Wie fühlt sich das an?:Mehr als zehn Minuten die Luft anhalten

Lesezeit: 2 min

Wenn Lungen schmerzen, als wollten sie bersten: Tom Sietas beschreibt seinen Weltrekord im Zeittauchen.

Stephan Bernhard

"Wenn ich in den Pool steige, versuche ich die Schiedsrichter und Fotografen am Beckenrand zu vergessen. Ich will meinen eigenen Rekord brechen. Neun Minuten, 15 Sekunden. Um noch länger unter Wasser zu bleiben, muss ich innerlich völlig ruhig sein. Aufregung kostet Energie und damit Sauerstoff. Etwa 15 Minuten bereite ich mich mit tiefen Atemzügen vor und spüre, wie mein Pulsschlag immer langsamer wird.

Wie fühlt sich das an?: Tom Sietas bei seinem Weltrekord.

Tom Sietas bei seinem Weltrekord.

(Foto: Foto: oh)

Dann bin ich bereit, atme nochmal maximal ein und presse mit Schluckbewegungen zusätzlich mehr als zwei Liter Luft in meine Lunge, bevor ich untertauche - im gleichen Moment beginnt die Uhr zu ticken.

Im Kopf begebe ich mich jetzt auf eine Reise durch meinen Körper, stelle mir bildlich jeden Muskel vor und wie jegliche Spannung aus ihm weicht. Denn Muskelanspannung ist körperliche Arbeit, die Sauerstoff verbraucht. Während ich im Pool schwebe, erreiche ich einen Zustand, der dem Gefühl kurz vor dem Einschlafen gleicht.

Minutenlang geht das so - Minuten, in denen der Sauerstoffvorrat in meinem Körper langsam schwindet. Dann setzt der Atemreiz ein. Zuerst ist nur ein leichter Druck in der Lunge zu spüren, der aber schnell stärker wird, als ob ein Luftballon in der Brust aufgepumpt wird. Mein Körper will atmen, aber ich weiß, dass das nur ein Warnsignal ist. "Ich muss nicht atmen, ich habe noch viel Luft", bete ich mir vor.

Fünf Minuten: Mein Sicherungspartner tippt mich an. Ich muss reagieren und hebe meinen rechten Zeigefinger, damit er weiß, dass ich bei Bewusstsein bin und nicht direkt vor ihm ertrinke.

Mein Körper registriert weiterhin, dass die Luft knapper wird. Um den Sauerstoffverbrauch zu senken, verlangsamt sich der Herzschlag auf 32 Schläge pro Minute. Ich versuche meine Atemnot zu ignorieren. Aber der Schmerz in der Brust wird stärker und mein Zwerchfell beginnt krampfartig zu zucken.

Meine Konzentration gilt dem Boden des Pools. Das Blickfeld verkleinert sich, kurz bevor man ohnmächtig wird. Sobald erste Anzeichen eines Tunnelblicks aufkommen, muss ich den Rekordversuch abbrechen. Der Wunsch nach Luft zu schnappen wird immer dringender, ich brauche meine gesamte Willenskraft, um unter Wasser zu bleiben.

Einen Moment harre ich noch aus, dann ist es vorbei, ich muss atmen, tauche auf. Die Uhr zeigt zehn Minuten und zwölf Sekunden: Neuer Weltrekord."

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