Gedichte aus der QuarantäneIm Wald, im Holzhaus (14)

Aus Heft 28/20

Lesezeit: 1 Min.

Foto: Andreas Nestl

Der Schriftsteller Michael Krüger begann die Therapie gegen eine Leukämie gerade, als das Coronavirus sich verbreitete. Für das SZ-Magazin schreibt er Gedichte aus der Quarantäne. Folge 14: Kann man sich noch an Professor Mandelbrot erinnern?

Von Michael Krüger

H

Heute darf ich die Zeitung von Donnerstag lesen, also
muss Sonntag sein. Die Luft ist so klar und durchsichtig,
dass ich von meinem Schreibtisch aus die Fliegen sehen kann,
die am Schuppen kleben. In der wirklichen Welt, wenn es
sie überhaupt gibt, glaubt man an künstliche Menschen,
um endlich die Selbstentmachtung des wirklichen Menschen
voranzutreiben. Man möchte eine Kopie unserer Welt,
von allem Leben gereinigt. Ein gut geölter Robot,
mit allen Philosophien gefüttert, die in ihm endgültig
zur Ruhe kommen, soll dann unser Leben bestimmen.
Unser Leben. Als ich nachmittags im Dorf war,
hingen an allen Gartenzäunen die Müllsäcke.
Am Müll kann man die soziale Logik der Singularisierung
ablesen, auf jeden Fall gibt es genug Material; am Montag
wird geleert. Kann man sich noch an Professor Mandelbrot
und seine Apfelmännchen erinnern? Er war Ehrendoktor
der Johns-Hopkins-Universität, wo heute die Toten
gezählt werden, und sah überall fraktale Strukturen,
auch in der Musik und in Börsenkursen. Es geht alles
nicht so glatt von der Hand, wie man denkt, sagte er,
in Warschau geboren, vor den Nazis geflohen,
2010 in Cambridge/Massachusetts gestorben,
jedes Ding hat eine raue Oberfläche, die man nicht sieht.
Wolken wie zerknülltes Papier. Kein Mensch unterwegs.
Hinter einem Fenster sah ich ein Kind, das erschrak,
als es mich sah, wie ein Schlafwandler sah es aus,
der am Rand des Abgrunds plötzlich erwacht.
Nachhaltig, stand auf den prallen Müllsäcken,
aber nachhaltig, habe ich gelernt, sind nur die Götter.

Als die Viren-Katastrophe über uns kam, begann Michael Krüger gerade eine Therapie gegen seine Leukämie. Und weil seine Immun­abwehr auf null steht und ihn ein ferner Huster aus den Schuhen kippen würde, muss er sich von Menschen fernhalten. Er lebt mit seiner Frau in einem Holzhaus am Rand eines Dorfes in der Nähe des Starnberger Sees. Die Post (und die Zeitung) liegt zwei Tage lang im Freien, bevor sie im Backofen bei hundert Grad von allen Infektionen gereinigt wird, die Lebensmittel werden geliefert, eine Freundin aus dem Dorf geht zur Apotheke, um die Massen von Pillen einzukaufen. Krüger war viele Jahre lang literarischer Leiter und Geschäftsführer des Hanser-Verlages in München, danach Präsident der Bayerischen Akademie der Schönen Künste. Er schreibt Essays, Romane und Gedichte.

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