"Wie ich euch sehe" zu Obdachlosen Warum Obdachlose so schwer von der Straße kommen

Doch das war nicht alles. Der Rocker nahm mich mit in eine Kneipe, spendierte mir etwas zu essen und zu trinken und sagte: "Bleib einfach eine Weile, hier bist du sicher." Nun müssen Sie es natürlich nicht gleich allein mit einer ganzen Jugendgang aufnehmen. Aber Sie müssen die Polizei rufen, wenn Sie einen Übergriff beobachten!

Viel zu viele Menschen sehen oder laufen einfach weg, wenn sie einen Obdachlosen in Not sehen. Dabei hat ja heutzutage wirklich jeder ein Handy. Und wenn Sie einem Obdachlosen einfach mal einen Kaffee oder ein kleines Essen spendieren, so dass er eine Weile im Café sitzen kann, dann machen Sie ihm eine riesige Freude. Auf der Straße muss er immer wachsam sein, eine Weile in einem geschützten Raum tut da einfach gut.

Obdachlosigkeit "Du kannst mit goldenen Löffeln aufwachsen und obdachlos werden"
Reden wir über Geld mit Dieter Puhl

"Du kannst mit goldenen Löffeln aufwachsen und obdachlos werden"

Dieter Puhl, Leiter der größten deutschen Bahnhofsmission in Berlin, kennt die Abgründe, in die Menschen fallen können, und was das mit ihnen macht. Ein Gespräch über Lebensläufe und Ausreden dafür, nicht zu helfen.   Interview von Thomas Öchsner und Steffen Uhlmann

Einem Obdachlosen hingegen dauerhaft zu helfen, ihn gar von der Straße zu holen, ist sehr schwer. Die Zeit auf der Straße hinterlässt Spuren, gesundheitlich und psychisch. Sie müssen sich einen Menschen wie mich vorstellen wie ein Flussbett: Irgendwann einmal, früher, war das Flussbett voller Wasser, es gab dort Pflanzen und Fische. Dann ist das Wasser nach und nach versiegt, das Flussbett ist leer. Obdachlose fühlen sich oft leer, einsam.

Dagegen anzukämpfen ist sehr mühsam. Schon viele Sozialarbeiter haben versucht, mich sesshaft zu machen - und sind gescheitert. Wer mit einem Menschen wie mir zu tun hat, der muss sich darauf einstellen, dass es erst einmal mehr Enttäuschungen als Erfolge gibt. Das hält fast kein Außenstehender durch. Aber bitte gebt dann nicht gleich auf, sondern glaubt an uns. Auch wenn es nicht immer leicht ist.

Menschen wie wir sind aufgrund ihrer schlechten Erfahrungen misstrauisch und rechnen insgeheim immer damit, dass es der andere ohnehin nicht ernst meint. Das liegt nicht daran, dass wir alle dumm sind oder nichts können, im Gegenteil. Unter den Obdachlosen sind viele hochgebildete Menschen. Jeder von uns hat bestimmte Talente. Sie sind nur unter unserer Angst vergraben.

Helmut Richard Brox lebte 29 Jahre auf der Straße. Der 53-Jährige hat die Ratgeberseite http://ohnewohnung-wasnun.blogspot.de/ ins Leben gerufen, seit einem Jahr hat er eine Wohnung. Im Dezember erscheint seine Biografie "Kein Dach über dem Leben".

Wie nehmen Sie die Menschen wahr, mit denen Sie sich aufgrund Ihrer persönlichen Lebenssituation oder Ihres Berufes tagtäglich auseinandersetzen? Was wollten Sie in der Hinsicht schon immer einmal loswerden? Senden Sie ein paar Sätze mit einer kurzen Beschreibung per E-Mail an: leben@sueddeutsche.de. Wir melden uns bei Ihnen.