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Zeitumstellung:"Schlaf ist der neue Sex"

In unserer 24-Stunden-Gesellschaft gilt derjenige als besonders leistungsfähig, der die Nächte durcharbeitet. Ein Grund dafür, warum der Schlaf immer begehrter wird.

Matthias Drobinski

Der Schlaf ist der Bruder des Todes. Hypnos und Thanatos, die Götter des Schlafes und des Todes, waren den Griechen Zwillinge. Wer schläft, lässt das Leben los. Ohne diese Todesnähe auf Zeit kann ein Mensch nicht leben; in Robert Schneiders Roman "Schlafes Bruder" bringt der Musiker Elias Alder sich vom Leben zum Tod, indem er nicht mehr schläft. Ein bisschen unheimlich ist der Schlaf schon.

Ruhigem Schlaf ist nicht jedem gegönnt: Jeder vierte Deutsche quält sich des Nachts mit Schlafstörungen.

(Foto: Foto: iStockphotos)

Bis heute weiß die Wissenschaft nicht, warum der Mensch ein Drittel seines Lebens verschläft: damit die Organe entspannen? Hirn und Seele verarbeiten können, was sie erleben? Oder weil die Erde kahl wäre, gäbe der Allesfresser Mensch nicht zwischendurch Ruhe? Der Schlaf ist der Luxus der Kinder Gottes, die darauf vertrauen, dass es ihnen der Herr im Schlafe gibt. Pflichtethiker halten sich dagegen an König Salomon: "Liebe nicht den Schlaf, damit Du nicht arm wirst wie ein Hund." Am Sonntag bekommen die Deutschen eine Stunde dieser Daseinsform zurück: Die Sommerzeit endet.

Die neue Erotik des Schlafes Es ist ein knappes Gut, das ihnen da gegeben wird. Vor hundert Jahren schliefen die Menschen im Schnitt neun Stunden, vor zwanzig Jahren waren es noch mehr als acht, heute sind es sieben, den verlängerten Wochenend-, Feiertags- und Urlaubsschlaf eingerechnet. Die Industrieländer mit ihren 24-Stunden-Gesellschaften werden schlaflos: Eine Nacht durchzuarbeiten gilt als Ausweis besonderer Leistungsfähigkeit im Zeitalter globaler Konkurrenz; bis nach Mitternacht auszugehen als Teil gehobener Lebenskunst. Spät ins Bett: Das ist für die Pubertierenden der Beweis dafür, wie alt sie schon sind und für die Gealterten Beleg ihrer ewigen Jugend. Wer will schon das Leben verpennen? Nur klingelt beim Durchschnitts-Deutschen der Wecker schon morgens vor halb sieben.

Viel zu früh nach Ansicht von Schlafforschern wie Jürgen Zulley vom Schlafmedizinischen Zentrum der Universität Regensburg oder den Medizinern vom Schlaflabor der Berliner Charité. Einmal, weil die meisten Menschen vor acht Uhr kaum vernünftig denken können, und dann, weil dauerhafter Schlafmangel krank macht, weil Schlaflose hungrig werden und dick, Bluthochdruck bekommen und am Ende gar den Herzinfarkt. Die Zahl der Menschen mit Schlafstörungen steigt; jeder vierte Deutsche wälzt sich nachts im Bett, statt zu ruhen, am seltensten Beamte, am häufigsten Hausfrauen. Inzwischen gibt es 300 Schlaflabors im Land; Bettenhäuser preisen Spezialmatratzen, Pillen, Tropfen und Tees haben einen soliden Markt.

Er ist begehrt geworden, der Bruder des Todes, der den Menschen einst unheimlich war; man besinnt sich seiner Erotik. "Schlafen ist der neue Sex", verkündete vor einiger Zeit das amerikanische Magazin Forbes, das sonst über rastlose Frauen und Männer schreibt. Die Ärzte entdecken die Wirkung des mittelalterlichen Heilschlafs neu, Mediziner und Feuilletonisten preisen gleichermaßen die Kultur des Nickerchens: Zwanzig Minuten im Bürostuhl, und die Welt sieht wieder anders aus. In Japan gilt es als Zeichen vorbildlichen Eifers, wenn einer mittags müdegearbeitet den Kopf auf die Schreibtischplatte und abends an die Schulter des U-Bahn-Nachbarn sinken lässt; in China machen Schulkinder ein Mittagsschläfchen. Nie haben übrigens Schüler den baden-württembergischen Ministerpräsidenten Günther Oettinger mehr geliebt als an jenem Tag, da er vorschlug, die Schule eine Stunde später beginnen zu lassen.

Und die Nachteulen, die Bettflüchter, Partylöwen, Einsam-Am-Schreibtisch-Sitzer? Die können sich mit jenen Studien trösten, denen zufolge zu viel Schlaf auch nicht gesund ist und es Menschen gibt, die nach nur fünf Stunden Ruhe wieder fit sind. Oder mit den markigen Sprüchen erfogreicher Männer: "Vier Stunden schläft ein Mann, fünf eine Frau, sechs ein Idiot". Sagte Napoleon. Thomas Alva Edison war als Erfinder der Glühbirne ohnehin der ärgste Feind des Schlafes. "Alles, was die Arbeit hemmt, ist Verschwendung", pflegte er zu sagen; vier Stunden Schlaf seien ausreichend. Doch als Henry Ford, der Autobauer, den Erfinder besuchte, sagte Edisons Assistent: "Psst, der Meister hält ein Nickerchen." Edison holte sich seinen Schlaf tagsüber - ein guter Grund, am kommenden Sonntag getrost auszuschlafen.

© SZ vom 27./28.11.2007
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