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Welt-Vegetarier-Kongress:Das Leben in Vegatopia

Eine Welt, in der jedes Schwein eines natürlichen Todes stirbt? Nein, die Vegetarier dieser Welt suchen nach ernsthaften Klimaschutzlösungen. Das überzeugt auch viele Promis.

Tofubratwurst-Ragout, Krautsalat mit Curry-Tofu oder Sojadessert stehen auf der Speisekarte, wenn sich ab Sonntag in Dresden gut 600 Menschen aus 33 Ländern zum Welt-Vegetarier-Kongress treffen.

Ums Essen geht es dabei naturgemäß nicht nur in den Mittagspausen, sondern auch in den rund hundert Vorträgen des sechstägigen Kongresses. Referenten aus dem In- und Ausland erklären etwa die "Wissenschaft von der ethischen Ernährung", sie beschäftigen sich mit der Frage, warum "uns unser täglich Brot krank" macht oder wie pflanzliche Ernährung das Problem der globalen Erwärmung lösen könnte.

"100 Years of Food Revolution" - zu deutsch "Hundert Jahre Nahrungsrevolution" - ist das Motto, unter dem der Vegetarierkongress zu seinen Ursprüngen zurückkehren will. Denn in Dresden fand im Jahr 1908 bereits das erste Welttreffen statt, bei dem auch die Internationale Vegetarier-Union (IVU) aus der Taufe gehoben wurde. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts galt die Elbstadt als ein Zentrum der Bewegung, so gab es dort damals schon vier vegetarische Restaurants und ein ebensolches Sanatorium, wie die stellvertretende Vorsitzende des Vegetarierbunds Deutschland, Hildegund Scholvien, erzählt.

Fleischlos seit 1892

Der seit 1892 existierende Vegetarierbund mit seinen heute bundesweit 2000 Mitgliedern ist demnach immerhin der zweitälteste Vegetarierverein der Welt. Der erste weltweit sei 1847 im englischen Manchester gegründet worden, der älteste deutsche dann 1867 im thüringischen Nordhausen. "Das sind unsere Wurzeln", sagt Scholvien. Die 64-Jährige hat den diesjährigen Kongress organisiert.

Zu den Referenten zählen unter anderem der Theologe Eugen Drewermann sowie die Schauspielerin und grüne Alterspräsidentin des bayerischen Landtags, Barbara Rütting, die von "Lust und Frust einer vegetarischen Abgeordneten" berichtet.

Bei dem Kongress wird es auch um den "revolutionären Lebensstil" von Vegetariern gehen und darum, wie "Vegatopia" zu verwirklichen sein könnte. Für Scholvien wäre das "eine Welt, in der Vegetarier zufrieden leben können, ohne komisch angeguckt oder als Sonderlinge betrachtet zu werden", eine Welt, in der diese Lebensweise "von einem größeren Teil der Gesellschaft praktiziert" würde. In Deutschland biete zwar inzwischen praktisch jedes Restaurant auch vegetarische Gerichte an, aber etwa in Frankreich oder Polen, "wo das Fleisch eine ganz große Rolle spielt", sei das bis heute oft schwierig.

Das Leben in Vegatopia

Von Clint Eastwood bis Ringo Starr

Um sich bei der Essensbestellung im Ausland klipp und klar ausdrücken zu können, stehen auf der Kongress-Website "nützliche vegetarische Redewendungen" - und zwar nicht nur in englischer Sprache, sondern zum Beispiel auch auf Dänisch, Niederländisch, Französisch oder Ungarisch. Darunter findet sich etwa die Aussage "Ich liebe Tiere, also esse ich sie nicht".

Neben dem Tierschutz geht es den meisten Vegetariern laut Scholvien um gesunde Ernährung. Hinzu kämen Umweltprobleme und die Sorge um die Entwicklungsländer. Scholvien verweist darauf, "dass wir über Tierverbrauch viel mehr Ressourcen verbrauchen als über Pflanzenverbrauch" und dass wir ärmeren Ländern "einen Teil ihrer Nahrungsgrundlage nehmen, um unser Vieh zu füttern".

Über diese Dinge wolle der Vegetarierbund "aufklären und nicht die Menschen missionieren", sagt Scholvien, deren Eltern und Schwiegereltern schon Vegetarier waren und die seit drei Jahrzehnten vegan lebt - also neben Fleisch und Fisch auch auf Eier und Milchprodukte verzichtet. Allerdings habe sie auch viele Freunde, die Fleisch essen, "und die achte ich genauso". Es sei gut, dass auch die vegetarische Lebensweise heute weithin akzeptiert werde.

Wer sich vegetarisch ernährt, darf sich in guter Gesellschaft wissen, wie die Vegetarier-Union gern betont: Vom früheren "Beatle" Ringo Starr und den Schauspielern Clint Eastwood, Demi Moore und Dustin Hoffmann über die Schriftsteller Wilhelm Busch und Franz Kafka bis zum Maler Leonardo da Vinci listet sie im Internet seitenweise vegetarische "Celebrities" auf.

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