Wenn ich mir früher vorstellte, wie es ist, in Dresden-Neustadt, einem linksalternativen Viertel, als Ärztin zu arbeiten, sah ich Bilder von Hypochondern mit zotteligem Haar vor mir, die erst lange auf ihre Birkenstock-Sandalen starren und mir dann leise zuraunen, dass sie unter Schwindel und Taubheitsgefühlen in den Fingern leiden. Was ist los mit mir, Doktor? Bekommt mir meine neue vegane Diät nicht, liegt es an meiner Vorliebe für Sartre? Ich nehme keine Medikamente, trinke nicht, rauche nur Gras; bio natürlich. Untersuchen Sie mich auf alles und verschreiben Sie mir irgendein Gift! Aber unbedingt auf pflanzlicher Basis und in der Region produziert, denn ich lehne transatlantische Unternehmen und Pharmakonzerne ab. Dresden-Neustadt, das war für mich: Bluthochdruck, Hämorrhoiden, Nagelpilz und ein Haufen junger Neurotiker mit einem Hang zur Kunst – also ungefähr Leute wie ich. Sie kamen auch wirklich.
GesundheitWunden überall
Aus Heft 10/23
Lesezeit: 9 Min.

Iryna Fingerova, 29, arbeitet seit 2020 als Ärztin, in der Dresdner Praxis seit September 2022.
Foto: Ingmar Björn NoltingWoran leiden Menschen, die aus der Ukraine vor dem Krieg geflohen sind? Der Krankenbericht einer ukrainischen Ärztin in Deutschland.
Von Iryna Fingerova
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