"Wie ich euch sehe": Alltag eines Pfarrers:"Die Amtskirche hat ein gestörtes Verhältnis zu Sex"

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"Alles in der Kirche wird von Menschen gemacht" - ein Pfarrer erzählt, wie er uns sieht. (Foto: Illustration: Jessy Asmus/SZ.de)

Wie er trotz des Zölibates eine Familie fürs Leben fand und warum er immer wieder von Frauen oder Männern angemacht wird: Ein Pfarrer erzählt aus seinem Alltag.

Protokoll: Katja Schnitzler

In unserer Serie "Wie ich euch sehe" kommen Menschen zu Wort, mit denen wir täglich zu tun haben, über die sich die meisten von uns jedoch kaum Gedanken machen: eine Polizistin, ein Zahnarzt, eine Kassiererin oder ein Stotterer. Sie teilen uns mit, wie es ihnen im Alltag ergeht, wenn sie es mit uns zu tun bekommen - als Kunden, Patienten, Mitmenschen. Diesmal erzählt der katholische Geistliche Gustav H. von seinem Alltag. Er ist seit 30 Jahren Pfarrer und betreut mit acht Mitarbeitern mehr als 16 000 Katholiken.

Wer von euch glaubt, einem Pfarrer sei ein Engel erschienen oder er muss zumindest eine Erleuchtung gehabt haben, um sich für diesen Beruf zu entscheiden, der irrt. Es ist eher so, als würde man in eine Ehe gehen. Oder in die Politik. Aufs Podest hat mich in meiner Familie keiner gehoben, statt als Hochwürden bin ich eher als Haus- und Hofpfarrer gefragt . Aber das ist mir recht so. Ich stehe ebenfalls mit beiden Beinen geerdet auf dem Boden, das hat mir stets geholfen.

Die wenigsten von euch trauen sich, das zu fragen, also: Mich selbst belastet das Thema Sexualität - oder die Einschränkung im Zölibat - nicht. Obwohl ich der Meinung bin, dass die Amtskirche ein durchaus gestörtes Verhältnis zu Sex hat. Aber Selbstbefriedigung gehört nun mal zu einer erfüllenden Sexualität und ist wirklich keine Sünde. Und sie kann auch in Paarbeziehungen Druck rausnehmen.

Natürlich bin ich manchmal traurig oder einsam. Aber das seid ihr auch, selbst wenn ihr in einer Beziehung lebt. Ich will den Zölibat nicht verklären, auf keinen Fall. Aber wenn ich sehe, unter welchem Druck etwa Familienväter stehen, habe ich schon viele Freiheiten.

Ich bin nicht allein

Wer sich vorstellt, ich halte meine Gottesdienste und verstaube sonst im Pfarrhaus, liegt falsch. Ich bin zum Beispiel seit Jahrzehnten mit einem Paar aus meiner Gemeinde sehr eng befreundet, bei ihnen erlebe ich Familie mit, das Aufwachsen der Kinder, aber auch Eheglück, das ins Stottern gerät. Meine Freunde haben eine Vorsorgevollmacht und eine Patientenverfügung. Wenn ich alt und krank werde, bin ich also nicht allein.

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Manche von euch denken womöglich, ein Pfarrer steht sonntags in der Kirche und schaut genau, wer da ist und wer fehlt. Aber das ist bei Großkirchen nicht so. Bei der Kommunion sehe ich einige, die in den Bänken sitzen bleiben - das ist natürlich in Ordnung. Oder traut ihr euch nicht? Keine Sorge, ich frage nicht, ob jemand getauft ist: Jeder ist als Mensch willkommen. Es ist mir egal, ob er Muslim ist. Oder ein Katholik, der an Gott glaubt, aber nicht an die Amtskirche - und deshalb ausgetreten ist.

Bei mir steht immer der Mensch im Mittelpunkt . Ich behandle jeden Geschiedenen normal und ich halte Zeremonien für Paare, die ich streng nach Kirchenrecht gar nicht mehr trauen dürfte.

Ich weiß, dass manche von euch die Nase rümpfen über "Betschwestern", die jeden Sonntag in die Kirche rennen. Aber ich bin überzeugt, dass Menschen, die sich von einer guten Predigt berühren lassen, im Alltag anders mit anderen umgehen. Ich will Leute mit klaren Ansagen zum Nachdenken bringen.

