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Yogalehrer:Yoga ist ein weltweiter Wachstumsmarkt

Yoga als zweites Standbein.

(Foto: Dan Borris/Yoga Dogs)

Überall im Land steigt die Nachfrage, befeuert von den Krankenkassen, die bis zu 150 Euro zuzahlen für Kurse bei Lehrern, die mindestens zwei Jahre und 500 Unterrichtseinheiten lang ausgebildet wurden. Das Wall Street Journal schätzt den Wert des "weltweiten Wachstumsmarktes Yoga" auf 42 Milliarden Dollar. Ein gutes Geschäft also? Geht so. "Im Büro würde ich mehr verdienen", sagt Monika Stahl, 700 Unterrichtseinheiten. Sie verlangt von ihren Schülern 13 Euro pro Einheit. Laut Verband speisen manche Studios ihre Lehrer mit nur 25 Euro und weniger für 90 Minuten Unterricht ab. Aber Geld ist ja nicht alles, alte Yogaweisheit.

Reich werden weltweit nur ein paar. Jordan Bloom aus Amerika etwa, Filmstarstatur und Sommersprossengesicht, kassiert für seine Viertagesworkshops in Miami, Berlin, Kopenhagen oder Tokio 2000 Euro, Flug und Hotel kosten extra. Vielerorts aber scheint die Ausbildung der Ausbilder das bessere Geschäft zu sein. Der gemeinnützige Verein Yoga Vidya mit Sitz im Teutoburger Wald und elf Millionen Euro Umsatz hat allein im vergangenen Jahr 1100 Trainer ausgebildet.

Anderer Herbsttag, andere Turnhalle. An der Yoga Academy München lassen sich zwölf Frauen zwischen verspiegelten Wänden zu Yogalehrerinnen ausbilden. Balance auf einem Bein, das andere angewinkelt wie Flamingos, die Wangen gerötet. Sie sind zwischen 25 und 55 Jahre alt, arbeiten als Ingenieurin, Texterin, Fitnesstrainerin oder Hausfrau. Gerade üben sie das Ansagen von Bewegungsfolgen. Eine spricht, die anderen turnen, dann Wechsel. Die Ansager verheddern sich in Sanskrit-Begriffen, in Reihenfolge, in Links-rechts-Unterscheidungen, die Schüler in ihren Extremitäten. Schallendes Lachen. Jeden Monat üben sie ein ganzes Wochenende über, mindestens ein Jahr lang.

Irgendwas sucht jeder

Ihre Gründe dafür klingen pragmatisch. Die Fitnesstrainerin möchte ihr Sortiment erweitern, die Mutter einen flexiblen Job. Die wahren Gründe aber, sagt Sheyda Schreiber, die Leiterin der Academy, "liegen meist tiefer". In vertrauten Gesprächsrunden am Anfang der Ausbildung tauchten sie nach und nach auf. Eine Schülerin sagte damals zum Beispiel mit feuchten Augen: "Ich arbeite in einem Männerberuf und möchte mich mehr als Frau fühlen."

Klar, irgendwas sucht jeder, immer. Und Yoga wird als Universalantwort für vieles verkauft. Zu den Ausbildungen melden sich laut Anbietern bisweilen auch Menschen an, die wegen psychischer Probleme eigentlich eine Therapie bräuchten. Sheyda Schreiber sagt: "Manche merken, dass Yoga innere und äußere Blockaden löst und versprechen sich deshalb zu viel." Sie rät ihnen von der Ausbildung ab. Das Heilsversprechen, es hat seine Grenzen.

Experten warnen auch vor Verletzungen in Kursen bei schlechten Lehrern, zum Teil selbst ausgebildet in einwöchigen Crashkursen - oder gar nicht. Ein autoritärer Meister zwang auch Bellur Krishnamachar Sundararaja Iyengar, den von vielen Leiden genesenen Yogi, so harsch in eine Übung, dass der jahrelang an den Folgen litt. Monika Stahl aber, die vor vier Jahren keine Stufe mehr schaffte, knipst nun im Münchner Turnraum die Salzlampe aus, schultert ihre Matten und läuft berufsbeschwingt die Treppe hinauf in den kalten Herbstabend.

© SZ vom 17.10.2015/bavo

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