Gedichte aus der QuarantäneIm Wald, im Holzhaus – Gedichte aus der Quarantäne (18)

Aus Heft 32/20

Lesezeit: 1 Min.

Foto: Andreas Nestl

Der Schriftsteller Michael Krüger begann die Therapie gegen eine Leukämie gerade, als das Coronavirus sich verbreitete. Für das SZ-Magazin schreibt er Gedichte aus der Quarantäne. Folge 18: Lachen Sie mal.

Von Michael Krüger

U

Um fünf Uhr der Kuckuck. Wenn es tatsächlich stimmt,
dass jeder Ruf für ein Lebensjahr steht, müsste ich noch
rund hundert Jahre am Leben bleiben, leider ohne Geld,
weil ich in der Frühe kein Scheckheft am Leibe trug,
und wahrscheinlich ohne Heckenbraunellen, die bis dahin
das Weite gesucht haben werden. Hoffmann von Fallersleben
hat den nervtötenden Zweisilber unsterblich gemacht.
Was du gesungen, ist dir gelungen, so hätte auch der Esel
sprechen können, und wenn sich Beethoven seiner erbarmt hätte,
würden wir ihn in diesem Jahr täglich im Radio hören. Die Szene
am Bach aus der 6. Sinfonie gilt nicht, sagt der zweisilbige Esel.
Die Geschichte mit meinem Alter erzähle ich später
dem freundlichen Arzt im Klinikum, der mein Blutbild betrachtet.
Aber er singt nicht, was du gesungen, ist dir gelungen,
sondern hängt mich an den Galgen mit dem Tropf.
Ich stehe im obersten Stockwerk am Fenster, am Horizont
sehe ich die Alpen, darüber ein Duplikat aus weichem Material.
Wenn ich jetzt losginge, würde ich drei Tage brauchen,
bei Garmisch dann rechts in die Höhe, wenn das Herz mitläuft
und mein Gott der Infusion, Obinutuzumab, langsamer tropft
als jetzt. Können Sie bitte ein Foto von uns machen, fragt mich
eine Frau, deren Mann ebenfalls am Tropf hängt, allerdings
von einem anderen Gott. Lachen Sie mal, rufe ich dem Mann zu,
der trotz seines Mundschutzes so aussieht, als hätte er nie
im Leben gelacht. Ich schieße drei Bilder, eines von ihnen
wird das letzte sein. Die Frau lächelt auf allen dreien, wenn ich
mich nicht irre. Lynghi hat das Kuckucks-Gedicht übrigens
zu den sechsen gezählt, die von Fallersleben überleben werden.
Wenn ich nach Hause komme, werde ich in Rühmkorfs Werken
meine zwanzig Lieblingsstücke raussuchen und dazu Mahler
hören, die Humoresken aus Des Knaben Wunderhorn,
Kuckuck vs. Nachtigall, Magdalena Kožená und Christian Gerhaher
singen das Lob des hohen Verstands, Boulez am Pult.
Ich habe ja hundert Jahre Zeit und muss nur ordentlich kämpfen.
Krieg, heißt es im Leviathan von Hobbes, besteht nicht nur
in Schlachten und Kampfhandlungen, sondern in einem Zeitraum,
in dem der Wille zum Kampf genügend bekannt ist.

Als die Viren-Katastrophe über uns kam, begann Michael Krüger gerade eine Therapie gegen seine Leukämie. Und weil seine Immun­abwehr auf null steht und ihn ein ferner Huster aus den Schuhen kippen würde, muss er sich von Menschen fernhalten. Er lebt mit seiner Frau in einem Holzhaus am Rand eines Dorfes in der Nähe des Starnberger Sees. Die Post (und die Zeitung) liegt zwei Tage lang im Freien, bevor sie im Backofen bei hundert Grad von allen Infektionen gereinigt wird, die Lebensmittel werden geliefert, eine Freundin aus dem Dorf geht zur Apotheke, um die Massen von Pillen einzukaufen. Krüger war viele Jahre lang literarischer Leiter und Geschäftsführer des Hanser-Verlages in München, danach Präsident der Bayerischen Akademie der Schönen Künste. Er schreibt Essays, Romane und Gedichte.

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