Wie gefährlich es ist, Alkohol zu trinken, vor allem regelmäßig, kann man oft lesen. Leute sagen es einem inzwischen auch. Wenn man einen dritten Wein bestellt, sagen sie: »Noch einen, wirklich?« Das hätte es doch früher nicht gegeben. Ich bin aufgewachsen mit der Ermunterung. »Ach komm, noch eins!«, war das Motto auf Familienfesten. Die Stadt Köln tat ihr Übriges: »Drink doch ene met!« Das ist, wenn man es kölsch ausspricht, kein Fragesatz. Ich war immer Team Alkohol. Viel und gern. Nie im Leben hätte ich geglaubt, ein Trinkproblem zu kriegen. Und dann noch eines, das darin besteht, nicht mehr trinken zu wollen.
Es fing harmlos an. Ich beschloss wegen Kummer, eine Weile nicht zu trinken. Ich wollte nicht, dass mir Alkohol eine Hilfe würde, beim Einschlafen oder beim Aushalten. Wie süß. Denn damit hatte ich den Alkohol, 30 Jahre einfach reingekippt, natürlich vor eine unüberwindbare Aufgabe gestellt. Er sollte also nur noch getrunken werden, wenn er keinen Zweck erfüllte, wenn er nicht beim Funktionieren half. Seitdem hat er es schwer. Als Erstes ersetzte ich das Feierabendbier durch Tee. Warum hatte ich denn nach der Arbeit in den Kühlschrank gegriffen? Natürlich, um all die unlösbaren Aufgaben zu vergessen. Warum nach dem Sport? Zur Belohnung. Warum beim Abend mit zwei Freundinnen in einer Bar? Um lustiger zu sein, nicht so alltagsschlapp, schließlich sah man sich doch so selten. Der Abend sollte schön werden. Warum abends spät im Bordbistro? Um sich noch was Gutes zu tun, nichts anderes war mir eingefallen.
Alkohol kam mir – einmal dieser banalen Prüfung unterzogen – einfach so traurig vor. Sozialkitt, Rettungsboot, Kollektivanästhetikum. War ich am Ende immer nur angetrunken, weil ich mir selber so langweilig war? Weil ich ohne Drinks gar kein Sozialleben hatte?
Also ein Pakt, im Discounter kurzerhand geschlossen zwischen mir und einer Dose Whiskey-Cola. Sie würde ich erst trinken, wenn es einen guten Grund gäbe. Die Dose steht da nun zwischen Tabasco, Parmesan, Augenserum und Feigensenf – in diesem mittleren Fach in der Kühlschranktür, wo die Dinge auch mal gern für ein paar Monate vergessen werden.
Und alle meine Gründe für Alkohol begegnen mir, wenn ich sie ansehe. Ich habe getrunken, damit die Witze lustiger sind, denen ich am jeweiligen Abend zuhören muss, gegen PMS, Traurigkeit, Schmerz, Krämpfe, gegen Tränen, weil die Freundschaft aus Gemeinsam-Trinken bestand, damit der Sex nicht so langweilig ist, damit es überhaupt zu Sex kommt, gegen Flugangst, um keinen Sport mehr machen zu müssen, für einen lustigen letzten Abend, für einen lustigen ersten Abend, weil alle getrunken haben, damit mich das dreckige Bad nicht stört, um irgendetwas zu kaufen, um Freundschaften zu schließen, um Freundschaften zu erhalten, um gescheiterte Freundschaften zu vergessen, weil der Alkohol gratis war, um mich an etwas festzuhalten, um an der Hotelbar nicht wie eine trockene Alkoholikerin zu wirken, damit Anwesende egaler sind, damit Anwesende attraktiver sind, um tanzen zu können, damit ich nicht mehr aufräumen muss, um zu lachen, damit die Zeit schneller vorbeigeht, weil die im Fernsehen auch trinken, als Belohnung, aus Routine, um mich endlich zu entspannen.
Die Dose ist so wichtig und schwer geworden über die Zeit. Was für eine Situation sollte das sein, in der ich, nur für mich allein, Lust habe, Alkohol zu trinken? Es müsste eine Situation sein, in der ich nichts vergessen müsste, was mir vorher nicht gutgetan hat, und nichts verbessern müsste, was danach kommt. Schwierig. Der Tabasco war zuerst leer.

Lara Fritzsche schreibt hier im Wechsel mit Simone Buchholz, Tobias Haberl und Helene Hegemann über Getränke, die es verdient haben.
