An einem der längsten Tage des Jahres
träumte ich von einer Talkshow im Fernsehen,
deren Gäste ausschließlich Schildkröten waren.
Zuerst die Nachrichten, ganz normal, 20 Uhr,
mit Jan Hofer und Marietta Slomka,
die sich gegenseitig ins Wort fielen und schubsten,
und sich gegenseitig das Mikro aus der Hand rissen,
sodass Susanne Daubner beenden musste,
dann das Wetter mit Plöger, der vor Lachen
keinen einzigen Satz zu Ende sprechen konnte
und wie närrisch die Wetterkarte traktierte,
und schließlich Anne Will vor sechs Schildkröten,
alle mit Mundschutz und im Sicherheitsabstand,
die über Präsident Trump redeten, als sei der
noch am Leben. Eine der Schildkröten begann
jeden Satz mit: Wenn ich an Lincoln denke,
kam aber nicht weiter, Jan Hofer schenkte Wasser aus,
das er den Schildkröten über den Kopf goss,
und eine weibliche Schildkröte wollte für alte Möhren
eine Abfallprämie. Besonders eindrücklich war ein Tier,
das eine volle Stunde für seine Vorstellung brauchte.
Es war aus dem Zoo von Prag angereist, kannte noch
den Kaiser und Kafka und hatte lange im Untergrund
gelebt. Frau Will pochte immer auf ihre Uhr,
weil ihr die Zeit weglief, aber die Schildkröte war blind
und taub und nicht zu bremsen. Um vier in der Früh
wachte ich auf, an Schlaf war nicht mehr zu denken.
Als die Viren-Katastrophe über uns kam, begann Michael Krüger gerade eine Therapie gegen seine Leukämie. Und weil seine Immunabwehr auf null steht und ihn ein ferner Huster aus den Schuhen kippen würde, muss er sich von Menschen fernhalten. Er lebt mit seiner Frau in einem Holzhaus am Rand eines Dorfes in der Nähe des Starnberger Sees. Die Post (und die Zeitung) liegt zwei Tage im Freien, bevor sie im Backofen bei hundert Grad von allen Infektionen gereinigt wird, die Lebensmittel werden geliefert, eine Freundin aus dem Dorf geht zur Apotheke, um die Massen von Pillen einzukaufen. Krüger war viele Jahre lang literarischer Leiter und Geschäftsführer des Hanser-Verlages in München, danach Präsident der Bayerischen Akademie der Schönen Künste. Er schreibt Essays, Romane und Gedichte.
