Zurück ins Elternhaus Hallo Mama, ich bin wieder da!

Wenn junge Erwachsene nach einer Zeit des Alleinewohnens wieder bei den Eltern einziehen, hat das selten etwas mit Faulheit oder der Vorliebe für gefüllte Kühlschränke zu tun. Die Rückkehr birgt Konflikte - und das nicht nur, weil sich die Kinder weiterentwickelt haben.

Von Felicitas Kock

"Ich bleibe bei euch wohnen, bis ich 53 bin" - die wenigsten Kinder können sich vorstellen, jemals von zu Hause auszuziehen. Wie sollten sie auch überleben, außerhalb der schützenden Höhle mit persönlichem Weckdienst, täglich warmem Mittagessen und frischer Wäsche? Ein Gefühl, das sich frühestens mit der Pubertät und spätestens mit dem Abschluss der Ausbildung verflüchtigt. Meistens.

Schafft der Nachwuchs den Abschied aus dem Elternhaus nicht zu einem gesellschaftlich anerkannten Zeitpunkt, ist schnell von der "verwöhnten Jugend" die Rede, von den "ewigen Nesthockern" und dem vielzitierten "Hotel Mama". Dass Kinder heute oft viel später ausziehen als noch vor 30 Jahren, zeigt eine Studie des Statistischen Bundesamtes aus dem Jahr 2011: Im Alter von 25 Jahren leben heute 21 Prozent der Frauen und 38 Prozent der Männer noch bei ihren Eltern.

Doch was, wenn die jungen Erwachsenen früh flügge geworden sind und den Absprung aus der heimischen Komfortzone geschafft haben; wenn sie womöglich für einige Zeit in einer fremden Stadt oder gar im Ausland gelebt haben - und dann doch wieder bei den Eltern vor der Tür stehen? Über zurückkehrende Söhne und Töchter gibt es keine Statistiken. "Dabei ist dieser Schritt gar nicht so selten", sagt Carolin Thönnissen vom Beziehungs- und Familienpanel der Ludwig-Maximilians-Universität München. Gerade wenn es im Leben der erwachsenen Kinder einen größeren Einschnitt gebe, sei das Elternhaus oft die erste Anlaufstelle.

"Am Anfang war es hart"

Bei Alexandra aus München gab es im Jahr 2009 gleich zwei solche Einschnitte: Erst trennte sie sich von ihrem Freund, mit dem sie zusammenwohnte, dann wurde ihr die staatliche Studienfinanzierung gestrichen. Das Geld wurde knapp. Mehr als zwei Jahre, nachdem sie aus ihrem Kinderzimmer ausgezogen war, packte sie ihre Sachen zusammen und ging wieder zurück in den Münchner Vorort Eichenau. "Es war die erste Option, die mir in den Sinn gekommen ist", erzählt die 26-Jährige.

Eine gute Entscheidung? "Am Anfang war es hart", sagt Alexandra heute. Im ersten halben Jahr sei sie immer wieder mit ihren Eltern aneinandergeraten. "Sie haben einfach vorausgesetzt, dass alles so sein würde wie früher." Das habe beim gemeinsamen Abendessen angefangen und bei Thema Pünktlichkeit noch lange nicht geendet. "Ich war in meiner Spontaneität eingeschränkt", sagt Alexandra, "sobald ich mal ein paar Stunden länger weg war als geplant, musste ich Bescheid sagen. Einfach mal bei Freunden in der Stadt zu übernachten, war eigentlich nicht drin."

Eltern bleiben Eltern, Kinder bleiben Kinder

Was der Studentin die Nerven raubte, ist für Carolin Thönnissen nicht weiter verwunderlich. "Beide Seiten müssen sich in so einer Situation erst wieder aneinander gewöhnen", sagt die promovierte Gesellschaftswissenschaftlerin. "Und sie müssen lernen, dass sich ihre Beziehung zueinander verändert hat." Das gelte nicht nur für die Verbindung zwischen Eltern und Kind, sondern auch für die der Eltern untereinander. "Sind die Kinder aus dem Haus, definieren sich viele Paare neu", erklärt Thönnissen. Für manche verschwindet mit dem Nachwuchs der gemeinsame Anker und sie trennen sich. Andere suchen sich neue Hobbys, machen mehr mit Freunden, verbringen Zeit zu zweit - und gleichen sich damit eher der Lebensphase an, in der sie waren, bevor sie Kinder hatten.

Wenn dann der Nachwuchs plötzlich wieder vor der Tür steht, kann alles durcheinandergeraten - gerade, weil auch die Kinder nicht mehr die sind, die sie einmal waren. Sie haben womöglich einige Zeit im Ausland verbracht und sind durch die halbe Welt gereist wie Sandra aus Karlsruhe, die mit 20 von zu Hause ausgezogen ist, um auf einem Kreuzfahrtschiff zu arbeiten und später einen Job in München anzunehmen. Sie haben bewiesen, dass sie sich selbst versorgen können, haben alleine eingekauft, gekocht, gewaschen - und überlebt. Doch sobald sie wieder bei Mutter und Vater einziehen, zählen diese Erfahrungen nicht mehr viel. "Es mag sich noch so viel verändern, aber Eltern bleiben Eltern und Kinder bleiben Kinder", sagt Thönnissen.