Klimakrise»Kinder sollen ins Freibad gehen und nicht Plakate malen«

Lesezeit: 9 Min.

Platsch! Bei allen berechtigten Sorgen über Klima und Umwelt darf in der Kindheit, findet die Expertin Veronika Rivera, auch der Spaß nicht zu kurz kommen.
Platsch! Bei allen berechtigten Sorgen über Klima und Umwelt darf in der Kindheit, findet die Expertin Veronika Rivera, auch der Spaß nicht zu kurz kommen. Foto: Alexander Coggin / Connected Archives

Wenn Eltern die Hoffnung verlieren angesichts der Klimakrise – wie schaffen sie es, das nicht auf ihre Kinder zu übertragen? Die Autorin Veronika Rivera gibt Tipps, wie man mit Kindern altersgerecht über Erderhitzung und Zukunftsangst sprechen kann.

Interview von Katharina Mau

Wenn Sie kein Thema wie dieses mehr verpassen wollen, dann melden Sie sich hier für unseren kostenlosen »einfach leben«-Newsletter an:

SZ-Magazin: Wann haben Ihre Kinder Sie zum ersten Mal nach der Klimakrise gefragt?
Veronika Rivera: Das war meine älteste Tochter, als sie vier Jahre alt war. Wir waren spazieren und es fuhr ein richtig stinkendes Auto an uns vorbei. Sie meinte damals: »Warum machen diese stinkenden Abgase die Erde heiß?«

Wie haben Sie reagiert?
In dem Moment war ich überfordert. Wie erkläre ich einem vierjährigen Kind den Treibhauseffekt? Ich habe dann eine Antwort gestammelt und erklärt, dass die Gase sich wie eine Decke um die Erde legen und dadurch die Wärme nicht mehr so gut rauskommt.

Was würden Sie heute anders machen?
Ich würde erstmal nachfragen und gucken, was mein Kind schon weiß und was es wissen möchte. In der Regel geben Kinder den Weg vor und stellen die Fragen, deren Antworten sie auch verkraften können. Aber als Erwachsene denken wir oft zu komplex. Wenn man nachfragt, verhindert man, etwas vorwegzunehmen, das dem Kind Angst machen könnte – weil es vielleicht noch nicht so weit ist, die Antwort auf einer komplexen Ebene zu hören. Außerdem kann es passieren, dass wir auf der Sachebene antworten, obwohl das Kind eher ein Gefühl ausdrücken wollte.

Was bedeutet das?
Wenn ein Kind zum Beispiel fragt: »Warum lassen die Erwachsenen das einfach zu? Warum machen sie die Welt so kaputt?« Und wir antworten dann: »Ja, es ist wirklich schlimm, aber es gibt viele Menschen, die sich dafür einsetzen, es besser zu machen.« Dann klingt das beruhigend, aber geht möglicherweise am eigentlichen Kern vorbei.

Was können wir stattdessen sagen?
Zum Beispiel: »Das macht dich richtig wütend, oder?« Wenn ich davon ausgehe, dass die Emotion dahinter Wut sein könnte. Das ist ein sogenannter Türöffner aus der Methode des aktiven Zuhörens. Dann kann das Kind darauf eingehen und sagen: »Ja genau, ich bin sauer. Die Erwachsenen reden immer nur, aber sie machen nichts.« Man merkt dann: Das Kind wollte gar keine sachliche Erklärung. Es wollte verstehen, was es fühlt und wie es sich ausdrücken kann. Ein anderer Türöffner-Satz wäre: »Das scheint dich wirklich zu beschäftigen.« Wir öffnen dadurch einen Raum, weil das Kind merkt: Mir wird zugehört, ich darf darüber sprechen.

Foto: Privat

Veronika Rivera ist Journalistin, Landschaftsökologin und dreifache Mutter. Sie schreibt über die Schnittstellen von Elternschaft und Klimakrise und verfasst regelmäßig Fachartikel für Magazine aus den Bereichen Naturschutz und Landschaftsarchitektur. Ihr Buch Kindheit am Kipppunkt. Wie wir unsere Kinder stärken, die Zukunft gestalten und im Alltag Halt finden ist im Februar 2026 bei edition claus erschienen.

