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Zeitgeist:Vor die Hunde

Nur effektiv mit hohem Plastikanteil: das Kacksackerl.

(Foto: imago stock&people)

Im Supermarkt gelten Plastiktüten als Symbol der Ignoranz - beim Gassigehen als Symbol der Zivilisation.

Es war einmal eine junge Schwedin, die setzte sich für die Umwelt ein. Das Foto ihres Protests teilte sie über soziale Medien, Tausende klickten das Bild an. Das ist jetzt vier Jahre her. Niemand erinnert sich mehr an sie. Sanna Lagerwall ist ihr Name.

Heute ist das Mädchen 13 oder 14 Jahre alt und wird Zeugin, wie eine andere schwedische Naturschützerin, Greta Thunberg, Millionen Menschen auf der ganzen Welt mit ihrem Schulstreik fasziniert. Dass Sanna Lagerwall am Ende nicht ganz so populär wurde, liegt womöglich am weichen Kern ihres Protests: Die junge Aktivistin sammelte für ein Schulprojekt 172 volle Hundekotbeutel ein, die in einem Wald bei Göteborg lagen. Die Besitzer der Tiere hatten deren Würste zwar in die Tüte gepackt, das warme Paket anschließend aber nicht in den Müll, sondern in die freie Natur geworfen. Eine Botschaft des Protests: Hätten sie den Dreck erst gar nicht ins Plastik gesteckt, sondern einfach liegen gelassen, wäre es umweltfreundlicher gewesen.

Die Frage, warum die beiden Naturschützerinnen so unterschiedlich erfolgreich wurden, ist auch eine des Geschmacks. Dass jemand zum freitäglichen Schulstreik aufruft, irritiert vielleicht jene, die eine Schulpflicht für derart unumstößlich halten, dass der Zweck, und sei es die Weltrettung, dieses Mittel nicht heiligen kann. Doch die Vorstellung, zum selben Zweck die Köter dieser Welt wild durch die Gegend kacken zu lassen, verschreckt so ziemlich jeden.

Man schaue sich nur die bedrohlichen Zahlen an: Mehr als neun Millionen Hunde in Deutschland, jeweils zwei Haufen am Tag zu jeweils 60 Gramm, macht mehr als 1000 Tonnen Dreck. Aber ist die Vorstellung von 18 Millionen Tüten am Tag nicht ebenso bedrohlich? Versuche der Industrie, die Produkte naturverträglicher zu machen, scheiterten an den Herausforderungen an die Hundekotbeutel: Sie müssen reißfest und belastbar sein, das schreit nach einem hohen Plastikanteil. Recyclebar oder zu Hause kompostierbar sind sie aus hygienischen Gründen ohnehin nicht.

Es ist nun im Kleinen der persönliche Test für das ganz Große: Wie ernst meint es man es mit dem Umweltschutz? Zum Bäcker nebenan mit dem Rad fahren, den Coffee to go im Bambusbecher herumtragen, den überlegen motorisierten SUV moralisch überlegen verdammen und abends das selbstzufriedene Lächeln mit der Holzzahnbürste bearbeiten - kein Problem. Aber einmal mit Fischgrätensohle in einen stinkenden Haufen gestiegen, und der Alarm schrillt los. Es ist der buchstäbliche Eintritt in die Hölle der persönlichen Inkonsequenz. Um wenigstens den Schuh zu retten, wird die Holzzahnbürste zu ihrem allerletzten Job gezwungen.

Interessant sind doch die sehr unterschiedlichen Karrieren sehr ähnlicher Produkte. Denn im selben Maß, wie die Plastiktüte zu einem Symbol für völlige Ignoranz wurde, hat sich ihre Unterform, der Kotbeutel, zuvor zu einem Symbol für Respekt entwickelt. Anders gesagt: Im Supermarkt auf die Verpackung zu verzichten, gilt als zeitgemäßer Beitrag zum zivilisierten und engagierten Miteinander. Hingegen im Park auf den Gassibeutel zu verzichten wird als Unzivilisiertheit sondergleichen erachtet.

Schlichtungsversuche gab es immer wieder: 1988, Hundekotbeutelspender waren noch nicht aufgestellt, verpflichtete das frisch geänderte Straßenreinigungsgesetz die Berliner dazu, den Dreck ihrer Tiere zu beseitigen. Und wohin damit? Weil Hundekot nach ebenjenem Gesetz nicht als Müll galt, empfahl die Verwaltung, ihn zu Hause ins Klo zu werfen.

In den Folgejahren ergriffen Städte praktischere Maßnahmen: Hundehalter wurden vielerorts dazu verpflichtet, eigene Tüten mitzubringen. In Städten wie Neapel oder Malaga sammelten die Behörden die DNA der Hunde, um die entdeckten Taten einem Täter zuschreiben zu können. Andere Städte schufen sich Hundekotbeseitigungsfahrzeuge an, deren Fahrer mit Schläuchen die Tretminen einsaugen und sie in einem Tank zu einem furchterregenden Arsenal zusammenführen. Nichts hat bisher zu Trittsicherheit geführt.

Immer auf die Hunde, mögen nun ihre Halter schimpfen. Aber in artverwandter Form gibt es den moralischen Test ja auch zu Hause bei jungen Familien: In Erwartung des Kindes erscheint es vielen werdenden Eltern noch vernünftig, umweltfreundliche Stoffwindeln zu nutzen. Aber ist der Nachwuchs erst mal da, samt Kindspech und Babykacke, wird im Halbschlaf doch zu den geruchssichereren Einweg-Windeln gegriffen, die erst in 500 Jahren vollständig abgebaut sein werden.

Der Kampf um die Zukunft muss auf viele Schultern verteilt werden, denkt man in solch müden Momenten. Aber er darf keinesfalls auf dem Rücken der Nase ausgetragen werden.