Zum Tod von Sir Edmund Hillary Der letzte Abenteurer

Käufliche Mythen

Zur Entdeckung aber gehörte nicht nur die Tat, sondern auch die Erzählung. Beginnend im 19. Jahrhundert und bis in die fünfziger Jahre des 20. Jahrhunderts hinein zählten Forscher und Abenteurer zu den Bestseller-Autoren der lesenden Welt. Zeitungen und Bücher waren lange Zeit die einzigen Massenmedien. Afrika-Reisende wie David Livingstone und Henry Morton Stanley, die Polarforscher Fridtjof Nansen und Roald Amundsen oder, gerade in Deutschland, der schwedische Asienkenner Sven Hedin erzielten hohe Auflagen.

Ihre Geschichten waren dramatisch oder wurden, zum Zwecke der Popularisierung, dramatisiert: Die angebliche Rettung Livingstones durch Stanley; die Wettrennen um Nord- und Südpol; die lebensgefährliche Durchquerung von Wüsten und unwirtlicher Landstriche voller feindseliger Eingeborener. Viele dieser Schilderungen waren Annäherungen an die erlebte Wahrheit. Nachprüfbar war vieles nicht, aber es diente allemal der Bildung von Mythen und Legenden. Unter den wagemutigen Forschern waren etliche skrupellose Tollkühne. Stanley etwa nahm weder Rücksicht auf Leib und Leben seiner schwarzen Bediensteten noch jener, die bei den Entdeckungen seinen Weg kreuzten. Den Forschern wiederum folgten Handel und Ausbeutung oft auf dem Fuß. Die Helden und Kontinentdurchquerer jedenfalls waren auch die Wegbereiter des Kolonialismus.

Zu Zeiten Hillarys allerdings war dieser Prozess abgeschlossen. Der Neuseeländer zählte eindeutig zu den guten Abenteurern, er hat sich sein Leben lang für die Sherpas in Nepal eingesetzt, Schulen, Hospitäler und Stipendien finanziert oder organisiert. Tausende folgten Hillary auf den Gipfel der Gipfel. Heute kann man über Kathmandu nach Lukla am Fuß des Everest-Massivs fliegen. Die Invasion der Trekking-Leute und Bergsteiger hat allerdings auch Hillary erleichtert: Lukla Airport ist eines der wohltätigen Werke Hillarys.

Die Besteigung des Berges ist mittlerweile, wenn auch für viel Geld, bei spezialisierten Veranstaltern zu buchen. Gewiss, man muss trainiert sein und ein paar zehntausend Euro bezahlen können. Auch 2008 ist der Everest noch schwieriger zu bezwingen als etwa die Quellen des Nils (17 Tage, 2890 Euro einschließlich Berggorillas) zu erreichen sind oder die Besteigung des Kilimandscharo (7 Tage, ab Nairobi 840 Euro) angeboten wird.

Everest, Nilquellen und Seidenstraße sind käufliche Mythen geworden. Man kann sie von so gut wie jedem Punkt der Welt aus zu jeder beliebigen Zeit im Internet in stehenden und bewegten Bildern abrufen, sich in Satellitenaufnahmen an sie heranzoomen oder, wenn man noch so altmodisch ist, Bücher zu benutzen, einen der viel hundert Bildbände erwerben. Es gibt kaum mehr Geheimnisse um den höchsten Berg der Welt, den längsten Fluss der Erde und erst recht nicht mehr um den Schnee am Äquator, weil der nämlich wegen des Klimawandels vom Gipfel des Kilimandscharo wegschmilzt. Wo es aber keine Geheimnisse mehr gibt, gibt es auch keine Abenteuer mehr.

Natürlich kann man sich seine eigenen Abenteuer basteln, die gefährlichen (den Everest mit Skiern befahren) und die weniger gefährlichen (mit Hape Kerkeling den Jakobsweg bewandern). Am einfachsten und bis zu einem gewissen Grad auch durchaus gefühlsintensiv aber sind jene Abenteuer, die immer mehr Menschen vor dem Computer erleben. Hier sind in allen Arten von Simulations- und Strategiespielen Welten zu erforschen, zu besiedeln und zu erobern. Dieses Eintauchen in beliebig formbare Universen erfüllt jeden Bedarf an Mythen: Wer will, kann einen Drachen reiten, Rom regieren, Sophia Loren poppen oder ein Pokemon sein. Für alles das muss man nicht einmal mehr seine eigene Phantasie anstrengen, weil man diese Welten auf CD gebrannt im Kaufhaus bekommt.

Knapp 60 Jahre liegen zwischen Hillarys Gipfelsturm und der nahezu allumfassenden Konsumierbarkeit des höchsten Berges der Welt. Der Tod des letzten Abenteurers macht deutlich, wie schnell es gegangen und wie schade es ist.