Zurück ins Elternhaus:Von Nesthockern keine Spur

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Wie bei Alexandra gab es auch bei Sandra Anfang 2013 mehrere Gründe, wieder bei ihrem Vater einzuziehen. Sie war bereits seit Längerem mit ihrem Job unzufrieden, als sie die Nachricht erhielt, ihre Großmutter sei schwer erkrankt. "An einem Montagmorgen, kurz nachdem ich von der Krankheit meiner Großmutter erfahren hatte, saß ich in München in der Bahn und habe über alles nachgedacht. Da ist mir plötzlich der Gedanke gekommen, wieder nach Karlsruhe zu ziehen." Drei Tage später kündigte sie und fuhr zurück in die Heimat.

Weil sie noch keinen neuen Job hatte und nicht wusste, ob sie später in Karlsruhe oder Freiburg arbeiten würde, zog sie wieder zu Hause ein. Doch die Unsicherheit über den künftigen Job und die Geldknappheit waren nicht die einzigen Motive für die Rückkehr. "Natürlich ging es ums Finanzielle. Aber auch darum, dass ich meinem Vater ein wenig unter die Arme greifen wollte. Er musste bezüglich seiner Mutter - meiner Großmutter - viele Entscheidungen treffen. Da wollte ich ihm zur Seite stehen." Sie selbst freut sich, ihrer Großmutter wieder näher gekommen zu sein. "Wir haben in dieser Zeit viel aufgeholt, sie ist die weibliche Verwandte, die mir am nächsten steht", sagt Sandra nach vier Monaten in Karlsruhe. Und auch wenn es mit dem Vater gelegentlich Reibungen gibt und "er sich immer in alles einmischt", ist sie erstaunt, wie gut das Zusammenleben funktioniert.

Unterstützung - auch ohne Gegenleistung

Sandras Erfahrungen unterstreichen, was auch Thönnissen betont: Wenn Kinder wieder zurück zu ihren Eltern ziehen, sollte das nicht als Mangel an Eigenständigkeit betrachtet werden - sondern als Beleg für das Funktionieren einer Familie. "Familien sind Solidargemeinschaften", sagt die Gesellschaftswissenschaftlerin, "da ist es ganz normal, dass man sich unterstützt - auch ohne sofort eine Gegenleistung zu erwarten."

Wichtig ist laut Thönnissen, dass jede Familie ihren eigenen Weg findet, mit der neuen Wohnsituation umzugehen. Ob das nun feste Regeln sind, wer wann einkauft, wäscht und den Müll runterbringt, oder Gespräche darüber, inwieweit sich die einzelnen Familienmitglieder in das Leben der anderen einmischen dürfen. Manche Familien kommen besser mit Regeln zurecht, andere sind lieber spontan. Auf jeden Fall aber bedürfen die neuen Umstände eines gewissen Anpassungswillens auf beiden Seiten.

Lösung auf Zeit

Dass die Kinder am Ende nicht mehr ausziehen wollen, dass sie sich in das Klischee des Nesthockers fügen, dürfte in den wenigsten Fällen passieren. Die meisten jungen Rückkehrer sehen den Schritt zurück ins Elternhaus als Lösung auf Zeit. Als Übergangsphase, die aufgrund bestimmter äußerer Umstände eingetreten ist, und die es beizeiten zu beenden gilt. Mit der Freude an warmem Mittagessen und frischer Wäsche hat das wenig zu tun.

So testet Alexandra schon seit längerer Zeit wieder das Alleinewohnen, wenn auch nur vorübergehend. Alle paar Monate zieht sie für ein paar Wochen in das WG-Zimmer eines Freundes, der viel geschäftlich unterwegs ist. Und auch Sandra möchte spätestens Ende des Jahres wieder in eine eigene Wohnung ziehen. Auf Dauer bei den Eltern zu bleiben, ist für beide keine Option - auch wenn sich mittlerweile alle Mitbewohner wieder aneinander gewöhnt haben.

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