Mein Opa Erwin war ein verschrobener Griesgram. Er war nicht mein echter Opa, meine Mutter war seine Stieftochter. Sie und wir, die beiden angeheirateten Enkelkinder, interessierten ihn nicht im Geringsten. Wenn wir meine Oma Irmgard und ihn in der badischen Kleinstadt Bruchsal besuchten, verschanzte er sich im ersten Stock im Arbeitszimmmer mit seiner Zigarre hinter dem Schreibtisch. Meine Mutter wollte nicht hoch, meine kleine Schwester konnte noch kaum laufen, also musste ich zu ihm, um guten Tag zu wünschen. Ich kann mich nicht erinnern, dass er aufgestanden wäre aus seinem Ledersessel, um mich zu begrüßen. Ich ließ eine Hand auf der Klinke hängen, die andere am Türstock, näher wagte ich mich nie heran. Ich grüßte, er blickte auf und nickte mir hinter der Rauchschwade zu, ohne die Zigarre aus dem Mund zu nehmen.
GeschichteEin Mann mit Vergangenheit
Aus Heft 38/13
Lesezeit: 11 Min.

Vor Opa Erwin, dem übellaunigen Kerl, hatten die Enkel fast ein bisschen Angst. Erst viele Jahre später wurde klar: Im Dritten Reich war er ein Held. Er sprach nur nie drüber.
Von Lars Reichardt
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