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Wiener Opernball 2008:Zuckersüßes Österreich

Wer ist wer im Walzerland? Zum Wiener Opernball eine zuckersüße Polemik über ungeliebte Möchtegern-Promis und die wahren Helden der Alpenrepublik.

Michael Frank

Von wegen Operettenstaat. In Österreich fällt kaum jemandem eine nennenswerte Soubrette ein, außer Dagmar Koller, die leicht schrille Gattin des Wiener Ex-Bürgermeisters Helmut Zilk. Operettenstaat - das ist ja auch nur eine beliebte Metapher, die irgendwie Unernst und Holdrio der Republik ausdrücken soll. Doch der Alpen-Ayatollah Jörg Haider hat die Europäer gelehrt, dass gelegentlich seinesgleichen und nicht der zuckersüße Wiener Entertainer Alfons Haider die Stimmung machen.

Dita von Teese

Lugner und seine Ladies: diesjähriger Stargast ist Dita von Teese.

(Foto: Foto: dpa)

Haider hat auch gezeigt: Es bedarf besonderer Bedingungen, um als Auswärtiger voll akzeptiert zu sein. Dass die russische Operndiva Anna Netrebko die österreichische Staatsbürgerschaft angenommen hat, machte sie fast noch populärer als ihre Stimme. Am heutigen Donnerstag wird sie wieder den Wiener Opernball schmücken - wie eine Original-Sacher-Torte jeden Kaffeetisch. Warum aber Operndirektor Ioan Holender als weit prominenter gilt als viele seiner großen Stimmen, gehört zu den großen Rätseln austriakischer Prominenz.

Die Netrebko auf dem Ball erfreut eine ganze Nation. Nicht aber, dass der ewige Richard "Mörtel" Lugner den ranghöchsten aller Traditionsbälle mit seinen schlüpfrigen Gastbesucherinnen - diesmal gibt sich Dita von Teese die Ehre - als den seinen ausgibt. Man will Mörtel eigentlich nicht mehr sehen. Wer etwa ist Lugner neben einem Georg Sporschill, dem Jesuiten, der sich um verlassene Kinder in Osteuropa kümmert, oder Ute Bock, die zum Ärger der extremen Rechten Asylsuchende betreut? Diese Leute schätzt man in stiller Dankbarkeit. Doch in Wien treffen sich oft Ernst und Operette. Und so mancher Veranstalter sucht halbseidene Anlässe mit der Anwesenheit der eben genannten Wohltäter seriös aufzumöbeln.

Wie tief kann man sinken?

Dabei wäre die Liste der opernballtauglichen Prominenten gar nicht so kurz. Dietrich Mateschitz, den mit der süßen Plempe Red Bull reich gewordenen, eher publikumsscheuen Milliardär, lieben sie in Österreich wirklich - auch wegen seines Mäzenatentums in Sport und Kultur. Hoffähig ist auch Hans Peter Haselsteiner, Boss von Europas größtem Baukonzern Strabag, der gefordert hat, turmhohe Gehälter mit 80 Prozent zu besteuern.

Ebenso wie Hannes Androsch, Tycoon, früherer Finanzminister und aus der Sicht der Bevölkerung einer der Wirtschaftsweisen des Landes. Und Hans Staud, Ottakringer Marmeladenfabrikant und Feingeist, wird seiner Köstlichkeiten und des honorigen Umgangs mit den Arbeiterinnen wegen verehrt. Julius Meinl V., Spross des Feinkostimperiums, sieht die Nation dagegen mit wohligem Schauder abstürzen: Wie tief kann man aus so guter Familie sinken, fragt sich das erstaunte Publikum.

Prominenz garantiert! Fortsetzung: nächste Seite ...

Zuckersüßes Österreich

Autorität verleiht Popularität, manchmal ist es aber auch die Auflage, die Eindruck schindet. Der berühmteste Journalist Österreichs ist Hans Dichand, der steinalte Boss der Neuen Kronen Zeitung, des humorlosesten und einflussreichsten Revolverblatts, einer Art Verkündigungsorgan der Stammtische.

debüttantinnen

Mindestens so süß wie eine Sachertorte: Den Debüttantinnen ist ihre Aufregung anzusehen.

(Foto: Foto: dpa)

Danach kommt gleich ein Mann wie Armin Wolf, der als TV-Moderator mit bissigem Witz und inquisitorischer Fragetechnik die Hohlheiten der Politik abklopft. Natürlich ist Vera Russwurm, die Moderatorin einer ätzend spießigen Ach-wie-tapfer-Talkshow eine Ikone für die Verehrungssüchtigen. Barbara Stöckl, die Help-TV mit oft sehr heiklen und sperrigen Themen moderiert, kann es aber sehr wohl mit deren Popularität aufnehmen.

