Süddeutsche Zeitung

Zum Tod von Yves Saint Laurent:Seine Geliebte war die Schönheit

Schmeichelhaft und schockierend zugleich: Nicht nur Laetitia Casta und Catherine Deneuve verehrten den Mann, der die Frauenmode aus ihren Zwängen befreite. Ein Nachruf auf Yves Saint Laurent.

Ruth Schneeberger

Yves Saint Laurent hatte überaus viele Freundinnen, unter anderem die schönsten Frauen der Welt: Supermodel Laetitia Casta, Schauspielerin Catherine Deneuve - sie beteten ihn an. Nicht als Mann - sein Herz war die längste Zeit seines Lebens an seinen Kollegen Pierre Bergé vergeben -, sondern als Stilikone: "Er entwirft Mode für Frauen mit einem Doppelleben", sagte Cathérine Deneuve. "Tagsüber hilft er uns, in einer Welt voller unbekannter Menschen zu bestehen. Am Abend verleiht er uns verführerischen Charme."

Beginnen wir also mit einem Blick auf seine Anfänge, denn er hilft uns vielleicht, zu verstehen, wie dieser Mann mit dem Augenaufschlag von "unerträglicher Sanftheit", wie Schriftstellerin Marguerite Duras einst beschrieb, zu dem wurde, was er war: der vielleicht größte Modeschöpfer seiner Zeit.

Der Außenseiter

Starten wir mit seiner Kindheit, die Yves Saint Laurent wenig glücklich erscheinen musste: Als Sohn eines leitenden Versicherungsangestellten Elsaß-lothringischer Abstammung am 1. August 1936 geboren, wuchs er in Algerien auf und besuchte dort das Gymnasium. Die Leidenschaft für Mode entfachte wohl seine modebegeisterte Mutter in ihm - außerdem war diese Welt ein Hort der Zuflucht für den femininen Jungen, der von seinen Mitschülern als Außenseiter betrachtet und gequält wurde.

Als Elfjähriger sah er eine Theateraufführung, die ihn tief beeindruckte: Molières "Schule der Frauen". Von da an begann der Junge, Skizzen und Entwürfe für die Bühne und Theaterkostüme zu gestalten. Die Triebfeder, sich in einer anderen, einer schöneren Welt einen Platz zu erstreiten und ernst genommen zu werden, sorgte dafür, dass er bereits mit 17 Jahren an einem Modewettbewerb in Paris teilnahm, den dritten Platz (zusammen mit dem jungen Hamburger Karl Lagerfeld) gewann und 1953 in die Hauptstadt der Mode ging, um eine Ausbildung zum Mode- und Bühnenzeichner an der Modeschule der Chambre Syndicale de la Haute Couture zu absolvieren.

Noch während der Ausbildung gewann er einen weiteren Modezeichner-Wettbewerb, seine Zeichnungen wurden in der Vogue veröffentlicht - und von nun an sollte es steil bergauf gehen.

Der jüngste Couturier der Welt

Der Direktor der Vogue stellte den jungen Designer Christian Dior vor - Yves Saint Laurent wurde sofort engagiert. Bei ihm arbeitete er bis zu dessen tödlichen Herzanfall im Jahre 1957. Während des Begräbnisses von Dior lernte Saint Laurent seinen späteren Geschäftspartner und Lebensgefährten Pierre Bergé kennen. Die beiden sollte von nun an eine lebenslange Freundschaft verbinden - auch über ihre partnerschaftliche Beziehung hinaus.

"Er war mehr als ein Designer, er gab den Frauen Freiheit und Macht", sollte Pierre Bergé später über ihn sagen. Und weiter: "Er war ein libertärer Anarchist, der der Gesellschaft Bomben vor die Füße geworfen hat."

Nach dem Tod von Dior wurde Saint Laurent zum Art Direktor befördert, um das Modehaus vor dem finanziellen Ruin zu bewahren. Mit 21 Jahren wurde er zum jüngsten Couturier für Haute Couture der Welt.

Seine erste Kollektion für Dior, "Ligne Trapéze", wurde weltweit gefeiert. Bis zum Ende seiner Laufbahn im Jahr 2002 sollte dieser Beifall anhalten. Warum?

Das Aufatmen

Was Dior angeht, verstand es Saint Laurent, das berühmte Modehaus von seinen alten Zöpfen zu befreien, ohne wirklich mit der Tradition zu brechen. Er verzichtete beim Nähen der Kostüme fortan auf Wattierungen und Versteifungen an Taille, Brust und Schultern, ohne jedoch die Pracht und die Fülle der Kostüme à la Dior vermissen zu lassen. Mit der Einführung der Trapez-Linie befreite er die Frauen endgültig vom Zwang zur Wespentaille. Eine neue Linie war geboren, die die Damenwelt aufatmen ließ.

