Zarte Bande:Was Rhett Butler falsch gemacht hat

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"Was heute als erniedrigend wahrgenommen wird, wurde vor 30 Jahren ganz anders bewertet", zitiert die BBC einen anderen Experten. Und weil im zwischenmenschlichen Bereich zwangsläufig viele sehr subjektive Ansichten im Spiel sind, wird es schwierig, den Durchblick zu behalten. Was für den einen ein Nichts, kann für den anderen verletzend sein; was für den einen ein Witz, ist für den anderen eine Beleidigung; und was für den einen ein Versuch ist, seine Zuneigung mitzuteilen, ist für den anderen vielleicht belästigend.

Besonders schwierig wird es, wenn Menschen aufeinandertreffen, die unterschiedlich sozialisiert wurden, etwa weil sie in verschiedenen Ländern aufgewachsen sind. Bestes Beispiel sind die Forschungsergebnisse einiger Soziologen aus dem Zweiten Weltkrieg.

Tausende amerikanische Soldaten waren damals in Großbritannien stationiert und viele bandelten mit britischen Frauen an. Doch nach den ersten Annäherungsversuchen zeigten sich Amerikaner und Britinnen häufig entrüstet und warfen sich gegenseitig eine skandalös lockere Sexualmoral vor. Der Grund: Die Abfolge dessen, was zwischen dem ersten Kontakt und dem ersten Sex passierte, unterschied sich in beiden Ländern deutlich. Ein Kuss zum Beispiel bedeutete den Amerikanern nicht viel - den Britinnen aber sehr wohl. Wenn die Britinnen nach einem viel zu frühen Kuss also nicht Reißaus nahmen, gingen sie den für sie logischen nächsten Schritt - und der verstörte wiederum die GIs, da sie nicht damit rechneten, von ihren Liebschaften sofort mit nach Hause genommen zu werden.

Das Fazit: Ein Kuss ist eben nicht einfach nur ein Kuss.

Ob vorherige Absprachen die Lösung sind, muss wohl jeder für sich entscheiden - sollte aber die Möglichkeit miteinberechnen, dass sich das Gegenüber durch intensives Nachfragen so vor den Kopf gestoßen fühlt, dass aus einem gefühlten "ja" ein ausgesprochenes "nein" wird. Wer weiß, was herausgekommen wäre, wenn Johnny Baby nach minutenlangem Dirty Dancing noch gefragt hätte, ob sie nun auch zu einem Kuss bereit wäre. Oder wenn Leo und Kate auf dem Bug der Titanic erst ausführlich darüber diskutiert hätten, ob sie sich oral kontaktieren sollen oder nicht.

Wer sich ganz unsicher ist, sollte sich vielleicht an die 90-zu-10-Regel halten. Denn es wird bekanntlich niemand gezwungen, beim ersten Kuss den Rhett Butler zu machen und die Angebetete fest umklammert in Grund und Boden zu küssen. Nach der 90-zu-10 Regel hätte sich Rhett nicht komplett auf Scarlett zubewegt, sondern kurz zuvor innegehalten. Wenn sie keine Anstalten gemacht hätte, sich ihrerseits anzunähern, hätte er einfach so getan, als wollte er nur eine Wimper von ihrer Wange pusten. Ohne rot zu werden. Ohne sich eine Ohrfeige einzufangen. Und ohne Worte.

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