Schreibt man eine Getränkekolumne, stößt man immer wieder auf die gleiche Herausforderung: Man braucht ein Thema, aus dem sich zumindest ein sanfter Hauch von Gesellschaftskritik herausquetschen lässt, sonst läuft man sofort Gefahr, als Kulinarik-Enthusiast abgestempelt zu werden. Bin ich nicht. Andererseits kann man auch nicht jedes Mal den Grund für bevorstehenden Totalitarismus anhand überteuerter Rebsorten analysieren, nervt auf Dauer. Vorige Woche fiel mir ein Getränk ein, das weder zu sehr in die eine noch in die andere Kerbe schlägt. Vietnamesischer Kaffee.
Bestelle ich seitdem ständig. Ich habe keine Kinder, deshalb kann ich mir das leisten. Zumindest alle zwei Tage. Noch. Der vietnamesische Kaffee wird durch ein kleines Metallgefäß gefiltert und kommt ohne die Geräuschkulisse moderner Coffeeshops aus, in denen es von früh bis spät so klingt, als ginge gerade was kaputt. Wenn man sich mal klarmacht, was in diesen Läden akustisch los ist, könnte man sich auch auf eine Baustelle setzen. Grenzt an Barbarei. Siebträger werden gegen Mülleimer gehauen, Brummen, Zischen, vermengt mit Stimmen, die versuchen, dagegen anzukommen. Und da setzen sich dann Leute mit ihren Laptops hin und arbeiten, weil sie sich in der erschütternden Stille ihrer eigenen vier Wände nicht mehr konzentrieren können. Vielleicht verfasst irgendwann jemand mal eine Studie zum Einfluss von Espressomaschinen auf die Qualität akademischer und journalistischer Schriftstücke. Vielleicht auch nicht. Vielleicht bin ich zu empfindlich.
Dem vietnamesischen Kaffee guckt man jedenfalls einfach beim stillen Tropfen zu, es hat fast was von einem Meditationsbrunnen, wenn man das mit dem Presslufthammersound irgendwelcher überteuerter Rotationspumpen vergleicht. Sanftes Immersionsverfahren. Kein bisschen Rennsport-Pressure. Nur Kaffee, der in gezuckerte Kondensmilch tropft. Und Kondensmilch, die nicht hinterfragt wird. Entweder Kondensmilch oder schwarz. Keine Alternative, weder Erbsenprotein noch Kokosdrink, keine Männer über 50, die Witze darüber machen, dass für das Ersatzprodukt nur Hafer und keine Kühe im Mixer geschreddert werden mussten.
Je länger man über Kondensmilch nachdenkt, desto sympathischer wird sie einem. Vielleicht liegt ihr Charme gerade darin, dass sie sich bis heute weigert, einen besseren Charakter haben zu wollen. Der Erfinder der Kondensmilch, Gail Borden, war kein Wissenschaftler, sondern Landvermesser, Zeitungsmacher und Unternehmer, im 18. und 19. Jahrhundert liefen lauter solche Leute rum, einer erfand eine Dampfmaschine, der nächste Telegrafenleitungen, Gail Borden eben Kondensmilch. Auf jeden Fall durfte nicht gestorben werden, bevor man etwas Großes hinterlassen hatte. Borden hat durch irgendein Vakuum-Eindampfverfahren Milch haltbar gemacht und das Patent für diesen Vorgang 1856 angemeldet. Dann kam der Amerikanische Bürgerkrieg, Kondensmilch war perfekt als Soldatenration, es gelang der sogenannte Durchbruch.
Ich kenne mehrere Väter, meinen eigenen eingeschlossen, die in Momenten größter seelischer Entspannung zum Kühlschrank treten, nach einer Tube »Milchmädchen« greifen und sich den Inhalt umstandslos in dicken Streifen in den Mund drücken. Irgendwas zwischen Hedonismus und Genuss, jedenfalls das Gegenteil der modernen Tendenz, Nahrung nur noch als Summe von Proteinen, Kohlenhydraten, Antioxidantien und Vitaminen zu begreifen. Man kann Kondensmilch auch als Ritual auffassen. Als feierliche Wertschätzung all der Menschen vor uns, die überzeugt waren, dass sich die Welt mit einer einzigen guten Idee dauerhaft verbessern lässt (und die dann in der Regel ein bisschen irre wurden).

Helene Hegemann schreibt hier im Wechsel mit Simone Buchholz, Lara Fritzsche und Tobias Haberl über Getränke, die es verdient haben.
