Kaffee-FanatismusInteressiert mich die Bohne

Aus Heft 18/26

Lesezeit: 5 Min.

Die Liebe zum Kaffee kann einem Menschen erheblich zu Kopf steigen.
Die Liebe zum Kaffee kann einem Menschen erheblich zu Kopf steigen. Illustration: Toon Joosen

Röstgrade? Handmühlen? Japanische Keramikfilter? Kaffee-Nerds sind eine Zumutung! Doch man wird schneller einer von ihnen, als man glaubt, wie unser Autor an sich selbst feststellte.

Von Jakob Schrenk

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Wann habe ich die Kontrolle verloren? War das schon vor gut 15 Jahren, als ich mir über den perfekten Milchschaum Gedanken machte und auf Youtube Crema-Tutorials absolvierte? Oder war der entscheidende Fehler der Kauf der viel zu teuren Hand-Kaffeemühle irgendwann im Corona-Lockdown? Es hätte mir eine Warnung sein müssen, dass im vergangenen Sommer ein Freund entsetzt mein Angebot ablehnte, ihm eine Tasse Kaffee zuzubereiten: »Das dauert bei dir viel zu lange.« Vor ein paar Wochen habe ich dann den Punkt überschritten, nach dem es keine Rückkehr mehr gibt. In einem Gespräch mit Kollegen hörte ich die bescheuerte Formulierung »Mein Lieblings-Barista«, wunderte mich kurz und erschrak, als mir klar wurde: Ich selbst hatte das gesagt.

Es ist Zeit für die bittere Wahrheit: Ich bin ein Kaffee-Nerd. Keine schmeichelhafte Bezeichnung für einen Mann in den späten Vierzigern. Die kaum verhüllte Midlife-Crisis, der Versuch, sich über den Schmerz der verlorenen Jugend mit kostspieligen Geräten hinwegzutrösten. Die Mansplaining-Meisterschaften über die perfekten Mahl- und Röstgrade (»Espresso ist im Grunde nur verbrannter Kaffee«). Der arrogante Stolz auf die hochgezüchteten Geschmacksnerven, mit denen man »Noten von getrockneter Aprikose« erkennt – und gleich auch noch das süße Aroma von Distinktion und kultureller Überlegenheit genießt. Haben wir keine wichtigeren Probleme? Ist das Getue nicht ein bisschen verkrampft? Wieso kostet eine Tasse Kaffee plötzlich so viel wie ein Mittagessen? Alles gute Fragen. Mir ist meine Leidenschaft oft lästig und peinlich. Ich habe das nicht gewollt, es ist einfach so passiert.

Eine Entschuldigung: Der Kaffee bringt die Menschen schon länger auf Trab und vielleicht auch um den Verstand. Angeblich servierte der Erzengel Gabriel dem Propheten Mohammed die erste Tasse Kaffee der Menschheit. Etwas besser belegt ist, dass sich die Sufis im Jemen des 15. Jahrhunderts Kaffee brühten, um für nächtliche Gebete wach zu bleiben. Das erste europäische Kaffeehaus öffnete 1645 in Venedig. Vor allem Künstler begeisterten sich für den Kaffee, also Menschen, die etwas von Kultur verstehen. Jonathan Swift, der 1745 verstorbene irische Schriftsteller, schrieb: »Die beste Methode, das Leben angenehm zu verbringen, ist, guten Kaffee zu trinken.«

Schon als Kind faszinierte mich eine Anekdote: Meine Großtante konnte sich in der Nachkriegszeit nur eine Tasse Kaffee pro Woche leisten. Um den Genuss zu maximieren, zog sie sonntagnachmittags ihren Pyjama an, räumte das Zimmer auf, öffnete das Fenster und legte sich dann mit dem dampfenden Becher ins Daunenbett. Vielleicht hat mich vor allem der Aufwand verführt, den wir um den Kaffee treiben. Ich gehe auch deswegen mehrmals pro Woche in Hipster-Kaffee-Läden, weil ich so gern den Baristas bei der Arbeit zuschaue – und besonders gern natürlich meinem »Lieblings-Barista« Andi (vom Café »gangundgäbe« in München). Wer klagt, dass es heutzutage kein gutes Handwerk mehr gebe, sollte ihm und seinen Kolleginnen und Kollegen in der ganzen Republik bei der Arbeit zuschauen. Die genau abgezirkelten Bewegungen vor der Espresso-Maschine, hundert- oder tausend- mal am Tag ausgeführt, mit der immer gleichen Konzentration und Perfektion. Baristas sind verliebt ins Gelingen. Auf jede Tasse fertigen Kaffees scheinen sie so stolz zu sein, als wäre es die erste in ihrem Leben. Sisyphos hatte im Vergleich dazu eine schlampige Arbeitsmoral.

Ja, auch ich finde 4,50 Euro für einen Flat White ziemlich viel. Andererseits geben die Deutschen nur 14 Prozent ihres gesamten Konsumbudgets für Essen und Getränke aus – der Rest fließt in Miete, Kleidung oder Freizeit. 1950, in den Zeiten des Genuss­rituals meiner Großtante, lag dieser Wert noch bei 45 Prozent, 1960 bei etwa 38. Vielleicht ist es in Ordnung, aus Kaffee wieder ein Luxusprodukt zu machen, für die besonderen Momente.

