Weihnachtsmann Die Rolle seines Lebens

Auftragsproduktion für SZ Panorama Weihnachtsmannseminar am 26.10.2013 im Hotel Restaurant Haus Wagner in Frechen bei Köln. Gerd Wirz' Frau liegt seit 18 Jahren im Wachkoma. Er ist jedes Jahr der Weihnachtsmann auf der Station, auf der sie liegt. Der Siebzigjährige hat keinerlei finanzielle Interessen am Weihnachtsmanndasein.

Jeden Herbst hört Gerd Wirz auf, sich zu rasieren. Er verwandelt sich in einen Weihnachtsmann, um Kindern eine Freude zu machen. Und für seine Frau, die im Koma liegt.

Eine Liebesgeschichte von Benedikt Warmbrunn

Jedes Jahr im September, wenn die ersten Barthaare wachsen, setzt sich Gerd Wirz an das Bett seiner Frau, nimmt ihre Hand und hält sie sich an die Wange. "Spürst du es, Ströppchen?", fragt er, "bald ist wieder Weihnachten." Aber Ströppchen spürt nichts.

Weihnachten, das Fest der Liebe. Erzählt Gerd Wirz von Weihnachten, erzählt auch er eine Liebesgeschichte. Von der Liebe zu der Frau, mit der er seit 21 Jahren verheiratet ist. Zu der Frau, die ihn seit 18 Jahren nicht mehr erkennt. Zu der Frau, für die er zum Weihnachtsmann wird.

Ein verregneter, windiger Tag Ende Oktober, die weißen Haare im Gesicht von Gerd Wirz haben sich bereits zu einem Hemingway-Bart zusammengefügt, seit dem 1. September hat er sich nicht mehr rasiert, wie in jedem Jahr. Wirz, 69, sitzt in einem Gasthaus in Frechen bei Köln, der hinterste Raum, im hintersten Eck. Auf dem Tisch liegen Lebkuchenherzen und Spekulatiuskekse, er rührt sie nicht an. Am Tisch sitzen ein Dutzend Männer, vier Frauen und ein Hund.

Stefan Dößereck steht in der Mitte. Dößereck, weihnachtsmannrunder Bauch, kein Barthaar, leitet in dem Hinterzimmer eine Schulung. Eine Schulung zum Weihnachtsmann. Die meisten haben daran bereits teilgenommen, zwei behaupten, dass sie der Weihnachtsmann seien, einer sagt, er sei bisher immer der Osterhase gewesen. Wirz ist zum ersten Mal bei einer Weihnachtsmann-Schulung. Er sagt: "Ich sitze hier, weil ich lernen will, wie ich ein besserer Weihnachtsmann für meine Frau werden kann."

Die Weihnachtsgeschichte, die Gerd Wirz erzählt, beginnt am 1. Juni 1995. Wenige Tage zuvor, an Christi Himmelfahrt, war er mit seiner zweiten Ehefrau auf einem Markt, sie haben eine Flasche Wein getrunken, später bestellte sich seine Frau einen Südseecocktail. Am Abend klagte sie über Halsschmerzen, Wirz fuhr sie in die Uniklinik. Die Ärzte sagten, die Haut der Ananasscheibe auf dem Rand des Südseecocktails sei nicht sauber gewesen. Sie hatte den Kehlkopfdeckel verletzt, die Ärzte mussten operieren, kein schwerer Eingriff. Eine Stunde später konnte Wirz mit seiner Frau sprechen. Als sie wieder anfing zu husten, gaben die Ärzte ihr ein Schmerzmittel. Wirz ging nach Hause.

Weihnachtsmann ist keine Erfindung von Coca-Cola

Am nächsten Morgen, dem 1. Juni 1995, bricht seine Frau auf dem Weg ins Bad zusammen, sie hustet und spuckt, Flüssigkeit läuft in ihre Lunge. Es dauert 20 Minuten, bis sie gefunden wird. Es dauert weitere 20 Minuten, bis ein Arzt kommt. Frau Wirz ist bis zu den Armen blau angelaufen. Herz und Lunge werden stabilisiert. Seither liegt Frau Wirz im Wachkoma.

