Gedichte aus der QuarantäneIm Wald, im Holzhaus – Gedichte aus der Quarantäne (16)

Aus Heft 30/20
Foto: Andreas Nestl

Der Schriftsteller Michael Krüger begann die Therapie gegen eine Leukämie gerade, als das Coronavirus sich verbreitete. Für das SZ-Magazin schreibt er Gedichte aus der Quarantäne. Folge 16: ein Spaziergang mit Tschaikowski.

Von Michael Krüger

A

Als ich heute zwischen zwei gewaltigen Gewittern
durchs Moor ging, lief ein Hund neben mir her,
ein seltsamer Vogel, ziemlich groß, der zuhören konnte.
Er schien keine besonderen Vorlieben zu haben,
Literatur, Musik, Philosophie, nicht einmal Botanik,
Sonnentau, Sauergrasgewächse, kein Interesse,
nicht einmal das liebe Wollgras konnte ihn reizen.
Mein Vater liebte aus unerfindlichen Gründen die Musik
von Tschaikowski, die er auf langen Spaziergängen sang,
sie verfolgte ihn wie eine traurige Notwendigkeit.
Wir gingen an verschimmelnden Pferdeäpfeln vorbei,
die von Fliegen umschwärmt waren wie ein Notengewimmel.
Der Hund pisste kurz ab und trödelte weiter neben mir her,
als sei seine eigentliche Stimme das Schweigen.
Politische Fragen? Als ich ihm etwas über Populismus
erzählte, über das Ende von Demokratie, freie Wahlen,
knurrte er. Wir sind ja mehr oder weniger rechtlos,
sollte das heißen, kein Mensch macht den Mund auf,
wenn wir geschlagen werden. Was geht eigentlich
zu Ende, fragte er mich, als wir bei Blaubeeren hielten,
alle reden besorgt davon, dass etwas zu Ende geht?
Die Souveränität, sagte ich trocken, die Souveränität!
Die wesentlichen Entscheidungen können nicht getroffen
werden, weil jeder Trottel mitreden will. Blaubeeren gab es
en masse, natürlich hatte ich wieder keinen Beutel dabei,
um sie zu Hause zu waschen. Ein unbeständiger Schatten
zuckte über das Moor, und ich summte Tschaikowski,
das Violinkonzert, ein Evangelium der Wiederholung,
und die Prediger unter den Vögeln sangen lauthals mit.
Wenn Sie wollen, sagte ich dem Hund, können wir uns hier
nachts einmal treffen, wenn der leere Ort von Glühwürmchen
besetzt ist, von Illusionen und zauberhaften Trugbildern.
Aber der Hund war schon weitergegangen, immer geradeaus,
am Narrensaum entlang und auf das Ende zu.

Als die Viren-Katastrophe über uns kam, begann Michael Krüger gerade eine Therapie gegen seine Leukämie. Und weil seine Immun­abwehr auf null steht und ihn ein ferner Huster aus den Schuhen kippen würde, muss er sich von Menschen fernhalten. Er lebt mit seiner Frau in einem Holzhaus am Rand eines Dorfes in der Nähe des Starnberger Sees. Die Post (und die Zeitung) liegt zwei Tage lang im Freien, bevor sie im Backofen bei hundert Grad von allen Infektionen gereinigt wird, die Lebensmittel werden geliefert, eine Freundin aus dem Dorf geht zur Apotheke, um die Massen von Pillen einzukaufen. Krüger war viele Jahre lang literarischer Leiter und Geschäftsführer des Hanser-Verlages in München, danach Präsident der Bayerischen Akademie der Schönen Künste. Er schreibt Essays, Romane und Gedichte.

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