Zurück ins Elternhaus:Hallo Mama, ich bin wieder da!

Frau zuhause

Wieder bei den Eltern wohnen - eine gute Idee?

(Foto: seite14 / photocase.com)

Wenn junge Erwachsene nach einer Zeit des Alleinewohnens wieder bei den Eltern einziehen, hat das selten etwas mit Faulheit oder der Vorliebe für gefüllte Kühlschränke zu tun. Die Rückkehr birgt Konflikte - und das nicht nur, weil sich die Kinder weiterentwickelt haben.

Von Felicitas Kock

"Ich bleibe bei euch wohnen, bis ich 53 bin" - die wenigsten Kinder können sich vorstellen, jemals von zu Hause auszuziehen. Wie sollten sie auch überleben, außerhalb der schützenden Höhle mit persönlichem Weckdienst, täglich warmem Mittagessen und frischer Wäsche? Ein Gefühl, das sich frühestens mit der Pubertät und spätestens mit dem Abschluss der Ausbildung verflüchtigt. Meistens.

Schafft der Nachwuchs den Abschied aus dem Elternhaus nicht zu einem gesellschaftlich anerkannten Zeitpunkt, ist schnell von der "verwöhnten Jugend" die Rede, von den "ewigen Nesthockern" und dem vielzitierten "Hotel Mama". Dass Kinder heute oft viel später ausziehen als noch vor 30 Jahren, zeigt eine Studie des Statistischen Bundesamtes aus dem Jahr 2011: Im Alter von 25 Jahren leben heute 21 Prozent der Frauen und 38 Prozent der Männer noch bei ihren Eltern.

Doch was, wenn die jungen Erwachsenen früh flügge geworden sind und den Absprung aus der heimischen Komfortzone geschafft haben; wenn sie womöglich für einige Zeit in einer fremden Stadt oder gar im Ausland gelebt haben - und dann doch wieder bei den Eltern vor der Tür stehen? Über zurückkehrende Söhne und Töchter gibt es keine Statistiken. "Dabei ist dieser Schritt gar nicht so selten", sagt Carolin Thönnissen vom Beziehungs- und Familienpanel der Ludwig-Maximilians-Universität München. Gerade wenn es im Leben der erwachsenen Kinder einen größeren Einschnitt gebe, sei das Elternhaus oft die erste Anlaufstelle.

"Am Anfang war es hart"

Bei Alexandra aus München gab es im Jahr 2009 gleich zwei solche Einschnitte: Erst trennte sie sich von ihrem Freund, mit dem sie zusammenwohnte, dann wurde ihr die staatliche Studienfinanzierung gestrichen. Das Geld wurde knapp. Mehr als zwei Jahre, nachdem sie aus ihrem Kinderzimmer ausgezogen war, packte sie ihre Sachen zusammen und ging wieder zurück in den Münchner Vorort Eichenau. "Es war die erste Option, die mir in den Sinn gekommen ist", erzählt die 26-Jährige.

Eine gute Entscheidung? "Am Anfang war es hart", sagt Alexandra heute. Im ersten halben Jahr sei sie immer wieder mit ihren Eltern aneinandergeraten. "Sie haben einfach vorausgesetzt, dass alles so sein würde wie früher." Das habe beim gemeinsamen Abendessen angefangen und bei Thema Pünktlichkeit noch lange nicht geendet. "Ich war in meiner Spontaneität eingeschränkt", sagt Alexandra, "sobald ich mal ein paar Stunden länger weg war als geplant, musste ich Bescheid sagen. Einfach mal bei Freunden in der Stadt zu übernachten, war eigentlich nicht drin."

Eltern bleiben Eltern, Kinder bleiben Kinder

Was der Studentin die Nerven raubte, ist für Carolin Thönnissen nicht weiter verwunderlich. "Beide Seiten müssen sich in so einer Situation erst wieder aneinander gewöhnen", sagt die promovierte Gesellschaftswissenschaftlerin. "Und sie müssen lernen, dass sich ihre Beziehung zueinander verändert hat." Das gelte nicht nur für die Verbindung zwischen Eltern und Kind, sondern auch für die der Eltern untereinander. "Sind die Kinder aus dem Haus, definieren sich viele Paare neu", erklärt Thönnissen. Für manche verschwindet mit dem Nachwuchs der gemeinsame Anker und sie trennen sich. Andere suchen sich neue Hobbys, machen mehr mit Freunden, verbringen Zeit zu zweit - und gleichen sich damit eher der Lebensphase an, in der sie waren, bevor sie Kinder hatten.

