Kolumne: Vor GerichtDer Wert von Empathie

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Margarete Koppers, Generalstaatsanwältin in Berlin.
Margarete Koppers, Generalstaatsanwältin in Berlin. Foto: Regina Schmeken

Von Ronen Steinke

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Es ist eine gute Frage, was eigentlich einen „guten“ Richter, eine „gute“ Richterin ausmacht. Man kann deren Erfolg ja so schwer messen. Richter „gewinnen“ oder „verlieren“ keine Prozesse. Sie gehen nicht mit einem Wunsch nach einem bestimmten Urteil in den Saal hinein. Insofern können sie auch nie ein Prozessziel erreichen oder verfehlen. Mir hat einmal eine Juristin sehr imponiert, die von sich selbst sagte: Sie sei in gut zwanzig Berufsjahren auf der Richterbank gar nicht entscheidungsfreudiger und cooler geworden. Sondern, im Gegenteil, eher vorsichtiger.

Das war in Berlin, es war die Generalstaatsanwältin, eine Frau namens Margarete Koppers, die zuvor als Richterin jahrelang Heroinabhängige, Vergewaltiger oder Totschläger abgeurteilt hatte. Je länger sie in dem Beruf gewesen sei, so hat sie in dem Gespräch gesagt, desto schwerer habe sie sich mit dem Wort „Gerechtigkeit“ getan. „Gerechtigkeit ist subjektiv, genauso wie Wahrheit.“ Und desto mehr habe sie den Wert von Empathie gelernt. Quasi das Gegenteil von Selbstgewissheit. Meine Kollegin, mit der ich das Interview gemeinsam führte, und ich schauten uns an dieser Stelle länger an.

Meine Kollegin Verena Mayer – das ist die, die in den vergangenen zweieinhalb Jahren hier immer die schönen, anschaulichen, zweiwöchigen Gerichtskolumnen geschrieben hat, in deren Zwischenräumen dann ich mich aufgehalten habe – meine Kollegin also fand: Das könnte eigentlich auch eine gute Beschreibung für guten Journalismus sein. Sich möglichst frei machen von Gewissheiten. Sich unvoreingenommen Menschen nähern. Auch wenn man meint, alles schon gehört zu haben. Vor allem: zweifeln. So oft es geht.

Das ist eine Aufgabenbeschreibung und ein Ideal, in dem sich gute Richterinnen und gute Journalisten vielleicht tatsächlich überschneiden (oder jedenfalls: sollten). Meine Kollegin hat dann in dem Interview, das wir gemeinsam führten, die Generalstaatsanwältin noch gefragt, was man denn über die Menschheit lerne, wenn man so viele Jahre lang in deren Abgründe blicke. Kleinere Geister würden auf so eine Frage hin vielleicht ferdinandvonschirachhafte Weisheiten platzieren. Die Generalstaatsanwältin winkte eher ab. Gar nichts, sagte sie sinngemäß. Jeder Mensch ist anders. Und fast niemand hat es leicht.

Nur ein einziges Mal, am Ende des Gesprächs, als meine Kollegin schon den Notizblock eingepackt hatte, hat die langjährige Richterin von sich aus einmal das große Wort Gerechtigkeit benutzt. Genauer gesagt: das Wort „Ungerechtigkeit“. Es ging da nicht um eine Straftat, sondern eher um die Ursachen dafür, dass manche Menschen kriminell werden. Ungerecht sei das, sagte die Juristin: „Weil so viel von Status und Bildung abhängt, in welches Elternhaus ich geboren werde, wie viel Förderung ich erfahre – das ist so zufällig.“

In dieser Serie haben Verena Mayer und Ronen Steinke im wöchentlichen Wechsel über ihre Erlebnisse an deutschen Gerichten geschrieben. Dies ist die letzte Kolumne.
In dieser Serie haben Verena Mayer und Ronen Steinke im wöchentlichen Wechsel über ihre Erlebnisse an deutschen Gerichten geschrieben. Dies ist die letzte Kolumne. Illustration: Bernd Schifferdecker
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