Yves Saint Laurent galt der Modewelt auf der einen Seite als Enfant Terrible, auf der anderen als Kronprinz der fortschrittlichen Moderne, als gefeierter Jungstar der Modetitel. So nah hatte diese beiden Titel noch keiner zusammengebracht. Doch dann folgte der Absturz. Drei Jahre lang hatte er mit großem Erfolg die Linie des Hauses Dior bestimmt - bis er 1960 zum Militärdienst in seine Heimat nach Algerien abberufen wurde, wo seit 1955 der Algerienkrieg wütete.

Nach wenigen Tagen erlitt Yves Saint Laurent einen Nervenzusammenbruch. In einer psychiatrischen Anstalt sollte er mit Elektroschocks und Sedativa behandelt werden. Dies gilt als Ursache seiner späteren lebenslangen Abhängigkeit von Drogen und Alkohol.

Der Krieg

In Paris entband ihn währenddessen das Modehaus Dior von seinem Arbeitsvertrag. Pierre Bergé dagegen glaubte an Saint Laurents Talent und unternahm alles, ihn wieder aus der Psychiatrie frei zu bekommen. Nach mehreren Nervenzusammenbrüchen entließ die Armee den unter Depressionen leidenden Modedesigner - nach nur drei Monaten.

Yves Saint Laurent verklagte das Haus Dior auf 120.000 US-Dollar Schadenersatz und bekam einen Gewinnanteil für seine Zeit als Designer zugesprochen. Anfang 1962 eröffnete er mit finanzieller Beteiligung des Marketing-Spezialisten Pierre Bergé ein eigenes Modehaus, die "Société Yves Saint Laurent" (YSL). Die erste Kollektion seines Hauses präsentierte er im Januar 1962. Fortan sollte Saint Laurent nur noch für das Modehaus Bergé schneidern. Das Paar trennte sich 1976 in freundschaftlicher Verbundenheit, doch sie blieben weiterhin Geschäftspartner.

Nun startete Saint Laurent richtig durch. Und vollbrachte eine Revolution in der Welt des schönen Scheins: Er öffnete die Welt der Herrenmode für die Damenwelt. Der Anzug für die Dame, gerade geschnittene Jacketts, Tweed-Kostüme für Frauen, androgyne Formen und - die Modesensation des Jahres 1966 - der erste Smoking für die Frau - das alles war plötzlich möglich.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, wie Yves Saint Laurent als erster Modedesigner die Nacktheit auf die Laufstege brachte.

Seine Geliebte war die Schönheit

Der gefeierte Designer kombinierte ungewöhnliche Farben, er experimentierte mit Rollenbildern, kokettierte mit arabischer und russischer Folklore, und befreite wie nebenbei die Frau aus dem Adrett-Korsett. Und dies längst nicht nur für die gut betuchte Pariserin. Neben seinen Bühnen- und Ballett-Kostümen, die er aus Liebe zum Theater weiterhin entwarf, warf er als erster Haute-Couturier seine Mode als günstigere Prêt-à-porter-Kollektion auf den Markt - wie zu erwarten, mit großem Erfolg. In weit über 200 Geschäften, von Paris bis Tokio, wurde seine Kollektion verkauft.

Als ob dies alles noch nicht Beweis genug dafür gewesen wäre, dass der feminine kleine Junge sich und seine Welt aus den Zwängen der Gesellschaft befreit hatte, gelang Yves Saint Laurent ein weiteres Kunststück: Er brachte die Kunst in die Modewelt, um es genau zu sagen: auf die Mode.

Was 2007 und 2008 wieder einmal die Laufstege dieser Welt eroberte, das hatte YSL in den 60er Jahren als Erster gewagt: Kunst auf Kleider zu drucken. Er konzipierte seine eigene Mondrian-Kollektion.

Die Skandal-Nudel

Die gesellschaftlichen Umbrüche der 60er Jahre gaben dem sensiblen Designer immer wieder die Möglichkeit, sich mit seinen provozierenden Entwürfen in der Modewelt zu etablieren - und zwischen akademischem Anspruch auf der einen und publikumswirksamen Schockern auf der anderen Seite zu balancieren. 1962 schickte er als erster Designer seine Models nur in transparenten Chiffonblusen, durch die blanke Brüste schimmerten, über den Laufsteg - der Nude-Look war geboren.

