Es gibt ein paar handfeste Gründe, warum ich in Bars am liebsten am Tresen sitze: Ich kann ganz in Ruhe allein unglücklich sein. Ich kann mich ganz in Ruhe von anderen Leuten vollquatschen lassen. Ich kann ganz in Ruhe andere Leute vollquatschen. Ich finde immer einen Platz, um meine cowboystiefelumrankten Füße abzustellen. Ich darf Profis dabei zuschauen, wie sie arbeiten.
Neulich hat mich ein befreundeter Küchenchef (Profi) auf einen Zug durch die Gemeinde eingeladen, weil ich (Amateur) ein paar Wochen zuvor für ihn gekocht hatte, ich habe den Abend also als eine Auszeichnung begriffen und mich mal ein bisschen besser angezogen, zu den unvermeidlichen Cowboystiefeln trug ich einen langen Rock und einen Pullover ohne Mottenlöcher. Der Küchenchef trug seine, wie er es nannte, »Ausgehtrainingsjacke«. Auf unserem Laufzettel befanden sich die Bar eines Luxushotels an der Alster und eine Luxusbar im Rotlichtviertel. Die Stimmung war aufgekratzt, ich war überzeugt davon, dass ich heute etwas erleben würde, etwas zu sehen bekäme, es lag in der Luft.
Und tatsächlich: Wir starteten am frühen Abend in der Hotelbar, und dort standen zwei Menschen hinterm Tresen, die man sich herrlicher nicht backen könnte – ein zierlicher Barchef im weißen Hemd mit dem Ruhrgebiet in der Stimme sowie eine hochgewachsene, sehr junge Frau mit sauber gebundenem blondem Dutt im Nacken und in goldbeknopfter Concierge-Uniform. Wie sich schnell herausstellte, war sie mitten in der Ausbildung zur Hotelfachfrau, und das hier war ihr erster Abend hinter der Bar. Er ließ sie jeden einzelnen Drink mixen, rühren, schütteln, es war betreutes Bartending. Er ließ sie an den Spirituosen und Aromen riechen, bevor sie in den Mixbecher wanderten, wenn ein Drink fertig war, musste sie mit einem Strohhalm-Zeigefinger-Trick einen Tropfen abziehen und probieren, und als es zum ersten Mal ans Schütteln ging, sagte er, sie vorsichtig aufstachelnd: »Shake it, Baby, shake.« Sie schüttelte aus dem Handgelenk und war unübersehbar ein Naturtalent.
Der Küchenchef und ich konnten kein Gespräch zu Ende führen, weil wir so fasziniert von dem waren, was sich vor unseren Augen abspielte – der zarte Pas de deux zweier Menschen, die gerade beginnen, zusammenzuarbeiten. Nach insgesamt vier Drinks zogen wir beglückt von dannen und wollten auch einfach nicht länger stören.
Unsere zweite Station war die Weitererzählung des ersten Teils dieser Geschichte, denn hinterm Tresen der für so ein Rotlichtviertel wirklich sehr schicken Bar standen eine Frau und ein Mann, die zwar aussahen, als würden sie studieren, aber ihre Arbeit an den Drinks erledigten, als hätten sie nie etwas anderes gemacht. Ihre Bewegungen waren elegant und auf den Punkt, ihre Sätze leise und leicht, ihr Tanz an den Mixbechern und Gläsern atmete Vollkommenheit. Der Küchenchef seufzte.
»So müsste es in der Küche sein, ohne Geschrei, ohne Hektik, nur liebevolle Teamarbeit.« »Würden die Tennis spielen«, sagte ich und ließ die Cowboystiefel unauffällig unter meinem langen Rocksaum verschwinden, »dann wären sie ein unschlagbares Doppel.«
Folgerichtig bestellte ich einen »Matchpoint«: Bourbon, roter Wermuth, Zitronensaft, Ahornsirup, Amarenakirsche, in einem Tumbler serviert. Ein Drink so komfortabel wie flüssige Rückendeckung.
Der Barmann warf sich beim Mixen an der Grundlinie nonchalant die Haare aus der Stirn. Als das Glas gefüllt war, griff die Barfrau es sich von hinten um seine Taille herum und quasi volley. Sie stellte mir den Matchpoint vor die Nase, der Punkt landete sanft im Netz meines Gaumens, und schon hatten wieder mal alle gewonnen.

Simone Buchholz schreibt hier im Wechsel mit Helene Hegemann, Lara Fritzsche und Tobias Haberl über Getränke, die es verdient haben.