All das wichtigtuerische Personal der unsäglichen ORF-Promi-Serie "Seitenblicke", in die alles drängt, als bedeute sie das Überleben, erntet weit weniger Widerhall beim Publikum als bei sich selbst. Nicht einmal die Politik garantiert Prominenz. Benita Ferrero-Waldner, einst Außenministerin, dann Präsidentschaftskandidatin, heute EU-Kommissarin und lange Österreichs bekannteste politische Frauengestalt, ist jenseits von Brüssel für ihr berüchtigtes "Kampflächeln" bekannt: eine Mimikkünstlerin mit staatspolitischer Mission.

Dem Kleinstaat, der einmal ein Imperium regierte, ist der Fimmel in die Wiege gelegt. So wäre Karl Schwarzenberg der Österreicher liebster Fürst, hätte er, obwohl Jahrzehnte wohnhaft in Wien, Österreichs Staatsbürgerschaft angenommen. Hat er aber nicht, er wurde lieber Tschechiens Außenminister und geißelt nun austriakische Nachbarschaftsphobien. Mit dem hochgelobten KAiserenkel Otto von Habsburg, dem Kaiserenkel, ist es auch so eine Sache, war der doch für die CSU im Europaparlament. Und Kaiser können nicht fremder Leute Diener sein, rumort es im adelstreuen Unterbewusstsein.

Österreich ist eine kleine Gesellschaft, viel kompakter als die deutsche. Einfach irgendwie "prominent" zu sein reicht nicht. Etwas Charisma, Edelmut oder Niedertracht muss dazukommen. So ist für Deutsche der einstige Siegertyp Toni Sailer der Wintersportler schlechthin, für seine Landsleute hingegen der an der Bösartigkeit der Welt gescheiterte Franz Klammer. Normalerweise suchen - außer dem "Herminator" Hermann Maier - Wintersportstars die Abgeschiedenheit, sofern sie nicht wie der ewigblonde Hansi Hinterseer täglich alle älteren Semester der Nation singend umarmen.

Heute zählt sogar der giftige Claus Peymann, den viele lange richtig gehasst haben, zu den populären Gestalten. Einst, als Burgtheaterdirektor, hatte man ihm die Staatsbürgerschaft verweigert, die man ihm heute wohl nachwerfen würde. Erst recht einem Franz Beckenbauer, der in jedes hiesige Mikrophon spricht, er sei ja längst selbst Österreicher. Dazu passt, dass er im als "Gamsstadt" verhöhnten Kitzbühel wohnt, wo die Glitzersteinchenprominenz vom Schlage einer Fiona Swarovski zu Hause ist. Jene wie Klaus Maria Brandauer, die man für die wirklich Großen hält, leben gediegen und verschwiegen im steirischen Ausseerland.

Vielleicht kann man dieses Land am besten verstehen, wenn man den Kabarettisten zuhört. Die Österreicher sind auf gute Satire geradezu versessen; sie lieben auf schmerzhafte Weise einen so schwierigen Großmeister wie Josef Hader. Wie sonst könnte auch ein Willi Resetarits so populär werden. Der Mann, der vor 40 Jahren die "Schmetterlinge" mitbegründete und als Rock-Blues-Musiker glänzte, ist mit der grotesk-proletarischen Kunstfigur "Ostbahn Kurti" legendär geworden: ein Intellektueller und Menschenrechtskämpfer - und doch ein Held gerade der einfachen Leute.

Vielleicht, weil sie so klar und unverbildet ist, wurde auch die Rocksängerin Christina Stürmer ein Star für alle Klassen, auch die Minderprivilegierten. Letztere werden nicht beim Opernball tanzen. Der sei eine Bühne für Möchtegernprominenz. So lautet ein Vorwurf, den sich Elisabeth Gürtler oft anhören musste, die bis 2007 das Großereignis organisierte. Gürtler, im Hauptberuf Chefin des legendären Hotels Sacher und neuerdings im posthöfischen Wien bis zur Leiterin der Spanischen Hofreitschule aufgestiegen, gehört selbst zur neuen Hofgesellschaft. Die Nachfolgerin Desirée Treichl-Stürgkh hat das noch vor sich.

Zweitklassige Prominenz im Überangebot banalisiert sich freilich selbst, das ist die Lehre aus dem Opernball. Wahren Adel verleiht längst der Besuch des Philharmonikerballes im Wiener Musikverein. Der, raunen sich Wiens Edle und Feine zu, sei wirklich noch edel und fein.

© SZ vom 31.01.2008
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