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Wie fühlt sich das an?:Durch den Ärmelkanal schwimmen

Mit Witzen durchs Wasser: Wie es der Schwimmer Christoph Wandratsch durch den 34 Kilometer breiten Kanal schaffte.

Der ehemalige Langstreckenschwimmer Christof Wandratsch hatte jahrelang nur ein Ziel: Er wollte den Ärmelkanal schneller durchschwimmen, als je ein Mensch zuvor. Sieben Stunden und 19 Minuten galt es zu schlagen, als der heute 42-Jährige die Rekordmarke angriff.

Tanker als Gesellschaft: Wandratsch im Ärmelkanal.

(Foto: Foto: oh)

"Als das Startsignal über den Shakespeare Beach an der Ostküste Englands schallt, sprinte ich auf die Wasserlinie zu, hechte in die trübe Brühe und pflüge mit kräftigen Kraulzügen durch das nur 16 Grad kalte Wasser. 34 Kilometer zwischen Dover und Calais liegen vor mir - ein langer Kampf gegen Quallen, Wellen, Strömungen, Frachtschiffe und Schmerzen. Die größte Herausforderung für jeden Langstreckenschwimmer.

Immer den Stil halten: Über Wasser den Arm locker lassen, unter Wasser Druck aufbauen, bete ich mir ständig vor. Alle 20 Minuten wird mir von dem Begleitboot ein kleiner Becher gereicht. Ich drehe mich auf den Rücken, lasse 300 Milliliter eines Energydrinks in den Mund fließen und paddle dabei mit den Füßen ohne Unterlass weiter.

Drei Sekunden darf die Flüssigkeitsaufnahme dauern, denn die Uhr tickt und eine verlorene Sekunde lässt sich nie wieder aufholen. Dann kommen die Schmerzen. Zuerst fängt es in den Handgelenken und Ellbogen an. Dann kommen die Rückenschmerzen dazu, schließlich beginnen die Schultern zu brennen.

Mein Trainer versucht mich zu motivieren: Er schreibt Witze auf eine Kreidetafel und hält sie über die Reling oder erinnert mich, wie hart ich trainiert habe. Nur eine Frage stellt er nie: "Wie geht es dir?" Wie soll es mir schon gehen. Denn Neoprenanzüge sind nach den Regeln der Channel Swimming and Piloting Federation verboten; einzig eine dicke Schicht aus Fett oder Silikon auf der Haut als Kälteschutz ist erlaubt.

Eine goldene Regel unter Ärmelkanalschwimmern lautet: Schlucke kein Salzwasser, sonst wird dir schlecht. Aber man kann auch durch das ständige Auf und Ab der Wellen seekrank werden. Mich erwischt es nach fünf Stunden, und ich übergebe mich. Ich kann nicht mehr, denke ich und schwimme weiter.

Irgendwann ist die französische Küste in Sicht. Noch einmal ziehe ich das Tempo an, während die Schiedsrichter vorausfahren. Kaum wuchte ich mich auf die schwarzen Felsen, höre ich den Jubel. Sieben Stunden, drei Minuten zeigt die Stoppuhr: Neuer Rekord. Zwei Jahre hielt die Marke, dann schaffte der Bulgare Petar Stoychev die Strecke 2007 in sechs Stunden und 57 Minuten."

© SZ vom 02.11.2009/bilu/pfau

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