Zeugen Jehovas:Warum wir Bluttransfusionen ablehnen

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Die Regel, die wohl bei manchen immer noch für Kopfschütteln sorgt, ist das mit dem Blut. Gemäß der Bibel ist Blut etwas Heiliges, mit dem umzugehen Gott vorbehalten ist. Deswegen lehnen wir Bluttransfusionen ab - und nehmen die möglichen Konsequenzen in Kauf. Genau wie Ihr, indem ihr einer Bluttransfusion zustimmt. Niemand kann mit Sicherheit sagen, dass jemand stirbt, weil er eine Bluttransfusion ablehnt — oder dass er überlebt, weil er sie akzeptiert.

Wir verwenden lieber blutlose Alternativen und engagieren uns in Zusammenarbeit mit kooperativen Ärzten und Krankenhäusern dafür, dass die Forschungen auf diesem Gebiet vorangetrieben werden. Fernsehen und Presse haben in den letzten Jahren wiederholt auf die damit verbundenen medizinischen Risiken hingewiesen. Auch in der Fachwelt ist unsere Haltung zu Bluttransfusionen keine große Kontroverse mehr.

Warum wir alle Gebote der Bibel ernst nehmen? Weil sie sich nach unserer Überzeugung langfristig immer als vorteilhaft erweisen. Manche Themen sind sehr komplex, daher kann ich nur jedem empfehlen: Bevor ihr euch ein Urteil bildet, informiert euch über die Hintergründe! Denn es ist bei Weitem nicht alles so wie es in vielen Köpfen vorherrscht.

Ich persönlich finde es gut, dass es diese Regeln gibt. Ich empfinde sie nicht als bedrückendes Gefängnis, sondern als Geländer, das mir in einer immer komplexeren Welt, in der vieles ungewiss ist, Halt und Schutz gewährt - auf meinem Weg zu einem höheren, übergeordneten Ziel. Dennoch erfülle ich die Vorgaben, die eher wie eine höfliche Bitte und nicht als strenges Gesetz formuliert sind, nicht blind. Wir Zeugen werden angehalten, uns immer wieder intensiv und kritisch mit den Geboten auseinanderzusetzen. Grundsätzlich glauben wir aber, es gibt jemanden dort oben, der besser weiß, was gut für uns ist als wir selbst. Deswegen folgen wir ihm so bereitwillig.

Übrigens kann man auch nicht durch eine einfache Unterschrift Zeuge werden. Das Taufen von kleinen Kindern ist bei uns unüblich - als Zeuge getauft wird man frühestens als junger Erwachsener. Und zwar, nachdem man wiederholt gefragt wurde, ob man sich ganz, ganz sicher ist, nach Jehovas Geboten leben zu wollen. Ich war 17, als ich mich dafür entschied.

Kinder von Zeugen Jehovas werden also nicht automatisch Zeugen. Sie können sich frei entscheiden, wenn sie alt genug dazu sind, ob sie den Glauben annehmen möchten. Mein jüngerer Bruder hat sich nie als Zeuge taufen lassen - wir waren früher katholisch. Das war kein größeres Problem für meine Eltern. Etwas anderes wäre es gewesen, wenn er nach seiner Taufe mit dem Glauben gebrochen und wissentlich gegen Jehovas Gebote verstoßen und seinen Eid gebrochen hätte. Dann hätte meine Familie den Kontakt zu ihm auf ein Mindestmaß beschränkt. Ich wäre meinen Eltern nicht böse, wenn sie meinen Bruder deswegen meiden würden.

Das klingt für euch unmenschlich, oder? Wie können die nur, denkt ihr euch. Solche Gelübde, die ähnlich wie ein Eheversprechen sind, bedeuten euch heutzutage nicht mehr viel. Doch wir Zeugen betrachten Gott als unseren besten Freund, dem wir unser ganzes Leben versprochen haben. Und wer meinem besten Freund wehtut, weil er ihn bestiehlt oder beleidigt, den meide ich, bis die Sache geklärt ist. Das finde ich nicht so außergewöhnlich.

Ihr tut das allerdings schon. Das ist auch der Grund, warum wir Zeugen gern unter uns bleiben. Meine besten Freunde in der Schulzeit waren Zeugen. Das geht nicht gegen euch. Menschen suchen sich Freunde, die ihre Interessen teilen und ähnlich ticken. Viele von euch machen gerne Party bis sie umfallen, wenn sie jung sind. Wir trinken auch Alkohol, aber nicht zu viel. Im Rausch passieren schnell Dinge, mit denen Jehova nicht einverstanden wäre. So wie wir eure Partys akzeptieren und respektieren, wäre es schön, wenn ihr Verständnis dafür haben würdet, wenn wir bei so etwas nicht mitmachen möchten. Das heißt nicht, dass wir euch nicht mögen.

Es ist okay, wenn ihr von alledem nichts wissen wollt und uns links liegen lasst. Aber manchmal denke ich: Wenn ihr wüsstet. Wenn ihr wüsstet, wie es wirklich bei uns ist und wie gut es mir tut, wie es mich erfüllt, wenn ich da am Bahnhof, an einer Straßenecke, vor der U-Bahn stehe. Ich stehe da, weil ich euch wünsche, genauso glücklich werden zu können wie ich.

In dieser Serie kommen Menschen zu Wort, mit denen wir täglich zu tun haben, über die sich die meisten von uns jedoch kaum Gedanken machen. Sie teilen uns mit, wie es ihnen im Alltag ergeht und welche Rolle wir dabei spielen - als nervige Kunden, ungeduldige Patienten, ignorante Mitmenschen.

  • "Brauchen wir länger, tut uns das genauso weh"

    Ständig unter Strom und trotzdem meist zu spät: Ein Pizzabote erzählt, was er riskiert, um seine Lieferung möglichst schnell zum Kunden zu bringen. Und warum er sich oft wie ein Detektiv vorkommt.

  • "Die meisten wollen mich anfassen"

    Zum Jahreswechsel werden wieder kleine Schornsteinfeger-Figuren verteilt. Ein Kaminkehrer erzählt in einer Folge von "Wie ich euch sehe", wie es sich als rußüberzogener Glücksbringer lebt.

  • "Manchmal muss ich regelrecht die Tür verteidigen"

    Frauen, die sich um Ausscheidungen sorgen, Familien, die den Kreißsaal stürmen, Männer, die plötzlich umfallen: Eine Hebamme erzählt in einer Folge von "Wie ich euch sehe", was sie bei Geburten erlebt.

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