Es ist bestimmt nicht immer leicht, diese Wut da sein zu lassen.
Und trotzdem ist es wichtig, dass wir nicht versuchen, Pflaster draufzukleben oder die Dinge zu beschönigen. Sondern einfach sagen: Ja, deine Gefühle sind berechtigt und ich bin hier und höre dir zu. Wir müssen keine Lösung anbieten. Das Einzige, was wir machen können, ist die Emotionen auszuhalten und mitzutragen. Und wir dürfen da als Erwachsene auch viel über uns selbst lernen. Oft haben wir gar keinen Zugang zu unseren eigenen Emotionen. Man kann die Angst des Kindes aber schlecht aushalten, wenn man bei der eigenen Angst immer wegguckt.

Vor kurzem ist eine neue Studie erschienen, die bestätigt, dass die Erde sich schneller erhitzt als bisher. Wie kann ich denn mit meiner eigenen Angst klarkommen, wenn ich so etwas lese?
Ich würde in so einem Moment nie mit meinem Kind darüber sprechen, sondern erst einmal versuchen, mich selbst zu sammeln und zu stabilisieren. Zum Beispiel, indem ich mit anderen Erwachsenen über meine Gefühle rede.

Und wenn ich niemanden habe, mit dem ich über die Klimakrise sprechen kann?
Vielleicht fallen einem Personen ein, bei denen man das Gefühl hat: Die machen sich auch Gedanken, reden aber nicht darüber. Dann würde ich versuchen, das ins Gespräch zu bringen: »Ich habe jetzt dieses Buch oder diese Studie gelesen – hast du dich auch schon mal damit beschäftigt?« Man kann auch gucken, ob es in der Region Klimacafés gibt. Dort trifft man auf jeden Fall Leute, die ähnlich denken. Ich kenne aber auch viele Eltern, die keine Ressourcen haben, eine neue Gruppe zu suchen und ich finde Online-Communities genauso wertvoll wie Communities vor Ort. Egal, ob man sich online zu einem Gesprächskreis trifft, in einer Telegram-Gruppe chattet oder einfach nur mitliest und merkt: Hey, ich bin nicht allein. Das kann schon helfen.

Was hilft noch, mit der eigenen Angst umgehen?
Man kann auch aufschreiben, was einen bewegt. Oder einen Brief an das Kind schreiben und sagen: Du bist 5 Jahre alt, ich mache mir wahnsinnig Sorgen um deine Zukunft. Dann hat man das Gefühl, man bezieht das Kind ein, ohne es aktuell zu belasten. Und man muss versuchen, aus dieser Spirale der Ohnmacht herauszukommen. Solche Berichte sind erst einmal wahnsinnig erschlagend – so übermächtig und groß, dass man das Gefühl hat, man kann gar nichts tun. Man kann das herunterzubrechen und gucken: Wo kann ich ansetzen? Was macht mir am meisten Sorge oder Angst?

Wie mache ich das konkret?
Zum Beispiel, wenn ich mich frage: Wie sollen wir in Zukunft unsere Ernährung bewerkstelligen, wenn es immer heißer wird? Dann kann ich überlegen: Es gibt das Konzept der Planetary Health Diet. Das ist eine möglichst gesunde und klimafreundliche Ernährung, mit viel Gemüse, Obst, Vollkornprodukten und wenig Fisch und Fleisch. Das kann ich für mich persönlich umsetzen und habe einen kleinen Handlungsbereich. Das gibt Hoffnung. Die Hoffnung entsteht durch das eigene Handeln, sie fällt nicht vom Himmel.

Und gleichzeitig schreiben Sie in Ihrem Buch: Mit Jutebeuteln und Lastenrad können wir die Welt nicht retten.
Das sind zwei verschiedene Dinge. Dieses Handeln, um Hoffnung zu bekommen, ist eine Hilfe für die mentale Gesundheit. Wenn es aber darum geht, die CO2-Emissionen zu reduzieren, sollten wir uns nicht zu stark auf den individuellen Konsum konzentrieren. Solange die Ultrareichen mit ihren Privatjets und Yachten einen wahnsinnig hohen CO₂-Ausstoß haben, können wir kleine Leute uns abstrampeln ohne Ende und werden trotzdem keinen großen Effekt erzielen.

Also ist es egal, wie ich mich individuell verhalte?
Nein. Aber wir sollten uns stärker darauf fokussieren, uns zusammenzuschließen, anstatt uns in einem individuellen Hamsterrad abzustrampeln. Das Bild des ökologischen Fußabdrucks wurde von der fossilen Lobby ins Leben gerufen. Eine Alternative ist der ökologische Handabdruck. Das Bild dahinter: Wir nehmen uns an die Hände und haben dadurch einen größeren Hebel, um systemisch etwas zu verändern. Für mich als Mutter heißt das: Wir sind alle in unserem Alltag wahnsinnig beschäftigt. Also schaue ich, wo ich sowieso aktiv bin – im Elternbeirat, in der Nachbarschaft, im Sportverein, am Arbeitsplatz – und versuche dort Impulse reinzugeben.

