bedeckt München 22°

"Wie ich euch sehe" - Alltag eines Dicken:"An euren Blicken kann ich ablesen, was ihr denkt"

Dieser Mann wünscht sich, dass man ihn sieht - nicht anstarrt,

(Foto: Illustration Jessy Asmus für SZ.de)

Verletzende Sprüche, abschätzige Blicke und ein Alltag, der bestimmt ist von Angst. Ein Dicker erzählt aus seinem Leben und erklärt, warum man ihn nicht anstarren sondern anschauen soll.

In unserer Serie "Wie ich euch sehe" kommen Protagonisten unseres Alltags zu Wort: Menschen, mit denen wir täglich zu tun haben, über die sich die meisten von uns jedoch kaum Gedanken machen: eine Polizistin, ein Hausmeister, die Frau an der Supermarktkasse. Sie teilen uns mit, wie es ihnen ergeht, wenn sie es mit uns zu tun bekommen - als Kunden, Gäste, Mitmenschen. Diesmal erzählt Günther M. aus seinem Leben als Dicker.

Ich bin dick, seit ich denken kann. Schon mein Vater hat mich deshalb gehänselt. Er war Alkoholiker, womöglich habe ich die Suchtveranlagung von ihm. An meine Kindheit habe ich so gut wie keine Erinnerungen, das meiste habe ich verdrängt. Aber manche Dinge kann man einfach nicht vergessen. Wie zum Beispiel die Hänseleien und Beleidigungen, die ich mir wegen meines Gewichts schon als Kind anhören musste.

"Wenn der auf einem Pferd sitzt, dann bricht das zusammen", war einer der Lieblingssprüche meiner Klassenkameraden. Oft haben sie mich auch wie ein Mädchen behandelt und mir von hinten an die Brüste gefasst. Immer wieder haben sie gestichelt, denn das war ihre Taktik: mich in die Ecke zu drängen, um sich selbst mehr Raum zu geben.

Egal wo ich hinkomme, bin ich den Menschen wie Freiwild ausgeliefert. Sie denken: Ein Dicker ist faul und dumm. Es sind noch nicht einmal immer Worte, mit denen sie mir das zu verstehen geben. Meistens sind es ihre Blicke, an denen ich ablesen kann, was sie über mich denken.

Glaubt nicht, ich würde es nicht bemerken, wenn ihr eurem Partner sagt, er solle sich jetzt mal ganz unauffällig umdrehen. Ich spüre das, und es verletzt mich. Manchmal, wenn ich besonders wütend werde, starre ich zurück. Aber ich bin nicht der Typ, der euch zur Rede stellt. Davor habe ich zu viel Angst.

Wie ich euch sehe Stotterer: "Moment, es geht gleich weiter"
"Wie ich euch sehe"

"Wie ich euch sehe" zu Stotterer

Stotterer: "Moment, es geht gleich weiter"

Wenn er den Mund aufmacht, zeigt sich sein Makel - und unserer: Oft vervollständigen wir seine Sätze oder übernehmen ungefragt seine Bestellung im Lokal. Ein Stotterer erklärt, warum ihn das wütend macht.   Protokoll von Violetta Simon

Wie viel wiegst du eigentlich?

Aus Angst vor den Blicken vermeide ich es, in der Öffentlichkeit zu essen. Viele ekelt es, wenn sie mich beim Essen sehen. Nicht, weil ich keine Manieren hätte, sondern einfach nur, weil ich so dick bin.

Ein anderes Thema sind die Stühle in den Restaurants. Als Dicker hat man es schwer, einen passenden Stuhl zu finden. Oft haben die Stühle Armlehnen, sodass ich nicht hineinkomme. Meistens suche ich mir dann eine Bank, aber wenn der Tisch fest montiert ist, habe ich auch da keine Chance. Ich muss immer improvisieren.

Selbst bei der Arbeit war mein Gewicht immer ein großes Thema. Mehrmals am Tag haben mich meine Kollegen darauf angesprochen und gefragt, ob ich heute wieder bauchfrei zur Arbeit gekommen sei. Dass es für mich sehr schwer ist, passende Kleidung zu finden, das versteht ihr natürlich nicht. Wie oft schon musste ich wie beiläufig am Ende eines Gesprächs die Frage hören: Wie viel wiegst du eigentlich? Das aber werde ich euch nicht verraten, denn dafür bin ich dann doch zu stolz.

Eine Maske, die vor Verletzungen schützt

Natürlich sieht es brutal aus, wenn ich bei der Arbeit auf dem Boden liege, um etwas zu verschrauben. Das ist aber kein Grund, mich mit einem Walross zu vergleichen. Und erst recht nicht, Fotos in solchen Situationen von mir zu machen, und diese dann im Firmennetzwerk zu veröffentlichen. Das ist verletzend, aber das interessiert euch ja nicht.

Längst habe ich mir deshalb angewöhnt, wenn ich aus dem Haus gehe, eine Maske aufzusetzen, eine Art Pokerface. Ich versuche, es mir nicht anmerken zu lassen, wenn ich wieder einmal verletzt wurde. Ich gebe mich cool und emotionslos. Meine Körpergröße hilft mir dabei. Zwar versuche ich meistens, den Menschen aus dem Weg zu gehen, doch wenn das nicht möglich ist, blicke ich über sie hinweg und starre in die Ferne. Manchmal verstecke ich mich auch hinter meinem Handy, tippe darauf herum, tue beschäftigt oder gebe mich als Ausländer aus, wenn mich dann doch mal ein blöder Spruch trifft.