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Whatsapp und Co.:Schrecklich nette Familienchats

Für manche ist sie der Ort, um über die Eltern zu lästern - für andere das kleinste soziale Netzwerk der Welt: die Familien-Whatsapp-Gruppe. Eine Typologie.

Von Felicitas Kock und Sarah Schmidt

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Die Patchworker

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Quelle: dpa/SZ.de

In der Gruppe sind 25 Leute. Angeheiratete gehören genauso selbstverständlich dazu wie deren Kinder und deren Halbgeschwister aus erster Ehe. Die Familie ist weit verzweigt und meist auch weit verstreut - über Bundesländer, Staaten und manchmal Kontinente. Dementsprechend groß ist der Austauschbedarf via Whatsapp. 45 neue Nachrichten innerhalb einer Stunde gelten als normal.

Gesprächsstoff:

Glückwünsche zum Geburtstag. Irgendwer feiert immer. Außerdem das Wetter. Während Bremen auf nordisches Schietwetter schimpft, sonnt sich Bayern am See. Es folgen neidische Kommentare und die Beteuerung, nun wirklich mal wieder zu Besuch zu kommen. Jeder zeigt gelegentlich, was er gerade isst. Und natürlich gibt es Untergruppen, in denen die Beiträge der anderen Familienzweige kommentiert werden.

Beteiligte:

Der Selbstverliebte teilt, wie über jeden Social-Media-Kanal, alles. Ein Familienchat ist schließlich auch nur ein soziales Netzwerk - und damit eine willkommene Möglichkeit, sich zu präsentieren. Er schickt Bilder von seinen Mahlzeiten, von den neuen Balkonblumen, dem süßen Hund in der Warteschlange beim Bäcker sowie täglich mindestens ein Selfie. Könnte ja jemand vergessen haben, wie er aussieht.

Der Kommentator behält seine eigenen Belange für sich, hat aber für jeden anderen Beitrag ein "Wow", ein "Achwietoll" oder "Süüß" übrig. Worte, die sich für den Selbstverliebten lesen wie die Anfeuerungsrufe eines Cheerleaders. Gib mir ein S-E-L-F-I-E!

Das Phantom steht in der Mitgliederliste der Gruppe, äußert sich aber selten. Ein neues Familienmitglied wurde geboren, die Nichte hat ihren Abschluss geschafft? Die Antwort des Phantoms ist Schweigen. Gelegentlich vergessen die anderen, dass es zur Gruppe beziehungsweise zur Familie gehört. Umso größer ist das Hallo, wenn es sich doch mal zu Wort meldet.

Problematisch:

45 neue Nachrichten innerhalb einer Stunde!?

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Die Überwacher

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Quelle: SZ.de

Klassische Helikopter-Eltern-Gruppe. Ist bei Familien mit jüngeren Kindern verbreitet. Wird mit zunehmendem Alter der Beteiligten zunehmend problematisch.

Gesprächsstoff:

Wo bist du? Was machst du? Um zehn bist du zuhause!

Beteiligte:

Den Helikopter-Eltern reicht es nicht, analog um ihre Kinder zu kreisen. Sie wollen, nein, sie müssen zu jeder Tages- und Nachtzeit wissen, wann der Nachwuchs zuletzt online war. Und rufen an, wenn das länger als zwei Stunden zurückliegt.

Das gewiefte Kind hat Mitleid mit den Eltern. Es hat deshalb einen Katalog situationsunabhängig passender Kurzmitteilungen angelegt, die sich in unregelmäßigen Zeitabständen von selbst verschicken.

Der Verweigerer hat Whatsapp gelöscht und ist "aus Datenschutzgründen" zu Threema gewechselt. Er verschweigt taktvoll, dass er vor allem seine Geodaten vor den Eltern schützen will.

Problematisch:

Wenn die Kinder älter werden, zuletzt um 4.35 Uhr online waren, Yolo als Status und eine Bierbong als Profilbild haben. Und wenn die Eltern nicht mitwachsen.

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Die Organisatoren

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Quelle: dpa/SZ.de

Es gibt Zweck-WGs, Zweck-Beziehungen - und Zweck-Familiengruppen. Eingeladen werden alle ab dem Teenageralter, denen zugetraut wird, Aufträge auszuführen. Hier und da gibt es herzliche Worte und Katzenvideos. Im Zentrum steht aber die Organisation.

Gesprächsstoff:

Wer holt die Großeltern vom Flughafen ab, wer braucht wann das Auto - und wie können die Samstagseinkäufe erledigt werden, ohne dass jemand auf den Nachmittagskaffee, das Fußballtraining, die Sportschau verzichten muss?