Seither besucht Gerd Wirz seine Frau so oft es geht in der Klinik in Hennef, wo viele Komapatienten liegen. Und eines Tages fragte ihn die Stationsschwester, ob er bei der Weihnachtsfeier auftreten wolle.

Der weiße Bart steht schon: Gerd Wirz, bevor er in seine Rolle als Weihnachtsmann schlüpft.

(Foto: Malwine Schomburg)

In dem Hinterzimmer in Frechen fordern sie frische Luft, sie öffnen die Tür nach draußen. Nachdem sich alle vorgestellt haben, geht es darum, wer der Weihnachtsmann ist, und vor allem, wer er nicht ist. Der Weihnachtsmann ist nicht der Nikolaus, der war Bischof in der heutigen Türkei. Der Weihnachtsmann ist keine Erfindung von Coca-Cola, das Unternehmen nutzt seit 1931 nur die damals geläufigen Darstellungen eines freundlichen, gut genährten, älteren Manns mit weißem Rauschebart, gekleidet in eine rote Kutte.

Gerd Wirz ist es egal, woher der Weihnachtsmann kommt. Er findet nur wichtig, dass jeder weiß, was es bedeutet, ein Weihnachtsmann-Kostüm zu tragen. "Wer ein Weihnachtsmann ist, hat nur eine Aufgabe: Er muss die Kinder zum Strahlen bringen." Denn Wirz weiß, dass es auch andere Weihnachtsmänner gibt. Weihnachtsmänner, vor denen die Kinder Angst haben.

Wirz ist in einer Großfamilie aufgewachsen, vier Familien in einem Haus, die Eltern waren ständig arbeiten. An Weihnachten versammelten sich die Kinder im großen Esszimmer, sie wussten, dass es gleich Geschenke geben würde. Aber sie freuten sich nicht. Einer der Erwachsenen verkleidete sich als Weihnachtsmann, begleitet wurde er von einem Knecht Ruprecht. Dieser Knecht Ruprecht hatte eine Kette. Eine schwere, schwarze Kette, die rasselte, wenn er sie über die Treppen zog. Sobald die Kinder die Kette hörten, krochen sie unter den Tisch, zogen die Tischdecke nach unten. Eigentlich war der kleine Gerd jedes Mal froh, wenn die Bescherung vorbei war.

Als Wirz vor sieben Jahren gefragtwurde, ob er als Weihnachtsmann auftreten wolle, überlegte er sich, was für eine Figur er darstellen will. Er dachte an seine Kindheit. Und er dachte an seine Enkelkinder, daran, dass er anderen eine schöne Erinnerung an ihre Kindheit schenken wollte. "Mir war schnell klar, dass ich ein herzlicher Weihnachtsmann sein will." Genauer: "Der Kölsche Weihnachtsmann". Wirz ist überzeugter Kölner. Er mag es, wie jovial die Menschen seiner Heimatstadt sind, und dass sie auch im größten Übel Gutes entdecken. Gute Laune, findet Wirz, wird gerade in einer Pflegestation für Komapatienten gebraucht.

Knapp 2500 Auftritte in 19 Jahren

In dem Hinterzimmer in Frechen stehen die Männer auf, manche essen ein Lebkuchenherz, andere gehen raus, eine rauchen. Gerd Wirz zieht seine schwarze Jacke aus, er steht nun in einem weißen Polo-Shirt neben einer Kleiderstange. Rote Pelzhose, rote Pelzkutte, rote Mütze mit der Aufschrift "Kölscher Weihnachtsmann". Schwarze Stiefel, weiße Handschuhe, goldene Nickelbrille. Fünf Minuten später sieht Wirz aus wie Hemingway im Weihnachtsmann-Kostüm. Die weißen Barthaare kämmt er nach oben, seine Wangen färbt er rot. Ein paar andere Männer haben sich ebenfalls umgezogen, sie posieren für ein Foto. Wirz nimmt sich Mistelzweig, Geschenksack, goldenes Buch, dann stellt er sich dazu, ganz an den Rand.

