Weltmädchentag 2018 "Der Herr Scholz sitzt da genau richtig"

Irgendwann Finanzministerin zu sein, das könnte sich Studentin Celina Kühl, 21, gut vorstellen. Beim Weltmädchentag hat sie es ausprobiert und sich mit Olaf Scholz ausgetauscht.

(Foto: Fabian Sommer/dpa)

Die Studentin Celina Kühl hat für einen Tag das Finanzministerium übernommen - und Olaf Scholz erklärt, was sie von ihm erwartet.

Interview von Violetta Simon

Finanzministerin für einen Tag: Celina Kühl hat die Chance genutzt, und sie hatte einen Plan. Die 21-Jährige studiert Wirtschaftswissenschaften mit Schwerpunkt Finanzen. Seit mehr als fünf Jahren engagiert sie sich im Jugendbeirat des Kinderhilfswerks Plan für Kinderrechte und die Chancengleichheit von Mädchen und Jungen. Beim Weltmädchentag, der an diesem Donnerstag staffindet, übernehmen Mädchen und junge Frauen für einen Tag eine wichtige Position. "Takeover" heißt das Konzept. Warum Celina Kühl dazu den Job von Olaf Scholz ausgewählt hat und wie es im Büro des Bundesfinanzministers aussieht, erklärt sie im Interview mit der SZ.

SZ: Sie haben den Tag mit dem Vizekanzler und Bundesfinanzminister Olaf Scholz verbracht. Waren Sie aufgeregt?

Celina Kühl: Superaufgeregt, ich habe die Nacht zuvor nicht viel geschlafen. Es war ein toller Tag, unglaublich spannend - und da ich unterschiedliche Leute getroffen habe, fing die Aufregung jedes Mal wieder von Neuem an.

Wie sah Ihr Arbeitstag als Finanzministerin aus?

Ich habe ja nicht direkt gearbeitet, eher Einblick bekommen in die Abläufe und Zuständigkeitsbereiche. Zuerst war ich beim Staatssekretär, wir haben uns über Entwicklungsfinanzierung unterhalten und er hat mir die Oda-Quote (Anteil der Entwicklungshilfe am Bruttosozialprodukt, Anm.d.Red.) erklärt. Dann gab es eine Führung durchs Finanzministerium. Anschließend Mittagessen mit der Referatsleiterin und einer Gleichstellungsbeauftragten, wir haben uns über Chancengleichheit und Rollenbilder unterhalten. Tolle Kantine übrigens, es gab Sushi. Zum Abschluss sind wir nach oben ins Büro von Herrn Scholz, er hat sich viel Zeit genommen.

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Wie ist das Büro von Olaf Scholz so?

Extrem aufgeräumt, alles komplett ordentlich - es war ja auch noch das Fernsehen da. Ein paar schöne Bilder hängen an der Wand, ansonsten hat Herr Scholz im Vergleich zu seinem Vorgänger Schäuble nicht viel verändert, sagte er. Ich durfte mich an den Schreibtisch setzen, später saßen wir aber am Konferenztisch. Die Einrichtung ist eher klassisch - und ziemlich beeindruckend, genau wie das restliche Gebäude.

Worüber haben Sie mit dem Finanzminister gesprochen?

Ich habe Herrn Scholz gefragt, was man tun müsste, um in Deutschland Finanzministerin zu werden - bisher ist es ja keiner Frau gelungen. Er sagte, Engagement sei wichtig, da werde man nicht reinbefördert. Man sollte gelassen rangehen, aber dranbleiben. Wir sprachen über Gleichberechtigung, und dass wir auf einem guten Weg seien. Aber noch lange nicht am Ziel. Dann hat er gesagt, dass es ihn beeindruckt, dass ich da jetzt sitze. Und dass es schön ist, wenn Menschen nicht nur an sich selbst, sondern auch an andere denken.

Warum haben sie sich gerade im Bundesfinanzministerium beworben?

Der Herr Scholz sitzt da schon genau richtig, der Finanzminister entscheidet schließlich, wieviel Geld wohin geht. Wenn man sich bei ihm für ein Thema stark macht, kann er dazu beitragen, es umzusetzen. Die Idee kam nicht allein von mir, wir haben das als Jugendbeirat gemeinsam entschieden. Und dann haben wir da mal nachgefragt.

Und wie wurden Sie für den Takeover in Berlin ausgewählt?

Das haben wir Jugendlichen im Beirat untereinander ausgemacht: Jeder hat ein Bewerbungsvideo erstellt, in dem er seine Ziele erklärt, und wie er sie dem Finanzminister vermitteln würde. Ich habe zum Beispiel argumentiert, dass Jugendliche beteiligt werden sollten an Entscheidungsprozessen, die sie betreffen.

Wie haben Sie sich auf die Aufgabe vorbereitet?

Ich bin schon lange beim Internationalen Kinderhilfswerk Plan im Jugendbeirat, konnte da viele Erfahrungen sammeln, war für Projekte in Ghana. Außerdem wurde ich von der Organisation inhaltlich intensiv vorbereitet. Ich denke, die wichtigste Botschaft habe ich rübergebracht: die Gleichberechtigung in den Projekten leben - und auf Jugendkonsultation setzen.

Was haben Sie sonst aus dem Tag "im Amt" mitgenommen?

Die Erkenntnis, dass sich Frauen mehr zutrauen sollten. Während Männer erklären: Ich bin perfekt für den Job, prüfen wir uns lieber zigmal, statt einfach mal zu sagen: Ich kann das, ich will das und dann mach ich das jetzt! Der Takeover war für mich eine große Herausforderung, die ebenso hätte schief gehen können. Aber es hat mich weitergebracht - nicht nur beruflich, auch persönlich. Es ist cool, wenn man gehört wird. Diese Aufmerksamkeit gilt nicht nur mir, sondern all den Mädchen in Ghana, denen Bildung abgesprochen wird, weil sie früh heiraten und Kinder kriegen sollen.

Könnten Sie sich vorstellen, eines Tages den Job als Finanzministerin zu übernehmen?

Schwer zu sagen, dafür bin ich eindeutig nicht alt genug. Aber in einigen Jahrzehnten vielleicht - Lust hätte ich schon dazu, in so einer Position kann man viel bewegen.

Würden Sie den Laden umkrempeln?

Das nicht, aber um ehrlich zu sein, das Ganze wirkt schon recht steif. Das Detlev-Rohwedder-Haus ist ein altes Gebäude mit einer düsteren Geschichte. Es ist der ehemalige Amtssitz von Göring. Die haben sogar einen Paternoster, der noch in Betrieb ist. Wirklich beeindruckend, aber auch bedrückend. Die Decken sind niedrig, die Flure lang, der längste etwa 600 Meter. Man geht ewig schnurgeradeaus. Aber das Gebäude ist denkmalgeschützt, das wird also nichts mit der Modernisierung. Dafür könnte man einmal über modernere Arbeitsmodelle nachdenken, da gibt es im Finanzministerium noch Potenzial.

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