Die GewissensfrageMenü aus dem Müll

Aus Heft 21/18

Lesezeit: 2 Min.

Serge Bloch

Muss man seinen Gästen verraten, dass man ihnen aussortierte Lebensmittel aus Müllbehältern serviert?

Von Dr. Dr. Rainer Erlinger Illustration: Serge Bloch

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»Meine WG containert: Wir holen uns Lebensmittel aus Müllbehältern, damit sie nicht sinnlos vernichtet werden. Wir sind sehr wählerisch und nehmen nur wirklich gute, verzehrfähige Sachen. Wir waschen alles ordentlich und essen es ohne Bedenken. Müssen wir dennoch Bescheid sagen, wenn wir Gäste einladen – wegen des subjektiven Ekels, den sie vielleicht empfinden?« Sara B., München

Meiner Meinung nach müssen Sie die Gäste aufklären. Den ersten Grund nennen Sie selbst: den subjektiven Ekel. Auch wenn er objektiv nicht berechtigt sein mag, weil die Lebensmittel noch einwandfrei sind, gehört es zur Autonomie des Menschen zu entscheiden, was er oder sie essen will und was nicht. Wenn dabei nicht jedermanns persönliche Sicht entscheidend wäre, wessen Sicht dann? Die der Mehrheit? Darf man dann Vegetariern heimlich Fleisch geben oder Pferdeliebhabern, die Fleisch anderer Tierarten essen, heimlich Pferdefleisch vorsetzen? Man muss gar nicht bis zum berüchtigten Hundefleisch gehen, dessen Wertschätzung als Nahrungsmittel von der kulturellen Prägung abhängt und je nach Land höchst unterschiedlich gesehen wird.

Damit verwandt ist die Überlegung, dass das Containern, also sich das Essen aus dem Müll zu holen, zwar im Hinblick auf die Verschwendung von Lebensmitteln moralisch hochwertig ist – da mag sogar weitgehende Zustimmung herrschen –, aber hierzulande nicht allgemein für die eigene Ernährung akzeptiert wird. Das mag widersprüchlich sein, dennoch muss man davon ausgehen, dass viele Ihrer Gäste so gewonnene Lebensmittel eher nicht essen wollen. Insofern handeln Sie gegen den mutmaßlichen Willen Ihrer Gäste, und damit wären wir wieder bei der Autonomie. Der Lackmustest scheint mir hier die Frage, warum Sie es nicht grundsätzlich immer offen sagen. Das wäre ganz einfach, würde alle Zweifel beseitigen und alle Probleme lösen. Wenn Sie da zögern, zeigt es, dass Sie es bewusst verschweigen – dann wollen Sie die Betreffenden manipulieren, indem Sie ihnen Wissen vorenthalten und dadurch den ahnungslosen Essern ihre Wahl nehmen. Und das ist trotz des ökologisch und moralisch begrüßenswerten Ansatzes falsch.

Literatur:

Lesenswert zum Thema Manipulation:

Alexander Fischer, Manipulation. Zur Theorie und Ethik einer Form der Beeinflussung, Suhrkamp Verlag, Berlin 2017

Fischer vertritt darin einen differenzierten Standpunkt, der nicht jede Manipulation als unethisch betrachtet. Eines der Kriterien ist für ihn aber, dass den Manipulierten trotz Manipulation immer noch eine Wahlfreiheit bleibt.

Zur Geschichte vor allem des Begriffs der Manipulation:

H.-J. Dahme, Manipulation, in: Joachim Ritter, Karlfried Gründer und Gottfried Gabriel (Hrsg.), Historisches Wörterbuch der Philosophie, Band 5, Verlag Schwabe, Basel, 1980, Spalte 726 – 729.

Illustration: Grafilu

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