Essen und TrinkenEinmal Dopamin mit Ketchup, bitte!

Aus Heft 13/26

Lesezeit: 3 Min.

Wer nur eine Fritte hat, wird wenigstens nicht gefragt, ob er welche abgeben kann.
Wer nur eine Fritte hat, wird wenigstens nicht gefragt, ob er welche abgeben kann. Foto: Lisa Mantel

Sobald irgendwo Pommes auf dem Tisch stehen, greifen in Sekundenschnelle alle zu – egal, wessen Portion das ist. Warum machen Fritten so gierig wie glücklich?

Von Kerstin Greiner

I

Ich kann nicht anders. Ach was: Niemand kann anders! Sobald ein Teller Pommes frites im Restaurant auf dem Tisch steht, greifen alle zu. Egal, zu welcher Bestellung der Teller gehört. Das ist das unausgesprochene Pommes-Gesetz. Ich habe es oft erlebt. Zuerst herrscht Unsicherheit: Wem gehört der Teller? Ein kurzer Blick in die Runde – dann schnellen die Hände so oder so vor. Auf der Skihütte, wo Pommes das Wiener Schnitzel begleiten. Beim Franzosen um die Ecke, wo sie Muscheln oder Tatar ergänzen. Oder bei der Fast-Food-Kette, sobald das Tablett auf dem Tisch steht. Ich nenne es das »Erste-Pommes-Syndrom«. Meistens bin ich die Erste. Meine Reflexe sind geschult, ich bin ein Erste-Pommes-Profi.

Bei Rosenkohl verhalte ich mich nicht so. Nur bei Pommes vergesse ich meine Tischmanieren. Sollte ich mich schämen? Bin ich ein Pommes-Rowdy? Zum Glück lässt sich das Erste-Pommes-Syndrom wissenschaftlich erklären – und entschuldigen: Der Anblick von Pommes entfacht einen Sturm an evolutionsbiologischen, psychologischen und soziologischen Reaktionen. Niemand kann sich dem entziehen.

Seltsamerweise müssen Fritten nicht einmal apart angerichtet sein, um unwiderstehlich zu wirken.

Pommes sind salzig, fettig, klein und im besten Fall knusprig. Menschen lieben Knuspriges. Unser steinzeitliches Gehirn jubelt, wenn etwas knackt. Knacken bedeutet: nicht verdorben, nicht gefährlich. Unsere Vorfahren überlebten eher, wenn sie Knuspriges aßen, als wenn es Muffiges oder Schwabbeliges war. Diese Vorliebe könnte bei Insekten und Pflanzen ihren Ursprung haben. Spätestens seit der Entdeckung des Feuers steht Knuspriges im Mittelpunkt unserer Ernährung, wie der Neuroanthropologe John S. Allen in seinem Buch The Omnivorous Mind schreibt.

Pommes bestehen aus Kohlenhydraten, Fett und Salz – auch noch eine Riesenbelohnung für Menschen. Sie lassen das Dopamin tanzen, einen Botenstoff im Gehirn, der uns Vorfreude und Verlangen spüren lässt. Das Gehirn schüttet Dopamin nicht erst beim Biss in die Pommes aus, sondern schon bei ihrem Anblick. Und unser Gehirn liebt Vorstellungen, hasst aber Aufschub. Es will Belohnung, sofort, jetzt. Die Verhaltensökonomie nennt das »zeitliche Diskontierung«: Wir bewerten schnelle Belohnungen höher als spätere. Die Pommes in der Hand ist jetzt wertvoller als in fünf Minuten.

Seltsamerweise müssen Fritten nicht einmal apart angerichtet sein, um unwiderstehlich zu wirken.
Seltsamerweise müssen Fritten nicht einmal apart angerichtet sein, um unwiderstehlich zu wirken. Foto: Lisa Mantel

Man könnte meinen, Kartoffelchips oder Erdnüsse böten das Gleiche. Warum kämpfen wir dann nicht um den ersten Griff in die Chipstüte? Weil Pommes klein, heiß und nur kurz in ihrem Premium-Zustand sind: außen knusprig, innen fluffig. Also öffnen Pommes ein Zeitfenster. Im Kopf beginnt eine logische Kette: Wenn es nur kurz eine kleine Menge in bester Qualität gibt, entsteht Knappheit – der Startschuss für sozialen Wettbewerb. Dieses Knappheitsdenken, in der psychologischen Fachsprache »Scarcity Mindset« genannt, lässt uns wetteifern, als müssten wir in der Savanne um Beute konkurrieren. Dann greift irrationales Verhalten um sich. Luxushersteller nutzen diesen Effekt, indem sie den Verkauf bestimmter Handtaschen verknappen. So betrachtet, ist die Fritte auf dem Teller nichts anderes als eine 10 000-Euro-Handtasche. Im Wettstreit blühen Menschenauf: Wer zuerst zugreift, gewinnt. In der Evolution hatte derjenige mehr Energie, der zuerst aß. Studien über kompetitives Essen zeigen, dass besonders Männer in sozialen Situationen übermäßig essen. Auch bei Schimpansen sieht man: Tiere, die bei ihren Artgenossen als Erste um Nahrung betteln, haben bessere Chancen, etwas abzubekommen.

Und dann ist da der Moment, in dem der Pommes-Teller auf den Tisch kommt, wie eine Frage ohne Satzzeichen. Dieser Moment ist eine Zumutung für das Gehirn: ein sozialer Schwebezustand. Das Gehirn hasst Unsicherheiten. Es will Ordnung, Anfang, Handlung. Wenn der Teller erscheint, aber niemand zugreift, bleibt die Erwartung in der Luft hängen. In unklaren Situationen wartet jeder darauf, dass ein anderer den ersten Schritt macht – ein Phänomen, das die Psychologie als »Verantwortungsdiffusion« kennt. Wer handelt, reduziert die Unsicherheit der anderen. Die Anspannung sinkt. Handeln entlastet. Der Soziologe Pierre Bourdieu nennt dies den »Praktischen Sinn« des Habitus: Wir handeln oft unbewusst und spontan, noch bevor unser Verstand die Situation erfasst hat. Der erste Griff setzt den Takt. Danach greifen alle im Rhythmus – und können endlich weiter über den sulzigen Schnee auf der Talabfahrt reden oder über die frischen Muscheln an der Strandbude in Südfrankreich. Der erste Griff in die Pommes ist also kein Übergriff, sondern ein sozialer Dienst an der Gruppe. Er sagt: Wir teilen. Der Sozialpsychologe Solomon Asch wies in Studien nach, dass sich Menschen in unklaren Situationen an den Reaktionen anderer orientieren.

In meinen bisherigen Pommes-Erfahrungen wurde der kollektive Griff selten bestraft – höchstens von meinem Sohn, der nicht mal seine Gummibärchen mit Erwachsenen teilt. Weil in Tausenden Situationen jemand die ersten Pommes genommen hat und keinen Klaps auf die Hand bekam, haben wir das Ritual des gemeinschaft­lichen Pommes-Pickens erlernt.

Wenn ich also die erste Fritte vom Teller schnappe, bin ich kein Rüpel. In einer unerträglichen Lage bin ich die Erlöserin.

Illustration: Grafilu

Kerstin Grainer
hat bei ihren Recherchen gelernt, dass die perfekten Pommes zweimal frittiert werden – und bestenfalls zwischen den Frittiergängen abkühlen und einen Tag ruhen sollten. Dadurch verändert sich die Stärke in der Kartoffel, was die Pommes knuspriger macht.
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