Beteiligte:

Der Häuptling, in traditionellen Familien eher weiblich, übernimmt diese Position aus dem analogen Leben. Er bzw. sie ist Quell sämtlicher gefürchteter Arbeitsaufträge von Rasenmähen bis Geschwister-vom-Sportunterricht-Abholen.

Der Chaot hat Organisatorisches, soweit es ihn betrifft, meist überlesen. Oder den Handy-Akku nicht aufgeladen. Oder sein Telefon letzte Nacht in der Disko euphorisch in die Menge geworfen. Er schafft es auf diese Weise meist, sich zu drücken.

Der Quengler hat das Gefühl, mehr leisten zu müssen als die anderen. Deshalb hat er die Frage "Warum schon wieder ich?" als feststehende Redewendung im Telefon gespeichert. Und liegt im Dauerclinch mit dem Chaoten.

Problematisch:

Wenn der Chef den Chaoten nicht mehr unter Kontrolle hat und der Quengler aus Protest die Gruppe verlässt.

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Die Geschwister

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Quelle: jetzt.de/SZ.de

Diese Gruppe wird meist zur emotionalen Aufarbeitung von Überwacher-Gruppen und Organisatoren-Gruppen benötigt.

Gesprächsstoff:

Hier wird vorgewarnt, wenn Papa auf der Suche nach Helfern zum Garage-Aufräumen ist oder Mama einen "So geht gesunde Ernährung mit Weizengras"-Kochkurs besucht hat. Außerdem wird geklärt, wer demnächst mal wieder bei Oma vorbeischaut - und dafür dieses Jahr beim Geburtstag von Großonkel Heiner passen darf.

Die große Schwester spielt gerne den Ersatzhäuptling und macht den Jüngeren Ansagen.

Der kleine Bruder (siehe das gewiefte Kind) koordiniert das Spionage-Abwehrsystem: "Jonas? Den habe ich vorhin noch in der Schulbücherei sitzen sehen - da muss man doch das Handy aushaben, Mama ..."

Das Nesthäkchen ist für die bereits ausgezogenen Brüder und Schwestern als Botschafter in der Homebase tätig und berichtet, was gerade "wirklich abgeht".

Problematisch:

Typische Geschwisterstreits aus der analogen Welt finden auch im Chat statt. An den Haaren ziehen und in die Seite boxen geht zwar noch nicht via Smartphone, "Das erzähl ich, Mama"-Petzen und "#WerHatMeinenLieblingsjoghurtGemopst???" lösen aber dieselben Zankereien aus wie im echten Leben.

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Die Schatzis/Bussis

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Quelle: SZ.de

Es geht doch nichts über die Familie. Blut ist dicker als Wasser. Und Verwandtschaft kann man sich nicht aussuchen, aber wenn man es könnte, ja, dann hätten sich diese Eltern und Kinder und Tanten und Onkel genau so gewählt, wie sie sind. So zumindest klingt die Kommunikation in der Whatsapp-Gruppe der Schatzis und Bussis.

Gesprächsstoff:

Alles was sich die Waltons auch geschrieben hätten, hätte es damals schon Whatsapp gegeben. Lob für die kleinen und großen Erfolge des Lebens. Planung gemeinsamer Unternehmungen. Außerdem Heimweh, Sehnsucht, gegenseitiges Vermissen. Gute Nacht, John Boy.

Beteiligte:

Das wandelnde Emoticon könnte mit Emojis einen Roman schreiben. Herzchen, Sonne, lachendes Smiley. In der Schatzi-Gruppe beschränkt es sich auf einzelne Beiträge, die stets mit Küsschen spuckenden Smileys enden.

Das Paar, meist Teenager plus Anhang, ist auf Fotos ausschließlich zu zweit zu sehen, spricht nur im Plural von sich und treibt das Herzchen-Level der Gruppe weiter in die Höhe.

Der Quell der Weisheit hat für jede Lebenslage den passenden Sinnspruch parat. Weiß, dass Phantasie wichtiger ist als Wissen und die Leute besser ihren Traum leben, als ihr Leben zu träumen. Scheut sich nicht, dies mitzuteilen.

Problematisch:

Wenn die Harmonie gestört wird und statt Smileys Faust- und Kackhaufen-Emoticons geteilt werden. Aber auch das hat sein Gutes, denn: Es ist der Gegenwind, der jeden Drachen steigen lässt (chinesisches Sprichwort).

© SZ.de/mri/rus
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