In meinen Notizbüchern, die ich jetzt noch einmal durchlese,
um sie dann unschädlich zu machen für die neugierigen Augen
der Nachgeborenen – ein dummer Gedanke, weil sich ohnehin
keiner dafür interessieren wird –, finde ich Sätze wie diesen:
Er brach sein Studium ab und wurde Schwiegersohn.
Ein Roman in Pillenform, wie ihn Giorgio Manganelli erfunden hat.
Oder ein Ein-Satz von Jürgen Becker. Oder nach einer Unterhaltung
notiert? Und auf derselben Seite, aber mit einem anderen Gerät
geschrieben: Er war ungewöhnlich voreingenommen und außer-ordentlich schlecht informiert. Wer ist er? Lebt er noch?
»Was geht mich an, was ich schon weiß?«, sagt Monsieur Teste.
Er hat gut reden. Ich weiß, dass die Welt ein Wrack ist,
das nicht mehr im Ganzen zu beschreiben ist. Wir wissen alles.
Oder besser: Wir könnten alles wissen. Jedenfalls können wir nicht
sagen, wir hätten es nicht gewusst. Wenn ich aufblicke, sehe ich
den Wind im Gras, das er wie absichtslos hin und her wendet.
Aber auch er folgt einer Erzählung, die zu kennen sich lohnt,
auch wenn sie nicht zu beschreiben ist von der Stange.
Die Geschichte des Windes, aufgeschrieben von einem,
der die Bagatellen liebt und das große Theater, auf dem die Worte
ihren Verstand verlieren und es uns die Sprache verschlägt.
Die Geschichte des Windes, in Musik gesetzt für Fingerspitzen
und geballte Faust, aufgeführt von einem Narrenquintett
aus Unglücksraben im Naturtheater vor meinen Augen,
das nichts von der Kunst weiß und nichts vom Genusswert,
ob es der Unterhaltung dient oder nur Selbstdarstellung ist.
Und dann die Windstille, in der ich nur noch das Klicken
der App in meinem Herzen höre in meinem Zimmer.
Als ich ein Kind war, so soll das letzte Notizbuch beginnen
und enden, mit einer glücklichen Kindheit ohne Zittern und Angst.
Schluss jetzt, ich habe fast alles gesagt oder angesprochen.
Jetzt sollen die Dinge mal selber ihre Meinung sagen dürfen.
Als die Viren-Katastrophe über uns kam, begann Michael Krüger gerade eine Therapie gegen seine Leukämie. Und weil seine Immunabwehr auf null steht und ihn ein ferner Huster aus den Schuhen kippen würde, muss er sich von Menschen fernhalten. Er lebt mit seiner Frau in einem Holzhaus am Rand eines Dorfes in der Nähe des Starnberger Sees. Die Post (und die Zeitung) liegt zwei Tage im Freien, bevor sie im Backofen bei hundert Grad von allen Infektionen gereinigt wird, die Lebensmittel werden geliefert, eine Freundin aus dem Dorf geht zur Apotheke, um die Massen von Pillen einzukaufen. Krüger war viele Jahre lang literarischer Leiter und Geschäftsführer des Hanser-Verlages in München, danach Präsident der Bayerischen Akademie der Schönen Künste. Er schreibt Essays, Romane und Gedichte.
