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"Wie ich euch sehe" zu Verkäufer:"Rosa ist keine Farbe für Männer"

Will nichts aufschwatzen, sondern helfen: Verkäufer Daniel T.

(Foto: Illustration Jessy Asmus für SZ.de)

"Ich gucke nur" - den Satz mag er nicht. Der Verkäufer Daniel T. erzählt aus seinem Alltag in der Herrenabteilung. Und woran er sieht, dass eine zurückgebrachte Jacke bereits getragen wurde.

Ich bin Verkäufer aus Leidenschaft und berate sehr gerne. Deshalb solltet ihr, wenn ihr zu mir ins Geschäft kommt, auch mein Angebot annehmen, wenn ich euch frage, ob ich helfen kann. Ich mag es nicht, wenn Kunden einfach nur sagen "Nee, ich gucke nur". Ich will euch nicht durch die Abteilung verfolgen, sondern lediglich signalisieren, dass ich gerne zur Verfügung stehe. Das ist mein Job. Noch schlimmer sind aber die Kunden, die einfach weitergehen, ohne zu antworten. Ich lasse euch gerne in Ruhe schauen, doch dann solltet ihr auch mit mir reden, zum Beispiel: "Ich würde mich lieber erst mal alleine umsehen, komme aber gerne auf Sie zurück."

Ich arbeite in einem Kaufhaus in der Herrenabteilung, dort bin ich für die Jacken zuständig. Wir haben viele Markenartikel, zu uns kommt die Mittelschicht. Die teuerste Jacke kostet bei uns 900 Euro, da müssen viele Kunden schlucken, wenn sie das hören. In der Regel geben sie 100 bis 300 Euro aus.

Ich will niemandem etwas aufschwatzen, sondern helfen. Dann passieren euch auch keine Fehler. Kürzlich musste ein Kunde seine Jacke umtauschen, weil sie nicht wasserdicht war. Das hätten wir ihm gleich sagen können - wir Verkäufer kennen unser Sortiment. Wenn auf einem Kassenzettel eine 9 steht, dann sehen wir, dass kein Verkäufer euch beraten hat. Also fragt uns einfach, dann gibt es keine Fehlkäufe.

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Leider wissen viele Kunden oft nicht, was sie wollen - die kann auch ich nicht beraten. Aber auch Männer können wissen, was ihnen gefällt. Da hilft es schon, wenn ihr ein Foto aus einer Zeitschrift mitbringt oder mir auf dem Handy zeigt, was ihr sucht. Viele von euch werden immer gesättigter. Oder wie viele Jeans habt ihr schon im Kleiderschrank?

Gerade ältere Männer kommen oft mit ihrer Gattin und lassen sich total unterbuttern. Die Frau sagt dann: "Mein Mann sucht eine Jacke." Dabei sucht sie die Jacke für ihren Mann aus. Oft streiten sie, wenn er keine Lust mehr hat, eine anzuprobieren. Vielen Männern ist es auch völlig egal, wie die Jacke aussieht. Hauptsache, sie hat eine verschließbare Innentasche für Portemonnaie und Handy. Immerhin hat das Rentnerbeige ausgedient: Die Herren kaufen jetzt auch mal dunkelblaue Jacken.

Wenn ich nach meiner persönlichen Meinung gefragt werde, sage ich sie auch. Dann rede ich euch zum Beispiel auch einen lilafarbenen Pullover aus. Diese Farbe steht den allerwenigsten Menschen, sie macht einfach blass und ist überhaupt etwas schwierig. Ich verstehe wirklich nicht, warum zurzeit alle eine lila Krawatte wollen. Auch Rosa ist keine Farbe für Männer. Höchstens, wenn man der klassische Golfertyp ist.

Manche Kunden sind schwierig

Was das Thema Umtausch betrifft: Es ist absolut nicht in Ordnung, wenn ihr einen auf Kindergröße geschrumpften Filzklumpen zurückbringt und behauptet, ihr hättet das Stück mit der Hand gewaschen. Ich sehe auch sofort, wenn eine Jacke, die ihr umtauschen wollt, getragen wurde. Dann ist das Innenfutter zerknittert. Manchmal stinken die Sachen richtig. Das finde ich schon sehr dreist.

Überhaupt, dieser ganze Umtauschwahnsinn nervt. Schließlich ist Ware reduziert, weil sie abverkauft werden soll und wir sie nicht drei Wochen später wieder im Laden haben wollen. Es ist reine Kulanz, wenn wir die Sachen zurücknehmen. Also achtet bitte darauf, dass das Etikett noch dran ist. Und kommt mir bitte nicht mit Paragrafen: Es gibt kein Umtauschrecht, nur die Gewährleistung. Ich kenne die Gesetzestexte zum Vertragsrecht, ich habe sie in meiner Ausbildung gelernt.

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Furchtbar finde ich auch, wenn ihr handeln wollt: "Kann man da noch was im Preis machen, wenn ich drei Jacken kaufe?" Nein! Wir wollen fair zu allen Kunden sein und allen den gleichen Preis anbieten. Und so hoch, wie ihr denkt, sind die Margen im Einzelhandel nicht. Ein Teil, das im Laden 100 Euro kostet, kostet im Einkauf 30 bis 40 Euro - je nach Marke. Auch mein Gehalt muss von der Differenz bezahlt werden. Zu viele Rabatte machen uns das Geschäft kaputt.

Ich sehe es euch nach, wenn ihr die Namen von Kleidermarken nicht richtig aussprechen könnt. Aber manchmal erlebe ich schon abstruse Situationen. Eine Kundin hat mich einmal nach "Drei-Balken-Sprit" gefragt. Sie meinte Esprit. Oder die Frage nach Sir Olivier, mit langem "E" am Ende. Keiner ist perfekt, aber versucht doch bitte wenigstens, die Namen richtig auszusprechen. Bei Prosecco und Gnocchi gelingt es euch doch auch. Und hier im Laden heißt das rot-weiß-blaue Label eben Tommy Hilfiger und nicht Tommy Hilfinger. Da ist kein "N"!

Übrigens, liebe Männer: Es kann tatsächlich sein, dass ihr zugenommen habt, wenn ihr nicht mehr - wie bisher - in Größe 52 hineinpasst. Aber eine Tatsache ist auch, dass alle Hersteller ihre Schnitte verschmälern. Ihr dürft also ruhig nach einer Nummer größer fragen. Aber keine Sorge. Wenn ihr euch das nicht traut, gebe ich euch gerne ungefragt eine größere Größe dazu: "Probieren Sie doch mal die hier!"

In dieser Serie kommen Menschen zu Wort, mit denen wir täglich zu tun haben, über die sich die meisten von uns jedoch kaum Gedanken machen. Sie teilen uns mit, wie es ihnen im Alltag ergeht und welche Rolle wir dabei spielen - als nervige Kunden, ungeduldige Patienten, ignorante Mitmenschen.

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