Das passt manchen nicht: Als ich einmal etwas gegen die AfD gesagt habe, bekam ich viele aggressive Mails - auch von Katholiken. Aber wir Christen unterstützen keine Partei, die fremdenfeindlich ist. Für Liebe und Gerechtigkeit müssen wir uns zu Wort melden, genau wie Jesus damals. Wenn man den Teil mit "Gottes Sohn" mal beiseitelässt, war er doch ein hoch unbequemer Typ!

Ihr stellt euch Priester als milde, harmoniesüchtige Wesen vor - aber das ist keine Nächstenliebe. Ich kann es sicher nicht allen recht machen, doch ich muss authentisch bleiben. Ihr müsst wissen, woran ihr bei mir seid. Was der katholischen Kirche wirklich schadet, ist Enge im Denken und Reden. Wer von euch Bilder im Kopf hat, wie er vor der Erstkommunion im Beichtstuhl kniete und Schandtaten gestand: So läuft das nicht mehr, jedenfalls nicht überall. Dass aus normalen Situationen Sünden gemacht wurden, hat die Beichte ruiniert. "Du hast unandächtig gebetet", was soll denn das heißen? Ich verstehe, dass keiner von euch so kontrolliert werden will.

Für mich fallen unter "Beichte" die Trau- oder Beerdigungsgespräche, aber auch die Unterhaltungen mit euch, in denen ihr meinen Rat sucht. Und obwohl ihr das gerne hättet: Ich sage euch bestimmt nicht, so oder so müsst ihr es machen, und eure Ehe wird wieder glücklich. Nur gemeinsam finden wir eine Lösung.

Auch Pfarrer brauchen Hilfe

Einen Rat kann ich euch allerdings ans Herz legen: Statt für teure Coachings zu bezahlen und Lebensweisheitsbücher zu kaufen, könntet ihr euch immer wieder mal für zwei Stunden aus dem Alltag ausklinken und fragen: Wo stehe ich, wohin bin ich unterwegs und wohin möchte ich? Und was macht mir Freude, was ist mir gelungen? Ich selbst mache dies regelmäßig, es bringt mich in meinem Leben voran.

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Wenn ich merke, dass jemand psychologische Hilfe braucht, vermittle ich lieber an Experten. Doch manchmal bräuchten auch Pfarrer Unterstützung - etliche sind Alkoholiker. Sie haben vielleicht keine Ersatzfamilie gefunden, kommen mit ihrem Leben allein nicht klar und mit den vielen Abendterminen, auf denen natürlich getrunken wird. Auch ich trinke mal auf dem Oktoberfest über den Durst. Nur darf es nicht alltäglich und schädlich werden. Da müsste es eigentlich in den Diözesen eigene Stellen geben, die professionell nachhaken: Wie kommst du zurecht, wie lebst du?

Kritik von Gemeindemitgliedern hingegen ist nicht immer erwünscht - wenn man nicht miteinander befreundet ist. Denn hinter dem öffentlichen Amt Pfarrer steckt ein Mensch mit einer Intimsphäre. Das Diätbuch, das mir eine Frau mal wegen meines dicken Bauches zugesteckt hat, durfte sie jedenfalls gleich wieder mitnehmen. Das fand ich schon anmaßend.

Der Reiz des Unerreichbaren

Das Amt und auch der Zölibat haben übrigens noch einen Nebeneffekt: Einige von euch finden attraktiv, was unerreichbar scheint. Es kommt immer wieder vor, dass sich Frauen und Männer an einen Zölibatären heranwagen. Ehrlich gesagt, schmeichelt mir euer Interesse. Ich bin schließlich auch nur ein Mensch, den es freut, dass er offenbar liebens- und begehrenswert erscheint. Aber ich ziehe eine klare Grenze: Wir sind uns sympathisch, weiter geht es nicht.

Natürlich kenne ich genug Pfarrer, die eheähnlich mit ihrer Haushälterin zusammenleben, da urteile ich nicht. Wenn daraus mehr wird, wer kann es verhindern? Wie gesagt, wir sind nur Menschen.

Manchmal wünsche ich mir im Alltag von euch mehr Gelassenheit statt Gezeter, etwa wenn die Gottesdienstzeiten geändert werden. Vergesst nicht: Auch in eurer Kirche wird alles von Menschen gemacht, so gut es ihnen eben möglich ist.

Wie nehmen Sie die Menschen wahr, mit denen Sie sich aufgrund Ihrer Lebenssituation oder Ihres Berufes tagtäglich auseinandersetzen? Was wollten Sie schon immer einmal loswerden? Senden Sie ein paar Sätze mit einer kurzen Beschreibung Ihrer Situation per E-Mail an: leben@sueddeutsche.de. Wir melden uns bei Ihnen.

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