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Wetter:Schauer macht lustig

Sturmtief ´Gloria" in Ostspanien

Ist das wirklich eine Sturmflut? Lieber nochmal auf dem Handy nachsehen.

(Foto: dpa)

Wetter-Apps bestimmen über unser Leben, dabei liegen sie nur selten richtig. Warum wir öfter auf Taxifahrer, Frösche und Bauernregeln hören sollten.

Ein Tag in Lübeck vor zwei Wochen. Also noch vor Sabine, was einerseits ein schöner Frauenname ist und andererseits ein garstiger Sturm, dessen Höhepunkt vor einigen Tagen zu erleiden war. Jedenfalls, um auf die krankhafte Sucht nach Wetter-Apps zu sprechen zu kommen, die sich nicht erst in diesen Tagen unruhiger Tiefdruckgebiete zusammengebraut hat, schoben sich am Himmel über Lübeck die Wolken zu einer Geste zusammen, die der aus München angereiste Mensch als lebensbedrohlich einschätzen musste.

Weil auch die vorinstallierte Wetter-App auf dem Handy behauptete, dass es gleich heftig regnen müsste, sprang ich ins Taxi. Auch Katwarn, das Warn- und Informationssystem, das ich mir aufs Handy geladen habe, zeigte sich zumindest orangenervös. Und weil ich finde, dass es grundsätzlich nie genug Informationen geben kann, guckte ich auch noch bei "WetterOnline" vorbei, wo ich erfuhr, dass es gleich ziemlich windig wird. "Schauer mit einem Wind aus Südwest mit 36 km/h". Gefühlt, auch das ist zu erfahren, sind das minus drei Grad, während die Sichtweite 6,4 Kilometer beträgt und der UV-Index bei null liegt. Der Luftqualitätsindex zeigt übrigens eine "6" an.

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Ich habe keine Ahnung, was das genau bedeutet. Trotzdem sagte ich zum Taxifahrer, der etwas erstaunt aus einem Kap-Hoorn-tauglichen Rolli samt seemännischem 14-Tage-Bart blickte: "Puh, gerade noch geschafft." - "Was geschafft?" wollte der Nordmensch am Steuer wissen. "Na, es regnet gleich." - "Wo?" - "Hier. In Lübeck." - "Quatsch, das regnet nicht", brummte es aus Richtung Kap Hoorn, "das sind nur Wolken."

Der resolute Taxifahrer hörte sich so an, als wollte er sagen: Die wollen nur spielen. Aber dann schimpfte er lieber über die "idiotischen Wetter-Apps" und sagte mit Blick auf das iPhone in meiner Hand: "Woher wollen denn die jungen Leute aus Kalifornien wissen, wie hier in Lübeck das Wetter ist? Ich sage Ihnen, es regnet erst in zwei Stunden. Ich weiß das, ich kenne das Wetter hier seit 65 Jahren. Und die Wetter-App weiß gar nichts. Wetten?"

Ich ging die Wette ein, und als es ziemlich genau zwei Stunden und drei Minuten später zu regnen begann, dachte ich, dass womöglich seemännisch dreinschauende Taxifahrer, Frösche im Einweckglas oder Bauernregeln wie zum Beispiel "Morgenrot - Schlechtwetter droht" die besseren Wetter-Apps sein könnten. Und ich dachte an die Menschen, die sommers im strömenden Regen fassungslos am See sitzen bleiben und aufs Handy starren, weil ihre Wetter-App noch immer Sonnenschein anzeigt.

Warum hört keiner auf Taxifahrer, Frösche und Bauernregeln?

Aber weder der Frosch noch die Bauernregel noch der Blick aus dem Fenster schafften es im vergangenen Jahr in die Testreihe von Computer Bild. Der Test "Welche Handy-App kennt das Wetter am besten?", der neben intuitiver Bedienung und schöner Optik vor allem eine "üppige Ausstattung" mit "Widgets für den Schnellzugriff sowie Unwetter- und Hitzewarnungen, Extras wie gefühlter Temperatur, UV-Index, stündlichen Vorhersagen oder Regenradar" beurteilte und erstaunlicherweise die Zuverlässigkeit der Wettervorhersage zum wichtigsten Kriterium erkor, kam übrigens zu einem skurrilen Ergebnis: "Die Apps WeatherPro, WetterOnline und Wetter.com lieferten im Betriebssystem Android genauere Prognosen als auf dem iPhone. Die beiden Apps Wetter Live und AccuWeather bewiesen wiederum als iPhone-Apps einen besseren Riecher als ihre Android-Versionen."

Dieses dadaistisch anmutende Ergebnis dürfte die hart arbeitenden TV-Diplom-Meteorologen freuen, die trotzdem bald von den Apps umstandslos ersetzt werden. Im Fernsehen gibt es immer mehr Sondersendungen zu jenem Phänomen, das man früher Wetter genannt hätte, jetzt ist es mitunter eine "bedrohliche Lage", ein Wort, das man früher für Terrorakte vorhielt. Wir alle reden ständig übers Wetter - und zwar schon deshalb, weil uns das Klima außer Kontrolle gerät. Und versuchen per digitalem Datenfuror, zumindest das Wetter in den Griff zu bekommen.

Es ist schlicht eine Übersprungshandlung der Ratlosigkeit, wenn wir mit Sven Plöger, Inge Niedek, Claudia Kleinert oder Karsten Schwanke abends ins Bett gehen, um beim Aufwachen wie wetterdatensüchtig auf die Wetter-App zu starren, die behauptet, da draußen sei die Luft rein. Das darf man auf keinen Fall glauben. Die Info kommt aus Cupertino.

© SZ vom 15.02.2020/mkoh
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