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Wie fühlt sich das an ?:Auf dem Everest stehen

Ohne künstlichen Sauerstoff in die Todeszone - wie ein 48-jähriger Bergsteiger aus Chemnitz den Gipfel des Mount Everest erlebte.

Stephan Bernhard

Ohne künstlichen Sauerstoff in die Todeszone, denn "Doping aus der Flasche" lehnt Jörg Stingl ab. Der 48-jährige Bergsteiger aus Chemnitz hat es dennoch auf den Gipfel des Mount Everest geschafft.

"Der Lärm des tobenden Sturms erfüllt alle Sinne. Mit mehr als 120 Kilometer pro Stunde wütet der Orkan über dem 7925 Meter hohen Südsattel des Everest. Um nicht weggeblasen zu werden, habe ich das Zelt mit Eisschrauben im Boden verankert - seit dem Nachmittag harre ich so aus, jetzt ist es bereits morgens kurz nach zwei.

Länger warten darf ich nicht. Wenn ich noch auf den Gipfel will, muss ich los und hoffen, dass das Wetter besser wird. Und wenn nicht? Dann drehe ich um - wird schon gutgehen. Das Licht der Stirnlampe hilft durch die Nacht. Trotz des dicken Daunenanzugs kriecht die Kälte in alle Glieder. Dann geschieht das Wunder, am frühen Morgen hört der Orkan fast schlagartig auf und plötzlich stehe ich ganz allein auf dem schneeverkrusteten Berggrat über einem Meer aus Wolken.

Die Luft ist so dünn, dass ich das Gefühl habe, nicht genug Sauerstoff in meinen Körper pumpen zu können. Ich schnappe nach Luft, als ob ich gerade einen Marathon gelaufen und im Anschluss 100 Meter gesprintet bin. Immer im Rhythmus bleiben, bete ich mir vor: 13 Schritte gehen - Pause - dreimal tief Luft holen - und weiter.

Nach mehr als zehn Stunden Schinderei ist das letzte Hindernis erreicht - der berühmte Hillary Step, eine zwölf Meter hohe Felswand. Wer die bezwingt, ist nur noch 100 Meter vom Gipfel entfernt. Keuchend kralle ich mich in den Fels und schiebe mich Zentimeter für Zentimeter nach oben. Dann weiter Richtung Gipfel - so kaputt, dass ich vor jedem weiteren Schritt innehalten und Kraft sammeln muss.

Aber plötzlich stehe ich auf dem Dach der Welt und habe nicht einmal die Kraft, meine Arme in die Höhe zu reißen. Ich spüre keinerlei Euphorie, bin nur froh, dass die Quälerei vorbei ist - zumindest zur Hälfte. Es ist wieder stockdunkel, als ich um 21 Uhr zurück am Südsattel bin und in das Zelt krieche.

Erst Tage später im Basislager realisiere ich, welche Leistung das tatsächlich war. Das Schönste daran: Ich habe mir den Traum erfüllt, dem ich jahrelang hinterhergejagt bin."

© SZ vom 14.09.2009/bilu

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