Dieser Genusswille kann auch ein Selbstschutz sein: Zu Hause kann ich schon des­wegen nicht einen Liter Kaffee pro Tag hinunterstürzen, weil die Zubereitung so aufwendig ist. Ich muss ja erst den Kaffee mit der Hand mahlen, den Filter befeuchten, damit er keinen Papiergeschmack ab­gibt, das Wasser auf 95 Grad erhitzen, um es dann in vorsichtigen, kreisenden Bewegungen … und so weiter und so fort. »Luxus entsteht, wenn ein Zweck mit übertriebenem Aufwand verwirklicht wird«, meint der Philosoph Lambert Wiesing. Beim Kaffee­kochen und Kaffeetrinken ziehe ich mich zurück auf die Insel des Eigensinns, ein Kurzurlaub von Effizienzgeboten, Alltag und dem neuen Wahnsinns-Update aus dem Weißen Haus.

Je mehr ich mich für Kaffee begeisterte, desto mehr Aufwand betrieb ich – und das steigert wieder meine Begeisterung. Die Spirale der Verfeinerung zieht mich immer weiter nach unten. Oder nach oben? Optimierung hat einen schlechten Ruf, gilt als verkopft, verkrampft und spaßfeindlich. Ich glaube, das Gegenteil ist wahr. Viele Menschen sind zu faul zum Genuss und verpassen auf der Convenience-Couch die aufregenden und schönen Momente des Lebens, für die man sich halt ein bisschen anstrengen muss. Verschafft es nicht eine enorme Befrie­digung, sich ganz in eine Tätigkeit zu versenken, sein Bestes zu geben, egal, ob es darum geht, eine Fremdsprache zu lernen, Geige zu spielen oder Kaffee zu kochen? »Woran du dein Herz hängst und worauf du dich verlässt, das ist eigentlich dein Gott«, hat Martin Luther gesagt. Würde ich an Eis­klettern mein Herz hängen, wäre dies mit viel Aufwand und vielen Risiken verbunden. Kaffee ist unkomplizierter. Und sehr verlässlich: Wenn der Wecker mal ausnahmsweise um vier Uhr morgens klingelt, etwa weil ich zu einer frühen Reise aufbreche, bin ich kurz entsetzt – und in der nächsten Sekunde freue ich mich schon, weil ich ja jetzt endlich wieder Kaffee trinken kann. Ist es nicht von einer verwirrenden, überwältigenden Schönheit, dass so ein kleines vertrocknetes Ding wie eine Kaffeebohne mal nach Schokolade schmeckt und mal tatsächlich nach getrockneter Aprikose?

Wer fein schmeckt, weiß leider auch genau, was ihm alles nicht schmeckt. Das ist die Verfeinerungsfalle, in die ich blind vor Begeisterung gelaufen bin. Trotz allem Hype wird ja immer noch sehr viel sehr schlechter Kaffee produziert. Ich fange erst gar nicht von der Starbucks-Idiotie an. Aber es gibt zum Beispiel in der Münchner Innenstadt eine Bäckerei, die die besten Krapfen der Welt macht. Ich gehe trotzdem fast nie hin, weil der Kaffee dort schmeckt, als würden sie ihn in alten Socken brauen. Den schnell gebrühten Supermarktkaffee, den mir manchmal Freunde anbieten, lasse ich stehen, obwohl ich das grob unhöflich finde. Eigentlich liebe ich es, nach dem Essen einen Kaffee zu trinken. Aber oft gibt es noch nicht einmal in der Sternegastronomie guten Espresso. Die Italiener trinken ja ihren Kaffee auch nicht im Restaurant, sondern gehen in die Bar nebenan (aber solche richtig guten Bars gibt es in Deutschland nicht, und die Hipster-Läden haben abends schon zu).

Ja, klar, der letzte Satz war schon wieder so ein nerviger Kaffee-Katechismus. Ich weiß ja auch, dass ich zur Belastung für meine Mitmenschen werde. Ich spüre die Blicke, wenn ich im Ferienhaus als Erstes Kaffeebohnen, Mühle und die Hario-V60-Filter auspacke (das sind nun einmal die besten). Oft wird Kaffeeliebhabern ja unterstellt, sie wollten sich über ihren Konsum abgrenzen und sich zum Beispiel mit dem Genuss von hell geröstetem, sehr saurem Kaffee als extremistische Experten inszenieren. Da mache ich nicht mit. Neben purem Filter­kaffee mag ich nach wie vor Espresso mit Milch, obwohl das Kenner ablehnen, weil die süßliche Milch angeblich die Bohnen-Aromen überdeckt.

Überhaupt will ich niemanden ausschließen. Ich hoffe, dass sich mir (und Andi) möglichst viele Menschen anschließen. Je mehr wir werden, desto mehr Optionen für guten Kaffee und gute Kaffeegespräche habe ich. Und desto weniger fällt mein spezielles Verhalten auf. Es ist auch gar nicht so schwer, ein Kaffee-Nerd zu werden. Man muss sich nur einmal überlegen, wie man den Milchschaum etwas cremiger hin­bekommt. Ab diesem Moment geht eigentlich alles wie von selbst.

Illustration: Grafilu

Jakob Schrenk empfiehlt das gerade erschienene Buch Sie brauchen ihn schwarz mit Kaffeegeschichten unter anderem von Thomas Mann, Tania Blixen und Franz Kafka.

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