Ich habe den Tisch in den Garten gestellt,
zwischen die beiden Nussbäume, die so trocken sind,
dass die kleineren Äste abbrechen, wenn die verrückten Meisen
an ihnen ihre Turnübungen machen. Und plötzlich
sind auch die Ameisen wieder da, sowohl die kleinen roten,
die wie besoffen über die Tischplatte torkeln auf der Suche
nach dem richtigen Weg, als auch die größeren schwarzen,
die wie stolze Nomaden verharren und in die Weite schauen,
bevor sie ihre Wanderung fortsetzen, unbeeindruckt davon,
ob die Epoche des Menschen zu Ende geht.
Als Kind sollte ich immer Der Kampf um Rom lesen,
aber ich zog den Goten Die Seele der weißen Ameise vor,
und wenn ich schon von Untergängen lesen wollte,
dann sollten es Die weißen Götter von Stucken sein.
Wenn ich über die Wiese schaue, über das friedliche Heer
von gelbem Löwenzahn, kann ich mir nicht vorstellen,
dass außer mir selber irgendetwas zerfällt.
Nach wie vor führen doch die Sterne genauer in die Irre
als alle politischen Theorien zusammen,
und der dekadente Wunsch, Unsterblichkeit zu erlangen,
indem wir zu einem Bündel von Informationen schrumpfen,
das künstlich am Leben erhalten werden kann,
ist doch lächerlich im Vergleich zu der Arbeit der Ameisen
und ihren unterirdischen Reichen, in denen es gesitteter zugeht
als auf dem Land. Ich sehe was, was du nicht siehst, und das
soll als normale Flaschenpost die Menschheit erreichen.
Aber ich brauche ein Meer, sonst kann ich die Menschheit
nicht retten.
Als die Viren-Katastrophe über uns kam, begann Michael Krüger gerade eine Therapie gegen seine Leukämie. Und weil seine Immunabwehr auf null steht und ihn ein ferner Huster aus den Schuhen kippen würde, muss er sich von Menschen fernhalten. Er lebt mit seiner Frau in einem Holzhaus am Rand eines Dorfes in der Nähe des Starnberger Sees. Die Post (und die Zeitung) liegt zwei Tage im Freien, bevor sie im Backofen bei hundert Grad von allen Infektionen gereinigt wird, die Lebensmittel werden geliefert, eine Freundin aus dem Dorf geht zur Apotheke, um die Massen von Pillen einzukaufen. Krüger war viele Jahre lang literarischer Leiter und Geschäftsführer des Hanser-Verlages in München, danach Präsident der Bayerischen Akademie der Schönen Künste. Er schreibt Essays, Romane und Gedichte.