Wenn dann der Nachwuchs plötzlich wieder vor der Tür steht, kann alles durcheinandergeraten - gerade, weil auch die Kinder nicht mehr die sind, die sie einmal waren. Sie haben womöglich einige Zeit im Ausland verbracht und sind durch die halbe Welt gereist wie Sandra aus Karlsruhe, die mit 20 von zu Hause ausgezogen ist, um auf einem Kreuzfahrtschiff zu arbeiten und später einen Job in München anzunehmen. Sie haben bewiesen, dass sie sich selbst versorgen können, haben alleine eingekauft, gekocht, gewaschen - und überlebt. Doch sobald sie wieder bei Mutter und Vater einziehen, zählen diese Erfahrungen nicht mehr viel. "Es mag sich noch so viel verändern, aber Eltern bleiben Eltern und Kinder bleiben Kinder", sagt Thönnissen.

Von Nesthockern keine Spur

Wie bei Alexandra gab es auch bei Sandra Anfang 2013 mehrere Gründe, wieder bei ihrem Vater einzuziehen. Sie war bereits seit Längerem mit ihrem Job unzufrieden, als sie die Nachricht erhielt, ihre Großmutter sei schwer erkrankt. "An einem Montagmorgen, kurz nachdem ich von der Krankheit meiner Großmutter erfahren hatte, saß ich in München in der Bahn und habe über alles nachgedacht. Da ist mir plötzlich der Gedanke gekommen, wieder nach Karlsruhe zu ziehen." Drei Tage später kündigte sie und fuhr zurück in die Heimat.

Weil sie noch keinen neuen Job hatte und nicht wusste, ob sie später in Karlsruhe oder Freiburg arbeiten würde, zog sie wieder zu Hause ein. Doch die Unsicherheit über den künftigen Job und die Geldknappheit waren nicht die einzigen Motive für die Rückkehr. "Natürlich ging es ums Finanzielle. Aber auch darum, dass ich meinem Vater ein wenig unter die Arme greifen wollte. Er musste bezüglich seiner Mutter - meiner Großmutter - viele Entscheidungen treffen. Da wollte ich ihm zur Seite stehen." Sie selbst freut sich, ihrer Großmutter wieder näher gekommen zu sein. "Wir haben in dieser Zeit viel aufgeholt, sie ist die weibliche Verwandte, die mir am nächsten steht", sagt Sandra nach vier Monaten in Karlsruhe. Und auch wenn es mit dem Vater gelegentlich Reibungen gibt und "er sich immer in alles einmischt", ist sie erstaunt, wie gut das Zusammenleben funktioniert.

Unterstützung - auch ohne Gegenleistung

Sandras Erfahrungen unterstreichen, was auch Thönnissen betont: Wenn Kinder wieder zurück zu ihren Eltern ziehen, sollte das nicht als Mangel an Eigenständigkeit betrachtet werden - sondern als Beleg für das Funktionieren einer Familie. "Familien sind Solidargemeinschaften", sagt die Gesellschaftswissenschaftlerin, "da ist es ganz normal, dass man sich unterstützt - auch ohne sofort eine Gegenleistung zu erwarten."

Wichtig ist laut Thönnissen, dass jede Familie ihren eigenen Weg findet, mit der neuen Wohnsituation umzugehen. Ob das nun feste Regeln sind, wer wann einkauft, wäscht und den Müll runterbringt, oder Gespräche darüber, inwieweit sich die einzelnen Familienmitglieder in das Leben der anderen einmischen dürfen. Manche Familien kommen besser mit Regeln zurecht, andere sind lieber spontan. Auf jeden Fall aber bedürfen die neuen Umstände eines gewissen Anpassungswillens auf beiden Seiten.

Lösung auf Zeit

Dass die Kinder am Ende nicht mehr ausziehen wollen, dass sie sich in das Klischee des Nesthockers fügen, dürfte in den wenigsten Fällen passieren. Die meisten jungen Rückkehrer sehen den Schritt zurück ins Elternhaus als Lösung auf Zeit. Als Übergangsphase, die aufgrund bestimmter äußerer Umstände eingetreten ist, und die es beizeiten zu beenden gilt. Mit der Freude an warmem Mittagessen und frischer Wäsche hat das wenig zu tun.

So testet Alexandra schon seit längerer Zeit wieder das Alleinewohnen, wenn auch nur vorübergehend. Alle paar Monate zieht sie für ein paar Wochen in das WG-Zimmer eines Freundes, der viel geschäftlich unterwegs ist. Und auch Sandra möchte spätestens Ende des Jahres wieder in eine eigene Wohnung ziehen. Auf Dauer bei den Eltern zu bleiben, ist für beide keine Option - auch wenn sich mittlerweile alle Mitbewohner wieder aneinander gewöhnt haben.

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