Wie ich euch sehe: Tätowiererin "Warum habt ihr nicht Stopp gerufen?"

Ich gucke natürlich auf Tattoos. Auf der Straße, aber auch in der Sauna. Dort sehe ich viel Trash. Manche von euch kommen auch zu mir und wollen, dass ich sie rette. "Der Bruder von 'nem Kumpel hat das für einen Fuffi auf dem Küchentisch gemacht." Und dann wundert ihr euch ernsthaft, dass es scheußlich geworden ist? Warum habt ihr nicht Stopp gerufen? Manche lassen sich auch in China ein Tattoo machen, ohne die Sprache zu sprechen. Wer "Ente süß-sauer" auf seinem Arm hat, ist selber schuld. Ich helfe oft trotzdem. Aber bei dunklen Tribals oder Arschgeweihen aus den Neunzigern habe ich mehr Mitleid. Und da kann man mit Farbe echt viel retten.

Einmal kam ein Mann in meinen Laden und wollte einen Elefantenkopf um seinen Penis tätowiert haben. Da musste ich sagen: "Nee, sorry." Nazisymbole wie beispielsweise die 88 oder der Reichsadler sind für mich auch ein Tabu. Und ich würde nicht zuerst den Hals oder die Händen tätowieren, wobei sich der Trend geändert hat: Früher waren Unterarme tabu, solange die Oberarme noch nicht voll waren. Heute ist es umgekehrt. Viele wollen sich nur die Unterarme bemalen lassen. Hauptsache möglichst präsent.

"In welcher Zeit lebt ihr eigentlich?"

Ich frage immer, wie alt ihr seid und ob ihr schon einen gefestigten Beruf habt - man kann sich schon etwas verbauen, wenn es blöd läuft. Sind ja nicht alle so supertolerant bei Tattoos. Ich habe eine kleine Tochter, die gerade in den Kindergarten gekommen ist. Bei Kinderwagen und Tattoos rümpfen viele die Nase, andere nicken einem aber auch zu und lächeln. Nach dem Motto: So eine Mutter ist cool.

Mir ist egal, wie ihr meine Tattoos findet, aber als ich einen Laden gesucht habe, dachte ich manchmal doch: In welcher Zeit lebt ihr eigentlich? Viele wollten wissen, was ich beruflich mache - und haben dann, zack, aufgelegt. "Tätowiererin? Auf gar keinen Fall!" Manche haben das gar nicht begründet. Andere hatten echt seltsame Argumente: "In dem Haus wohnen auch Ärzte und Professoren", hat ein Vermieter gesagt. Wahrscheinlich hat er gedacht, ich kreuze mit meiner Harley Davidson auf und stehe mit Rockerclub und Bier abends vor der Tür.

Manche von euch haben vielleicht noch das Klischee aus den Achtzigern im Kopf: In einem Tattoostudio ist es dunkel, es wird geraucht, es läuft laute Musik, es gibt einen Pitbull. Mein Laden ist aber keine düstere Höhle. Im Gegenteil: Er ist ganz weiß. Mit hübschen Zeichnungen an den Wänden. Er hat richtig nettes Altbauflair.

Sabine Hannak betreibt in Heidelberg das Tattoostudio Just B.

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