Nehmen wir einmal den Elternbeirat. Was könnte ich da machen?
Wenn es zum Beispiel noch kein vegetarisches Mittagsmenü gibt, könnten Sie sich dafür einsetzen, dass es das in Zukunft gibt – zum Beispiel zwei, drei Tage die Woche fleischfrei. Bei uns in der Nachbarschaft sind wir an die Gemeinde herangetreten und haben gefragt, ob wir nicht mehr Solarstrom produzieren könnten. Und tatsächlich haben wir jetzt seit zwei Jahren einen kleinen Solarpark quasi vor der Haustür. Oder meine Mutter: Die hat sich mit ihren Nachbarn zusammengetan und sie haben kleine Balkon-Solarkraftwerke montiert. Vier Häuser nebeneinander in einer Reihenhaussiedlung haben jetzt Solarzellen. Das hat eine tolle Strahlkraft: Man geht die Straße entlang und denkt sich: Wie cool, ich will das auch haben.

Wenn es eine Sache gibt, die positiv ist an dieser ganzen Katastrophe, dann, dass ich die Gegenwart so wahnsinnig wertschätze.

Wenn ich bei uns im Fußballverein sage: »Hey, wir brauchen mehr vegetarisches Essen in der Vereinskneipe«, hätte ich Angst, als der Öko vom Dienst abgestempelt zu werden.
Das verstehe ich. Aber fallen Ihnen vielleicht ein, zwei Leute ein, die ähnlich denken?

Wahrscheinlich könnte ich welche finden.
Dann würde ich erst mal mit denen reden und versuchen, mir ein, zwei Buddies zu suchen, die mich unterstützen, damit ich nicht allein dastehe. Ich glaube, man hat meistens jemanden im Kopf, den man da ins Boot holen kann. Ich habe das auch schon beim Abholen oder Bringen in der Schule angesprochen: Hey, wollen wir nicht mal was zu Nachhaltigkeit beim nächsten Schulfest machen? Viele Menschen sind für solche Dinge viel offener, als man denkt – es hat im Alltag leider einfach zu wenig Raum.

Nochmal zurück zu den Kindern. Wo können sie Handlungsfähigkeit erfahren?
Es gibt viele Kinderbücher, die über Umwelt- und Nachhaltigkeitsproblematiken sprechen. Da werden viele Beispiele genannt: draußen Müll sammeln, Wasser sparen, Licht ausschalten. Solche Grundlagen würde ich im eigenen Alltag umsetzen und dem Kind mitgeben. Wenn wir mit Kindern über die Klimakrise sprechen, sollten wir immer schauen: Gibt es bei dem Problem eine Ebene, wo wir als Familie ansetzen können? Zum Beispiel beim Artensterben: Gibt es in der Nähe Baumpflanzprojekte und kann man da mithelfen? Die Eisbär-Thematik finde ich dagegen schwierig. Was bringt einem Kind in Mittel- oder Südeuropa das Bild von einem Eisbären, der seine Scholle verliert? Das ist so abstrakt.

Also als Faustregel: Nur solche Themen ansprechen, bei denen man gemeinsam mit den Kindern ins Handeln kommen kann?
Bei kleineren Kindern auf jeden Fall. Bis zum Ende der Grundschule ist das eine gute Faustregel. Bei Gesprächen mit älteren Kindern kann man andere Probleme ansprechen. Aber auch da ist es wichtig, immer Zukunftsvisionen einzubinden und zu überlegen: Was wäre eigentlich eine positive Vision, wie es auch sein könnte? Selbst wenn das im Moment nicht realistisch erscheint: Es bringt nichts, Kinder mit einer dystopischen Weltsicht zu belasten.

Und wenn Jugendliche selbst solche Ansichten und Ängste mit nach Hause bringen?
Auch hier: Die Gefühle ernst nehmen, nicht abtun. Ich habe für mein Buch mit Paula Steingäßer gesprochen. Sie ist im Jahr 2000 geboren und beschreibt in ihrem Buch Und was ist mit unserer Zukunft?, dass sie als Dreizehnjährige wahnsinnig belastet war durch ihre Angst vor der Zukunft. Bei allem, was ihr Freude gemacht hat, kam der Gedanke: Ich darf doch hier keinen Spaß haben, wenn es der Welt so schlecht geht. Sie hat mir gesagt, es hätte ihr geholfen zu hören, dass es nicht in ihrer Verantwortung liegt, die Welt zu retten. Die Verantwortung liegt bei den Erwachsenen, den Mächtigen, den Regierenden.