Auch sich selbst stilisierte Yves Saint Laurent zur Provokation: Für die Werbekampagne seines ersten Herrendufts ließ er sich nackt fotografieren, "weil ich für einen Skandal sorgen will", erklärte er sein Anliegen dem zögernden Fotografen. Es folgte dem Mode- ein Parfüm-Imperium, mit klingenden Namen á la "Opium".

Heute scheint es merkwürdig, dass man in den 70er Jahren sogar mit der Kombination von Farben wie Schwarz und Braun oder Orange und Rosa, mit der Erfindung des Safari-Looks und dem Verwenden des Stoffes Jersey für Aufsehen sorgen konnte - damals wurde darüber auf der ersten Seite der New York Times berichtet.

Das Imperium

Nun hatte Yves Saint Laurent alles erreicht, von dem er je geträumt hatte: Er hatte sein eigenes Imperium erschaffen. Doch der Mann hinter der Marke musste sich weiter bemühen, seiner lodernden Angst Herr zu werden. Mit Hilfe von Partys, Exzessen und Drogen. Im März 1977 meldeten die Zeitungen vorzeitig seinen Tod. Von den 80er Jahren an klagte er immer öfter über die zunehmenden Belastungen, die sein Modeimperium mit sich bringe - auch in der Öffentlichkeit.

1985 verkaufte er seine Prêt-à-porter-Linie "Rive Gauche" und die preiswertere "Variation". Spekulationen um eine Krankheit verdichteten sich, als er, im 1990 in Paris mit Standing Ovations für seine Kollektion gefeiert, abgemagert vor dem Premierenpublikum erschien. An der März-Präsentation seiner Kollektion nahm er nicht mehr teil. Nach Aussage seiner Ärzte litt er an "geistiger Erschöpfung".

Der Schock

Seine Biographin, die Modekritikerin Benaïm, enthüllte 1993 seine jahrzehntelange Abhängigkeit von Alkohol, Tranquilizern und Kokain. Laut Herald Tribune war dies "ein Schock für alle, die in dem Couturier eine französische Institution" gesehen hatten. Seitdem zog sich Saint Laurent immer mehr zurück und verbrachte viel Zeit allein in der Normandie und seiner zweiten Heimat Marokko.

Diese Pause hatte Yves Saint Laurent offenbar gut getan, denn in den 90er Jahren waren seine Entwürfe plötzlich wieder auf den Laufstegen zu sehen. Die Zeit des Schockierens war allerdings vorbei. Viel Neues war in Saint Laurents Modelinien nun nicht mehr zu finden. Er hatte seinen Dienst der Modewelt längst erwiesen und arbeitete nun nur noch an der Verfeinerung seines Stils. Dennoch blieb die "lebende Legende" im Geiste ihrer Zeit stets voraus:1995 war Saint Laurent der erste Modeschöpfer, der seine Kreationen ins Internet stellte.

1998 präsentierte er im Vorfeld des Endspiels zur Fußballweltmeisterschaft im Pariser Stade du France mit 300 Mannequins seine Mode der vergangenen vier Jahrzehnte. 1999 wurde er mit dem "Lifetime Achievement Award" des "Council of Fashion Designers of America" für sein Lebenswerk ausgezeichnet.

Das Ende

Im Januar 2000 wurde bekannt, dass der amerikanische Modeschöpfer und Kreativ-Chef bei Gucci, Tom Ford, die Verantwortung für das Modehaus Yves Saint Laurent mitübernommen habe. 2002 gab Yves Saint Laurent dann seinen endgültigen Abschied vom Laufsteg bekannt. Er beendete seine letzte Modeschau mit dem obligatorischen Schlussdéfilé. Stehende Ovationen verabschiedeten den "sanften Revolutionär" nach über 40 Jahren an der Spitze der internationalen Modewelt - und es war keine geringere als Catherine Deneuve, die ihm zum Abschied auf der Bühne ein Liebeslied sang. Womit das Zentrum seines Schaffens einmal mehr in den Mittelpunkt gerückt wurde: Seine lebenslange Geliebte war die Schönheit.

Yves Saint Laurent verstarb am ist Sonntagabend in Paris nach langer Krankheit im Alter von 71 Jahren. Mit seinem Tod verschwindet der letzte Angehörige der großen Gründungsgeneration französischer Modeschöpfer, die Paris zum Zentrum der Haute Couture gemacht haben. Über sich selbst hat er der Mann, der die Farbe Schwarz als seinen "Zufluchtsort" sah, einst gesagt: "Chanel schenkte den Frauen die Freiheit, ich konnten ihnen die Macht geben."

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