wasser und Gurkenwasser bezüglich einer krampflösenden Wirkung fest, US-amerikanische Forscher aber kamen zu einem anderen Ergebnis: Nach dem Trinken von Wasser dauerten die Krämpfe im Schnitt 134 Sekunden, nach dem Trinken von Gurkenwasser hingegen nur 84 Sekunden. Es helfe beim Ausgleich von Elektrolyten wie Natrium, Kalium und Magnesium, entscheidender sei aber eine Art Nervenreflex: Die starke Säure des Gurkensaftes löse im Mund einen Reflex aus, der ein Signal sende, das die krampfenden Muskeln hemme.
Jetzt muss ich eigentlich nur noch anfangen, Sport zu treiben, damit ich um 3.40 Uhr von Krämpfen geschüttelt aufwachen, in die Küche schlurfen und das Glas mit den Essiggurken leeren kann, um endlich kein Leitungswasser mehr trinken zu müssen.

Tobias Haberl schreibt hier im Wechsel mit Simone Buchholz, Lara Fritzsche und Helene Hegemann über Getränke, die es verdient haben.