In der Fridays-for-Future-Bewegung übernehmen junge Menschen viel Verantwortung.
Es ist toll, dass sich so viele junge Menschen engagieren. Aber ehrlich gesagt ist es ein Unding, dass Kinder die Schule schwänzen, um sich dafür einzusetzen, dass sie eine Zukunft haben. Das ist nicht ihre Aufgabe. Die sollen ihre Kindheit genießen, ins Freibad gehen und nicht Plakate malen. Das ist unsere Verantwortung als Erwachsene. Und trotzdem: Wenn wir als Eltern alle unsere Kräfte darauf verlegen, die Zukunft zu retten, dann verpassen wir die Gegenwart. Wir haben nur eine Kindheit mit unseren Kindern. Und das finde ich so unfair: Wir als Eltern sind eine Gruppe, die wahnsinnig viel Verantwortung spürt, weil sie direkt sieht: mein Kind wird in dieser Zukunft leben müssen. Und gleichzeitig: Wo sollen wir die Ressourcen hernehmen, um uns darum zu kümmern? Elternschaft ist eine Mammutaufgabe.

Gucken wir noch in die andere Richtung: Wenn mein Kind früher gerne Insektenhotels gebaut hat und als Teenager übers Wochenende nach Mallorca fliegen möchte – wie gehe ich damit um?
Fragen Sie mich noch mal in ein paar Jahren (lacht). Mein erster Impuls wäre: Ich habe den Grundstein gelegt und letztendlich muss mein Kind eigene Entscheidungen treffen. Die Teenagerzeit ist eine Zeit der Abnabelung. Wenn das Kind jetzt in eine andere Richtung geht, ist das eine Form von Abgrenzung, die ganz natürlich ist. Ich hoffe aber natürlich, dass ich einen Menschen begleitet habe, dem die Welt nicht egal ist – weil er gemerkt hat, wie schön sie ist – und dass er irgendwann wieder auf diesen nachhaltigeren Weg zurückfindet.

Wir sollten das also einfach annehmen?
Was will ich denn tun? Ich werde mich nicht an den Flughafen stellen und mein Kind hindern, da einzusteigen.

Und Ihrem Kind auch nicht reinreden?
Das kommt auf die Situation an. Wenn das Kind mit einer Freundin für ein Wochenende nach Mallorca fliegen will, dann würde ich schon sagen: Willst du nicht hierhin mit dem Zug fahren? Da ist es auch schön. Aber wenn es eine Klassenreise ist und die ganze Klasse fliegt – dann werde ich nicht sagen: Sei mal der Öko und flieg nicht mit. Da würde ich mich lieber vorher mit ein paar anderen Eltern zusammentun, zur Lehrerin gehen und sagen: Wäre es nicht möglich, die Abschlussreise dieses Jahr anders zu machen? Zum Beispiel mit dem Zug nach Warschau? Dann liegt die Verantwortung wieder bei mir, und ich verlange nicht vom Kind, dass es sich gegen die Freundesgruppe stellt.

Als Mutter finde ich es schwer auszuhalten, dass ich mein Kind nicht vor den Folgen der Klimakrise beschützen kann. Wie kann ich damit umgehen?
Ich kann sagen, wie ich damit umgehe. Wenn es eine Sache gibt, die positiv ist an dieser ganzen Katastrophe, dann, dass ich die Gegenwart so wahnsinnig wertschätze. Man kann jeden Tag kleine Inseln der Verbindung schaffen: Wasserfarben rausholen statt Buntstifte, abends noch mal mit den Taschenlampen vor die Tür gehen, obwohl es schon dunkel ist. Ich will dieses Jetzt so sehr genießen, dass ich nicht zulasse, dass Zukunftsangst mir den Tag verdirbt.

Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
Zur Startseite

Mehr zum Thema

SZ Stellenmarkt
:Entdecken Sie attraktive Jobs

In anspruchsvollen Berufsfeldern im Stellenmarkt der SZ.

  • Medizin, Gesundheit & Soziales
  • Tech. Entwicklung & Konstruktion
  • Consulting & Beratung
  • Marketing, PR & Werbung
  • Fahrzeugbau & Zulieferer
  • IT/TK Softwareentwicklung
  • Tech. Management & Projektplanung
  • Vertrieb, Verkauf & Handel
  • Forschung & Entwicklung
Jetzt entdecken

Exklusive Gutscheine für SZ-Abonnenten: