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Wohnprojekt in Wien:Gemeinsamer Protest

Was das Restaurant auf den ersten Blick wie ein Szenelokal aussehen lässt, ist das Grundkonzept für das ganze Haus: ein klarer, fast kühl nüchterner Architekturentwurf von Hagner und seiner Büropartnerin bei gaupenraub, Ulrike Schartner, der Spielraum lässt für Eigenarbeit und günstige, vielfach geschenkte Materialien, ohne dass der Gesamteindruck windschief oder zusammengestückelt aussieht. Dieser Ansatz ist auch der Grund, warum die Kosten des Projekts sich nicht beziffern lassen. Eine Stiftung sponsorte das Haus, überall waren die eigenen Hände am Werk.

Mit denen fing das Projekt an. Im Winter 2009 war das, als die Studenten vor Wut über die Beschränkung des Hochschulzugangs das Audimax besetzten und bald Gesellschaft bekamen. Von Obdachlosen. Erst drohte die Stimmung zu kippen, dann entschied man sich zusammenzuarbeiten. Malte Plakate, kochte Kaffee, verteilte Handzettel. Irgendwann löste sich der Streik auf, die neue Protestgruppe nicht. Damit kam Hagner ins Spiel.

Eine Botschaft gegen Monokultur

Das Haus im 9. Bezirk schien der perfekte Ort zu sein. Es stand schon seit Jahren leer, weil es aufgrund von strengen Bauauflagen für Investoren nicht lukrativ ist. Außerdem liegt es, wie der Name schon sagt, mittendrin in der Stadt.

Als die Gruppe an dem Konzept arbeitete, gab es in Prag den Plan, alle Obdachlosen in ein Zentrum am Stadtrand zu verbannen. Allerorts gibt es solche Versuche, Randgruppen möglichst unsichtbar zu machen, rauszukehren. Das Haus in Wien sollte ein Statement gegen diese Politik sein: "Wir haben das nicht nur gemacht, um 30 Menschen Obdach zu geben, sondern um eine Botschaft gegen die Monokultur in der Stadt zu liefern."

Von behindernden Gesetzen bis zu Morddrohungen

Viele Anwohner, aber auch Behörden haben genau damit ein Problem. Seit sieben Jahren wartet Alexander Hagner auf die Baugenehmigung für ein Notquartier. Mal entspricht die Wärmeübergangszahl nicht der EU-Norm, dann die Deckenhöhe nicht der Wiener Bauvorschrift. Auch Gesetze können helfen, wenn man etwas verhindern will.

Bei öffentlichen Anhörungen, wenn der Architekt seine Wohnprojekte für Obdachlose zukünftigen Nachbarn vorstellt, gibt es schon mal Morddrohungen. So groß ist die Angst vor dem, was nebenan einziehen könnte. Auch in Berlin-Hellersdorf kochte ja die Volksseele, als eine Schule in ein Flüchtlingsheim umgewandelt werden sollte.

"Wenn du Spielraum für Phantasie gibst, dann entstehen Monster im Kopf. Man muss den Befürchtungen gleich mit Antworten begegnen", sagt Hagner. Deswegen gab es in der Währingerstraße 19 erst einmal einen Flohmarkt. Hausentrümpelung und Projektvorstellung in einem. Nebenbei bekamen die Anwohner ihre neuen Nachbarn vorgestellt.

Durch die Mitwirkung der Studenten wurde das Projekt akzeptiert

Aber vor allem die Bewohner waren der Grund dafür, dass dieses Mal alle Parteien, links wie rechts, für das Projekt votierten. Studenten lassen sich eben schlecht ausgrenzen. "Man sollte mehr Menschen miteinander denken, die man nicht zwingend zusammen sieht", sagt Hagner.

Für die Anwohner sei es dann leichter, das Projekt zu akzeptieren. Außerdem profitieren die Bewohner davon. Schon in den Siebzigern hat man das versucht. Doch die meisten dieser Projekte scheiterten. Die Sozialromantik war zu groß. Kaum einer dachte an die Konflikte, die vorprogrammiert sind.

Auch in Wien gibt es Streit. Natürlich. Nur dass hier die Architektur dabei mithilft, ihn zu entschärfen. Oder wie Hagner sagt: "Möglichkeiten schafft, um Dampf abzulassen." Das fängt beim Eingang an. Alle Wohnungen sind über drei Wege zu erreichen. Über den weinumrankten offenen Laubengang, das historische Stiegenhaus und einen Lift. Wer sich nicht über den Weg laufen will, muss es nicht.

Auch die Gemeinschaftsküchen, der zentrale Raum auf jeder Etage und in WGs klassischer Ort für Streit, sind so positioniert, dass sie in drei Richtungen verlassen werden können. Und weil man nicht immer Lust auf Gesellschaft hat, besitzt auch jede WG eine Teeküche.

Alte Ledersofas, Songbücher und Filmplakate

Alle Bewohner haben in ihren Zimmern eine Ecke, die mit Holzwolle-Leichtbauplatten, verkleidet ist. Das sieht nicht nur hübsch aus, sondern eignet sich auch zum Festpinnen von Bildern, Fotos, Erinnerungsstücken - und führt zu besserem Schlaf. Holzwolle schluckt Geräusche.

"Gemeinschaft darf kein Zwang sein", sagt Hagner. Platz dafür gibt es aber genug. Angefangen im Keller mit einem Raum für Veranstaltungen, über das Erdgeschoss mit dem Gastgarten und den drei Werkstätten, wo Nachbarn ihre Fahrräder zum Reparieren bringen können.

Dann durch die Laubengänge, Terrassen und gemeinschaftlichen Wohnzimmer, die so aussehen wie in jeder WG: vererbte Ledersofas, aufgeschlagene Songbücher - Neil Young "Tell Me Why" -, Filmplakate an der Wand. Dazu eine Bibliothek und ganz oben eine Dachterrasse mit spektakulärem Blick über Wien. Kritiker warfen dem Projekt vor, dass dies zu viel Luxus sei. Als dürften Obdachlose keinen Anspruch auf schönen Wohnraum haben.

© SZ vom 30.08.2014/frdu/odg
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