Wolfskinder:Wie viel Tier steckt im Menschen?

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Statue Kapitol Wolf Romulus und Remus säugen Piazza del Campidoglio Rom Italien Europa Copyrig

Die Wölfin, die Romulus und Remus säugt, ist bis heute das Symbol für die Stadt Rom.

(Foto: Kim Petersen/imago/imagebroker)

Bis heute gibt es mehr als 50 dokumentierte Fälle von Kindern, die in der Wildnis aufwuchsen. Meistens beginnt ihr Leidensweg erst in der Zivilisation.

Von Josef Schnelle

Wölfe sind gesellige Tiere. Sie leben in der Rudelgroßfamilie, ziehen gemeinsam ihre Jungen groß, und manchmal kehren schon abgewanderte Wölfe wieder zu ihrem Rudel zurück und werden dort freudig aufgenommen. Kein Wunder also, dass es viele Mythen um menschliche Wolfsjunge gibt, die als Kleinkinder von der Mutter Wolf gesäugt worden sind und dann nur schwer in die menschliche Umgebung zurückfinden konnten: Romulus und Remus zum Beispiel, die Gründer der Hauptstadt eines Weltreiches. In einem Weidenkorb im Tiber ausgesetzt, so berichtet Plutarch, ließ Amulius, König von Alba Longa, die Enkel seines brüderlichen Konkurrenten verschwinden.

Doch die waren in Wahrheit die Kinder einer jungfräulichen Vestalin und des Kriegsgottes Mars. Eine Wölfin fand und säugte sie. Die Bronzeskulptur der Zwillinge, wie sie unter der Kapitolinischen Wölfin sitzen und nach deren Zitzen schnappen, ist heute noch das weltbekannte Symbolbild von Rom. Beim Ziehen der heiligen Ackerfurche, um die Größe der Stadt zu bestimmen, kam es jedoch zum Streit, bei dem Remus vom Zwillingsbruder Romulus erschlagen wurde wie Abel von Kain im Alten Testament.

In vielen Kulturen gehören die Wölfe zu den heiligen Tieren

Auch in anderen Kulturen gehören Wölfe zu den heiligen Tieren, im Gründungsmythos der Türkei, der Asena-Legende, wird der Stammvater der Kök-Türken von einer Wölfin gerettet. Tatsächlich ist der Wolf der über die Welt verbreitete Urvater des Hundes, der schon in archaischen Zeiten zum perfekt gezähmten Gefährten des Menschen wurde. Wölfe sind aber gefährliche Raubtiere. Das merkt man spätestens an der Hysterie, die aktuelle Presseberichte auslösen, wenn sie von immer mehr Wölfen an deutschen Großstadträndern erzählen. Vielleicht hat die Faszination der Wölfe vor allem mit der Angst vor ihnen zu tun.

Jedenfalls haben die Berichte über "wilde Kinder", die nicht bei Menschen aufwuchsen, nie nachgelassen. Der schwedische Naturforscher Carl von Linné erfand 1758 im Standardwerk "Systema Naturae" eigens die Kategorie des "Homo ferus", der seiner Beschreibung nach von Fell bedeckt auf allen vieren durch die Wälder streift und meist von Wölfen aufgezogen wurde. Tatsächlich wird, angefangen mit dem "Hessischen Wolfsjungen" 1344, bis heute von mehr als 50 "Wolfskindern" berichtet, die zwar nicht weitere Hauptstädte und Zivilisationen gründeten, aber stets Aufsehen erregten.

Am bekanntesten wurde die Geschichte des Victor von Aveyron, der 1797 erstmals in Okzitanien in Südfrankreich gesichtet wurde. Über den etwa zwölfjährigen Jungen ist viel geschrieben worden. Er wurde nackt aufgegriffen und zunächst als gefährliche Kuriosität gefesselt in einem Verschlag gehalten, bis er später die Neugier des Arztes und Taubstummenlehrers Jean Itard weckte. Itard befreite ihn vom Elend als lebendes Faktotum, das sogar für Geld zur Schau gestellt wurde. Er versuchte, das Menschliche in ihm zu wecken. Für Itard entsprach der "wilde Junge", den Vorstellungen des Aufklärers Jean-Jacques Rousseau folgend, dem "edlen Wilden", der, noch frei von den Perversitäten autoritärer Erziehung, den Idealmenschen in sich trug.

Itard nahm den Jungen mit aufs Land nach Batignolles, wo er ihn jahrelang betreute, ihm einen Namen gab und zwei lange Berichte über die "Erziehung eines wilden Menschen" für das Innenministerium verfasste. Dort meldete er auch die kleinsten Erfolge beim "Löffeln der Suppe" und machte diverse Lernexperimente mit Belohnungen und Strafen. Doch die Erziehungserfolge waren bescheiden, Itard gab schließlich auf. Victor blieb bei Itards Haushälterin und wurde von ihr betreut, bis er 1828, im Alter von wahrscheinlich 40 Jahren, starb.

Meistens beginnt der Leidensweg für das Wolfskind erst bei den Menschen

Der Regisseur François Truffaut fand den Stoff so interessant, dass er 1970 daraus einen seiner schönsten Filme machte: "Der Wolfsjunge". Pädagogischer Eros in Schwarz-Weiß passend zu den Thesen der Jugendrevolte der Studentenbewegung: Wird das Menschliche bis hin zur Sprachfähigkeit erst erworben, oder steckt es von Beginn an tief in uns drin? Victor heult wie ein Wolf den Mond an und jubelt über jede Gelegenheit zu spielerischer Freude.

Wie viel Tier steckt im Menschen? Und wie viel Wahrheit in den Legenden? Die Frage stellte sich beim "Wilden Peter von Hameln" 1724 ebenso wie beim "Wild Boy of Burundi" 1976 und bei Natascha Michailowa, die 2009 im Alter von fünf Jahren in Ostsibirien gefunden wurde und bellte und sich wie ein Hund benahm. Die Tatsache bleibt: Meistens beginnt der Leidensweg für das Wolfskind erst bei den Menschen.

So auch beim bekanntesten Wolfskind der Literaturgeschichte, bei Mogli, den Rudyard Kipling 1894 mit dem "Dschungelbuch" in die Welt entließ. Auf Fürsprache von Balu, dem Bären, und Baghira, dem schwarzen Panther, wird das Menschenjunge offiziell als vollwertiges Mitglied ins Rudel aufgenommen und kann sich darauf verlassen, das die Wolfsfamilie über es wacht. Mehr oder weniger nah an der Vorlage wurde der Stoff mehrere Male verfilmt. Zuletzt von Andy Serkis, Kinobesuchern eher als Gollum aus "Herr der Ringe" bekannt. Soweit man hört, wird diese Version 2019 nur auf dem Streamingdienst Netflix zu sehen sein.

So ist die komödiantische Fassung des "Dschungelbuchs" aus der Disney-Zeichentrickfabrik 1967 immer noch am präsentesten, in der die Vergangenheit Moglis im Wolfsrudel zurücktritt hinter dem Erscheinen von Affenkönig King Louie und der Schlange Kaa. Mogli ist bei den Wölfen aufgewachsen, die vielleicht gerade wieder ein Menschenkind in den Schlaf wiegen mit dem Lied: "Wir Wölfe sind ein freies Volk."

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