Zivilcourage:"Entschuldigung, Ihr Slip ist zu sehen"

Lesezeit: 6 min

Unser Alltag bietet viel öfter Gelegenheit zur Zivilcourage, als wir vermuten würden. Eine Bestandsaufnahme.

Violetta Simon

"Je mehr Bürger mit Zivilcourage ein Land hat, desto weniger Helden wird es einmal brauchen." Wer würde an dem Zitat der Journalistin Franca Magnani zweifeln. Dennoch fühlen wir uns von einem großen Begriff wie "Zivilcourage" oft nicht angesprochen, denken an Flüchtlingshilfe, blutige Proteste und Bürgerrechtler, sehen Bilder von Anfeindung, Gewalttätigkeit und Aggression. Wir erinnern uns an Mahatma Gandhi, der sich für seine Sache beinahe zu Tode hungerte, und Martin Luther King, der im Kampf gegen Rassendiskriminierung sein Leben gab. Helden, die weder Prügel noch Pranger fürchten. Nichts für uns also.

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Die Vorgesetzte hat einen Popel an der Nase, der Kollege erscheint mit offener Hose zum Meeting - wer hat den Mumm, es anzusprechen?

(Foto: Foto: Maria Vaorin / Photocase)

Dabei bietet unser direktes Umfeld im Alltag viel öfter Gelegenheit zur Courage, als wir vermuten würden. Und damit sind noch nicht einmal die Horrorszenarien gemeint, von denen wir immer wieder hören: Frauen, die verprügelt oder Ausländer, die in der S-Bahn angepöbelt werden; Kinder, die in Schwimmbädern ertrinken - das alles in Anwesenheit von Passanten oder Schaulustigen.

Den Blicken schutzlos ausgeliefert

"Um sich für andere einzusetzen, muss nicht erst Blut fließen", erklärt Gerd Meyer, Professor und Direktor des Instituts für Politikwissenschaft der Universität Tübingen. Zivilcourage sei jeden Tag gefragt - im Arbeitsalltag ebenso wie im privaten Umfeld. Mit anderen Worten: immer dann, wenn es darum geht, aufeinander achtzugeben. "Diese Aufmerksamkeit ist uns mit der Zeit, gerade im Großstadtleben, verlorengegangen", sagt Meyer. "Jeder ist mit sich und vielen anderen Dingen beschäftigt - das muss gar nicht einmal aus Egoismus sein."

Doch selbst wenn es nicht an der Aufmerksamkeit hapert, fällt es manchmal schwer, zu helfen: Eine Frau läuft auf der Straße, mehrere Passanten drehen sich um und lachen. Der Grund: Sie hat nach einem Toilettenbesuch offenbar den hinteren Teil ihres Rocks mit in die Strumpfhose gesteckt und nun sind ihr Slip und die Beine der Öffentlichkeit schutzlos ausgeliefert. Es dauert Minuten, bis sich endlich jemand erbarmt und die Ahnungslose anspricht. Der Moment der Erkenntnis ist peinlich - für beide. Und er schafft eine intime Situation, macht sie zu Verbündeten des Missgeschicks. Deshalb gehen die meisten Leute lieber weiter. Niemand will derjenige sein, der die Frau auf ihre entwürdigende Situation aufmerksam macht. Zivilcourage erfordert manchmal eben auch Mut zur Nähe.

Man stelle sich nur vor, dasselbe passiert im Büro: Der oder die Vorgesetzte erscheint zum Meeting und hat vergessen, die Hose zu schließen. Wer möchte schon derjenige sein, der den Faux Pas anspricht? Kaum zu glauben, aber meist merken es die Führungskräfte erst im Nachhinein, dass sie ihre flammende Kritik mit offenem Hosenschlitz vom Stapel ließen. Ohne Zweifel - wer in so einer Situation den Mund aufmacht, beweist Zivilcourage.

Günther Gugel, Leiter des Instituts für Friedenspädagogik, verwendet für diesen Begriff lieber den Ausdruck "Achtsamkeit". Der Diplompädagoge, der sich auf das Thema "Gewalt an Schulen" spezialisiert hat, ist davon überzeugt, dass es Achtsamkeit gegenüber anderen "als Lebensform" anzustreben gilt.

Professor Meyer hält diese Gesinnung gerade bei Mobbing in Schulen für angebracht. "Dort sollten zwar alle Zivilcourage beweisen", meint Meyer, "den Anfang machen müssen aber die Schüler, weil das oft erst mal niemand sonst mitbekommt." Auch wenn in erster Linie Sozialarbeiter und Psychologen zuständig sind, sollte man die Verantwortung nicht abschieben. Auch Eltern und Lehrer müssten reagieren, wenn sie davon erfahren, dass ein Mitschüler gemobbt wird. Doch nicht nur an der Schule gilt: "Zivilcourage ist überall dort gefragt, wo Schwachen und Erfolglosen zu wenig Respekt entgegengebracht wird", findet Meyer.

Was man schon immer mal sagen wollte

Wie solche Maßnahmen konkret umgesetzt werden können, damit hat sich Meyer in seinem Buch "Lebendige Demokratie - Zivilcourage in Alltag und Politik" detailiert auseinandergesetzt. "Wenn eine Verkäuferin vom Abteilungsleiter oder einem Kunden runtergemacht wird, sollte man sich demonstrativ dazustellen und laut sagen: 'Ich finde Sie sehr freundlich, vielen Dank für den guten Service!'", sagt er. Für ihn steht fest: "Mut und Unrechtsbewusstein sind vor allem in Systemen von wesentlicher Bedeutung, die "von oben" gesteuert werden, erklärt der Professor. Das könne zum Beispiel ein Betrieb sein, in dem eine klare Linie vorgegeben und Widerspruch als Kritik am System verstanden werde. Das kann aber auch eine Interessengemeinschaft sein, die Gegenargumenten grundsätzlich mit Argwohn begegnet. Und es kann den Freundeskreis oder die Familie betreffen, die eine bestimmte Meinung vertritt und sich gegen jeden zusammenschließt, der aus der Rolle fällt.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Wer traut sich zu sagen, dass Onkel Arndt seine Frau unterdrückt und eine andere hat?

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