Süddeutsche Zeitung

Wettbewerb:Wie weit schwimmen Boote aus Papier?

Natürlich: Liegt Papier im Wasser, saugt es sich voll, wird schwer und labberig. Andererseits: Genau das ist der Reiz dieses besonderen Wettrennens. Unsere Autorin war beim Papierbootrennen auf dem Starnberger See dabei. Alle wurden nass.

Von Franziska Draeger

Greta gibt alles. Backbord kniet die Neunjährige im Boot, rechte Hand oben am Griff, linke irgendwo am Paddel: tief eintauchen, kräftig durchziehen, immer wieder. Aber es gibt Probleme: Da ist zum Beispiel der Wind, der sie und ihre drei Kameraden vom Ufer abtreibt. Ihr kleines Boot lässt sich immer schlechter steuern. Und da ist das Wasser, das langsam aber sicher den Bootskiel durchweicht. Greta schaut Richtung Ziellinie: Schaffen sie es noch so weit?

Wochenlang haben Greta, Luca, Leopold und Noah an ihrem Boot gebastelt. Es heißt Sause Brause, weil das schnell klingt, weil Brause sowohl eine super Süßigkeit ist als auch ein Teil in der Badewanne. Und tatsächlich sieht ihr Boot aus wie eine entlaufende Badewanne: Der Boden ist aus Eierkartons, der wannenförmigen Rumpf aus Pappe, die die Kinder erst mühevoll zusammengenäht und dann Lage um Lage mit Zeitungen und Kleister ummantelt haben. Wie ein Mast ist ein Papprohr in der Mitte montiert. Oben dran eine tellergroße Duschbrause, von der blaue Wollfäden wie ein Wasserstrahl hängen. An der Badewannenreling sitzen selbst gebastelte Papp-Quietscheenten.

Viele solcher Papierboote hat Greta heute schon kentern sehen. Manche haben sich direkt nach dem Start mit Kiel nach oben gedreht, andere sind nach und nach mit Wasser vollgelaufen und gesunken. Kein Wunder, denn Baumaterial wie Holz oder Metall, Plastik, Lack oder andere Dinge, die Wasser etwas entgegensetzen können, sind beim Papierbootrennen auf dem Starnberger See in der Nähe von München verboten. Einmal im Jahr stechen dort Bastler in See, denen ein bisschen Origami nicht ausreicht. Das Papierboot ist wahrscheinlich eine der am häufigsten nachgefalteten Anleitungen. Kann man das auch groß denken? So groß, dass Menschen damit über einen See rudern können?

Heute gehen 21 Boote an den Start. Die Zuschauer drängen sich am Ufer. Es ist das erste Mal seit der Pandemiepause, dass auf dem See wieder um die Wette gepaddelt wird. Viele Boote werden das Rennen nicht überstehen. Das ist einerseits jammerschade, denn man sieht sofort, mit wie viel Herzblut hier in den letzten Wochen gebastelt, geklebt und gemalt wurde. Da gibt es einen Hai, einen Schwan, ein Krokodil, aber genauso auch eine schwimmende Speziflasche und ein ganzes Krankenbett. Ein schwimmender Teppich ist dabei - und eben das Badewannenboot von Greta und ihren Freunden. Andererseits gehört das aber dazu: Papier löst sich nun mal in Wasser auf. Das Scheitern, das Sinken, das Kaputtmachen ist einfach auch Teil des Rennens.

Die Boote treten paarweise gegeneinander an: 200 Meter, vom Ruderverein bis zu einer schwimmenden Plattform aus blauen Plastikkisten. Die Sause Brause ist im neunten Rennen dran. Greta hat lange auf diesen Moment hingefiebert, doch jetzt geht alles ganz schnell. Natürlich war ihr klar, dass auch ihr Boot sinken könnte. Andererseits: ein durchweichter Bootsboden? Nach wenigen Metern? Luca ist schon von Bord gesprungen. Und jetzt schnappt sich auch Greta eine der kleinen Papp-Quietscheenten vom Bootsbadewannenrand und springt mit ihr ins kalte Wasser. Aber sie geben nicht auf. Das ist vielmehr Taktik. Kommt die Sause Brause mit nur noch zwei Matrosen an Bord besser über den See? Sie liegt zwar nicht mehr so tief im Wasser, treibt aber noch weiter ab und dreht sich irgendwann sogar im Kreis.

Die Besatzung des Pappschiffs, gegen das sie angetreten sind - Team Glücklich - ist schon im Ziel, wenn auch nur mit einem kleinen Teil ihres gekenterten Boots. So sind die Regeln: Die Zeit wird gestoppt, wenn die gesamte Mannschaft mit mindestens einem Fetzen Boot auf die blauen Plastikkästen geklettert ist. Immer nur zwei Boote starten gleichzeitig, damit die Wasserwacht notfalls nicht den Überblick verliert. Am Ende werden alle Zeiten verglichen und für jede der drei Altersgruppen ein Sieger bestimmt. Das Boot, das in Gretas Gruppe den Sieg erschwimmt, heißt Wellenbrecher.

Nicht auf die Konkurrenz schauen. Greta und Luca schwimmen jetzt mit einem Arm, mit dem anderen schieben sie die Sause Brause Richtung Ziel. Immer noch zerrt der Wind in die andere Richtung. Am Ende reicht es nur für den fünften von sieben Plätzen in ihrer Gruppe. Aber egal. Schließlich kam das Wasser von allen Seiten.

Hätten Greta und Luca das Boot nicht geschoben, wäre es allmählich gesunken. Vielleicht wird es ja beim nächsten Rennen besser klappen? Sicher, es muss einiges ausgebessert werden, um die Badewanne wieder seetüchtig zu bekommen. Aber was heißt schon seetüchtig? Am Ende reichen ja ein paar Minuten, je weniger, desto besser.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.5960149
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 24.06.2023
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.