Der Wind hat seine Arbeit getan: Der Himmel ist blitzblank,
wort- und sprachlos, von jedem Anflug einer Erzählung gereinigt.
Während ich hier sitze und dem frechen Eichelhäher zusehe,
der wie ein unrechtmäßiger Eindringling durchs Gras hüpft,
vorsichtig, als würde er Mikado spielen, aber doch tolpatschig,
denn hinter ihm bricht das Gras zusammen und springt erst wieder auf,
wenn die Luft rein ist und eine Zukunft möglich scheint,
als sei ein feines Uhrwerk unter dem Boden verborgen,
während ich also fast bewegungslos unter dem Nussbaum sitze
und kaum Energie verbrauche, wird überall auf dem Planeten
wie verrückt gearbeitet, um durch die zügige Vernichtung der Welt
den Menschen zu retten. Das muss wahrscheinlich so sein.
Oder wissen Sie einen anderen Ausweg? Es gibt keine ZURÜCK-Taste,
kein Zurück zur Natur. Also setzt man sich die molekulare Brille
auf die Nase und liest die Milliarden Buchstaben des Genoms
eines Grashalms, in acht Halmen sind so viele Buchstaben enthalten wie in sämtlichen Büchern, die je geschrieben wurden.
Und wenn Ihnen etwas nicht passt, nehmen Sie einfach die Genschere. Ich gehöre zu denen, die alt auf die Welt gekommen sind.
Für mich sollte die Natur immer schön und schrecklich sein,
und ein Eichelhäher im Gras ist ein welthistorischer Wendepunkt,
wenn man es will. Dreams are good, mailt mir John, for me
at least, because they are proof of sleep. Ich stehe gut mit Gras.
Vielleicht gelingt es mir doch noch mal, einen einzigen Halm
zu beschreiben. »Doch wenn es einem Enzian gelingt, den Kopf zu
erheben und zu blühen, so ist in ihm der ganze tiefe Frühlingshimmel
eingefangen«, schreibt der Dichter von Mein Karst, Scipio Slataper.
Hier blüht plötzlich ein Stiefmütterchen, und ich frage mich,
wer welches Netzwerk geschaltet hat, damit es hier aufblüht,
und wer ihm diesen furchtbaren Namen gegeben hat.
Ich werde es bei Gelegenheit ausgraben und in der Stadt
auf eine Verkehrsinsel pflanzen, wo es sich selbstverwirklichen kann,
angeschaut von Denkern ohne festen Wohnsitz.
Als die Viren-Katastrophe über uns kam, begann Michael Krüger gerade eine Therapie gegen seine Leukämie. Und weil seine Immunabwehr auf null steht und ihn ein ferner Huster aus den Schuhen kippen würde, muss er sich von Menschen fernhalten. Er lebt mit seiner Frau in einem Holzhaus am Rand eines Dorfes in der Nähe des Starnberger Sees. Die Post (und die Zeitung) liegt zwei Tage im Freien, bevor sie im Backofen bei hundert Grad von allen Infektionen gereinigt wird, die Lebensmittel werden geliefert, eine Freundin aus dem Dorf geht zur Apotheke, um die Massen von Pillen einzukaufen. Krüger war viele Jahre lang literarischer Leiter und Geschäftsführer des Hanser-Verlages in München, danach Präsident der Bayerischen Akademie der Schönen Künste. Er schreibt Essays, Romane und Gedichte.
