Zum Tod von Yves Saint Laurent:Seine Geliebte war die Schönheit

Der gefeierte Designer kombinierte ungewöhnliche Farben, er experimentierte mit Rollenbildern, kokettierte mit arabischer und russischer Folklore, und befreite wie nebenbei die Frau aus dem Adrett-Korsett. Und dies längst nicht nur für die gut betuchte Pariserin. Neben seinen Bühnen- und Ballett-Kostümen, die er aus Liebe zum Theater weiterhin entwarf, warf er als erster Haute-Couturier seine Mode als günstigere Prêt-à-porter-Kollektion auf den Markt - wie zu erwarten, mit großem Erfolg. In weit über 200 Geschäften, von Paris bis Tokio, wurde seine Kollektion verkauft.

Als ob dies alles noch nicht Beweis genug dafür gewesen wäre, dass der feminine kleine Junge sich und seine Welt aus den Zwängen der Gesellschaft befreit hatte, gelang Yves Saint Laurent ein weiteres Kunststück: Er brachte die Kunst in die Modewelt, um es genau zu sagen: auf die Mode.

Was 2007 und 2008 wieder einmal die Laufstege dieser Welt eroberte, das hatte YSL in den 60er Jahren als Erster gewagt: Kunst auf Kleider zu drucken. Er konzipierte seine eigene Mondrian-Kollektion.

Die Skandal-Nudel

Die gesellschaftlichen Umbrüche der 60er Jahre gaben dem sensiblen Designer immer wieder die Möglichkeit, sich mit seinen provozierenden Entwürfen in der Modewelt zu etablieren - und zwischen akademischem Anspruch auf der einen und publikumswirksamen Schockern auf der anderen Seite zu balancieren. 1962 schickte er als erster Designer seine Models nur in transparenten Chiffonblusen, durch die blanke Brüste schimmerten, über den Laufsteg - der Nude-Look war geboren.

Auch sich selbst stilisierte Yves Saint Laurent zur Provokation: Für die Werbekampagne seines ersten Herrendufts ließ er sich nackt fotografieren, "weil ich für einen Skandal sorgen will", erklärte er sein Anliegen dem zögernden Fotografen. Es folgte dem Mode- ein Parfüm-Imperium, mit klingenden Namen á la "Opium".

Heute scheint es merkwürdig, dass man in den 70er Jahren sogar mit der Kombination von Farben wie Schwarz und Braun oder Orange und Rosa, mit der Erfindung des Safari-Looks und dem Verwenden des Stoffes Jersey für Aufsehen sorgen konnte - damals wurde darüber auf der ersten Seite der New York Times berichtet.

Das Imperium

Nun hatte Yves Saint Laurent alles erreicht, von dem er je geträumt hatte: Er hatte sein eigenes Imperium erschaffen. Doch der Mann hinter der Marke musste sich weiter bemühen, seiner lodernden Angst Herr zu werden. Mit Hilfe von Partys, Exzessen und Drogen. Im März 1977 meldeten die Zeitungen vorzeitig seinen Tod. Von den 80er Jahren an klagte er immer öfter über die zunehmenden Belastungen, die sein Modeimperium mit sich bringe - auch in der Öffentlichkeit.

1985 verkaufte er seine Prêt-à-porter-Linie "Rive Gauche" und die preiswertere "Variation". Spekulationen um eine Krankheit verdichteten sich, als er, im 1990 in Paris mit Standing Ovations für seine Kollektion gefeiert, abgemagert vor dem Premierenpublikum erschien. An der März-Präsentation seiner Kollektion nahm er nicht mehr teil. Nach Aussage seiner Ärzte litt er an "geistiger Erschöpfung".

Der Schock

Seine Biographin, die Modekritikerin Benaïm, enthüllte 1993 seine jahrzehntelange Abhängigkeit von Alkohol, Tranquilizern und Kokain. Laut Herald Tribune war dies "ein Schock für alle, die in dem Couturier eine französische Institution" gesehen hatten. Seitdem zog sich Saint Laurent immer mehr zurück und verbrachte viel Zeit allein in der Normandie und seiner zweiten Heimat Marokko.

Diese Pause hatte Yves Saint Laurent offenbar gut getan, denn in den 90er Jahren waren seine Entwürfe plötzlich wieder auf den Laufstegen zu sehen. Die Zeit des Schockierens war allerdings vorbei. Viel Neues war in Saint Laurents Modelinien nun nicht mehr zu finden. Er hatte seinen Dienst der Modewelt längst erwiesen und arbeitete nun nur noch an der Verfeinerung seines Stils. Dennoch blieb die "lebende Legende" im Geiste ihrer Zeit stets voraus:1995 war Saint Laurent der erste Modeschöpfer, der seine Kreationen ins Internet stellte.

1998 präsentierte er im Vorfeld des Endspiels zur Fußballweltmeisterschaft im Pariser Stade du France mit 300 Mannequins seine Mode der vergangenen vier Jahrzehnte. 1999 wurde er mit dem "Lifetime Achievement Award" des "Council of Fashion Designers of America" für sein Lebenswerk ausgezeichnet.

Das Ende

Im Januar 2000 wurde bekannt, dass der amerikanische Modeschöpfer und Kreativ-Chef bei Gucci, Tom Ford, die Verantwortung für das Modehaus Yves Saint Laurent mitübernommen habe. 2002 gab Yves Saint Laurent dann seinen endgültigen Abschied vom Laufsteg bekannt. Er beendete seine letzte Modeschau mit dem obligatorischen Schlussdéfilé. Stehende Ovationen verabschiedeten den "sanften Revolutionär" nach über 40 Jahren an der Spitze der internationalen Modewelt - und es war keine geringere als Catherine Deneuve, die ihm zum Abschied auf der Bühne ein Liebeslied sang. Womit das Zentrum seines Schaffens einmal mehr in den Mittelpunkt gerückt wurde: Seine lebenslange Geliebte war die Schönheit.

Yves Saint Laurent verstarb am ist Sonntagabend in Paris nach langer Krankheit im Alter von 71 Jahren. Mit seinem Tod verschwindet der letzte Angehörige der großen Gründungsgeneration französischer Modeschöpfer, die Paris zum Zentrum der Haute Couture gemacht haben. Über sich selbst hat er der Mann, der die Farbe Schwarz als seinen "Zufluchtsort" sah, einst gesagt: "Chanel schenkte den Frauen die Freiheit, ich konnten ihnen die Macht geben."

© sueddeutsche.de / bgr
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