Gedichte aus der QuarantäneIm Wald, im Holzhaus (6)

Aus Heft 20/20

Lesezeit: 1 Min.

Foto: Andreas Nestl

Der Schriftsteller Michael Krüger begann die Therapie gegen eine Leukämie gerade, als das Coronavirus sich verbreitete. Für das SZ-Magazin schreibt er Gedichte aus der Quarantäne. Folge 6: Die grausamen Azteken.

Von Michael Krüger

M

Mit der Sonne sind auch die Insekten gekommen, 
Tagelöhner, die am Abend mit der Sonne wieder verschwinden,
darunter auch Tagediebe, die auf der Spitze der Gräser sitzen
und sich vom Wind, noch immer von Osten, wiegen lassen.
Sie tragen einem nichts nach, wenn man sie mit den Fingern
von ihren Hochsitzen schnippt. Man muss lernen, gut zu sein.

Ich bin mit altem Kram beschäftigt, mit eingedunkelten Papieren,
weil es sich gehört, nichts liegen zu lassen, lauter Anfänge
von Romanen, die einmal das Gesicht der Welt verändern sollten,
schamrote Briefentwürfe, einen Essay über »Vertrauen« habe ich
heute in den Ofen geworfen, obwohl Papier nicht in den Ofen
gehört.

Alle reden von diesem heiligen Wort, diesem Gott
über all den moralischen Wörtern, die den Mund bitter machen.
Vertrauen haben und Vertrauen schenken, du lieber Gott!
Dazwischen schlucke ich meine bunten Pillen, deren Namen
an aztekische Götter erinnern, Venclyxto oder Venetoclax,
und habe Vertrauen, dass sie wie die grausamen Azteken,
die alles niedergemetzelt haben in einer eroberten Stadt,
alle feindlichen Viren und Keime vertilgen. Früher lohnte es sich,
Gott zu verfluchen, wenn einem ein Unrecht geschah.

Auch die Mücken sind zurück, die Eichhörnchen dagegen nicht.
Zwei Jahre lang haben sie meine Nussbäume geplündert,
jetzt lassen sie sich nicht mehr sehen in der Hoffnung,
eine zweite Chance zu erhalten. Verzeihen, auch so ein
heiliges Wort, Vertrauen und Verzeihen, groß und klein
geschrieben, sollte für eine Weile nicht gebraucht werden dürfen.

Die toten Reden machen mich kaputt. Aber was ich will,
spielt keine Rolle, Lebewesen und Dinge gehen weiter,
sie entwickeln sich. Ich gehe einmal ums Haus, den Schlüssel
lege ich unter die Matte. Am Horizont fahren Autos vorbei,
ich werde gesucht, aber nicht gefunden, nicht einmal das Gras
weiß, ob ich noch lebe. Dieser schreckliche Wille,
alles und überall sein zu wollen, ist längst gebrochen.
Aber die Eichhörnchen könnten zurückkommen,
damit das Geschrei der Elstern wenigstens einen Grund hat.

Als die Viren-Katastrophe über uns kam, begann Michael Krüger gerade eine Therapie gegen seine Leukämie. Und weil seine Immun­abwehr auf null steht und ihn ein ferner Huster aus den Schuhen kippen würde, muss er sich von Menschen fernhalten. Er lebt mit seiner Frau in einem Holzhaus am Rand eines Dorfes in der Nähe des Starnberger Sees. Die Post (und die Zeitung) liegt zwei Tage im Freien, bevor sie im Backofen bei hundert Grad von allen Infektionen gereinigt wird, die Lebensmittel werden geliefert, eine Freundin aus dem Dorf geht zur Apotheke, um die Massen von Pillen einzukaufen. Krüger war viele Jahre lang literarischer Leiter und Geschäftsführer des Hanser-Verlages in München, danach Präsident der Bayerischen Akademie der Schönen Künste. Er schreibt Essays, Romane und Gedichte.

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