Nachdem sich die Männer gesetzt haben, referiert Schulungsleiter Dößereck über die Aufträge, die Weihnachtsmänner bekommen. Es gibt drei Arten: im Kaufhaus (große, unbekannte Personengruppe, also immer dasselbe Geschenk verteilen, um Ärger zu vermeiden), bei privaten Familienfeiern (kleine, bekannte Personengruppe, also immer präzise vorbereiten, um Ärger zu vermeiden), in der Firma (größere, oft angetrunkene Personengruppe, also nicht zu lange bleiben, um Ärger zu vermeiden). Die Weihnachtsmänner sollen nicht rauchen, trinken, telefonieren, und wenn sie mal wo hinmüssen, sollen sie sich zuvor umziehen. Auf diese Weise, sagt Dößereck, seit 19 Jahren Weihnachtsmann, knapp 2500 Auftritte, lässt sich ein gesamter Dezember ohne Ärger überstehen.

Wirz nimmt wenige Aufträge an, meistens sieben. Er hätte Zeit für mehr, der frühere Taxifahrer ist in Rente. Aber ein paar Tage in der Woche hat er für seine Enkelkinder geblockt, aus der Schule abholen, zu Mittag essen, spazieren gehen, er hat die Routine lieb gewonnen. Wenn er sich für eine Veranstaltung buchen lässt, dann meist für eine mit Kindern. Vielen geht es so, wie es Wirz als Kind ging: Sie haben Angst. "Wenn du ihnen diese Angst nehmen kannst, wenn du siehst, wie sie sich über ein kleines Geschenk wie einen Goldtaler freuen, dann gibt dir das Kraft für mehrere Tage." Es gibt ihm Kraft für den wichtigsten, den schwersten Auftritt.

Am 12. Dezember wird Wirz wieder die 50 Kilometer von seinem Haus nach Hennef fahren, zum Pflegeheim. Er wird sich umziehen. Hose, Kutte, Mütze, Stiefel, Nickelbrille. Er wird den Bart hochkämmen und die Wangen röten. Er wird an die Schwestern kleine Geschenke verteilen. Dann wird er seinen Rundgang beginnen.

Kein Fingerzucken, keine heftige Atmung

Manche Komapatienten liegen seit Jahren in dem Pflegeheim. Wirz sagt, dass viele monatelang auf nichts reagieren. Bis er an ihr Bett tritt, in seinem Weihnachtsmannkostüm. Wirz glaubt zu spüren, dass er etwas in ihnen auslöst. Manchmal zuckt ein Finger. Manchmal atmet der Patient heftig. Manchmal kehrt die Stimme zurück. So wie bei der Frau, die als Funkenmariechen getanzt hatte, bis sie erfuhr, dass ihr Mann sie betrogen hatte. Sie wollte sich erhängen. Gefunden wurde sie von ihrem sechsjährigen Sohn. Seither liegt sie im Koma. Stellt sich Wirz an ihr Bett, singen sie gemeinsam Karnevalslieder.

Das letzte Bett, neben das Wirz sich setzen wird, ist das Bett seiner Frau.

Nachdem seine Frau ins Koma gefallen war, hat Wirz jahrelang gekämpft. Er wollte nicht akzeptieren, dass er mit der Frau, die er drei Jahre zuvor geheiratet hatte, nie wieder reden, lachen, singen würde. Er hat mit Experten gesprochen, hat Fachartikel gelesen. 75 Prozent der Gehirnzellen seiner Frau sind abgestorben, er hat alles versucht, um die anderen 25 Prozent zu reizen. Er hat seiner Frau Zitronensaft auf die Zunge getröpfelt, hat ihr Erdbeeren auf die Zunge gelegt, hat mit einer Trillerpfeife neben ihrem Bett gepfiffen. Nichts passierte.

Bisher hat sie nie auf den Weihnachtsmann reagiert. Kein Fingerzucken. Keine heftige Atmung. Keine Lieder. Manchmal singt Wirz trotzdem, ganz alleine. Er sagt: "Ich spüre, dass sie spürt, dass ich da bin."

Nach dem letzten Auftritt des Jahres wird Gerd Wirz sich rasieren. Er wird die weißen Haare seines Hemingway-Bartes zusammenkehren, jedes einzelne Haar, und in eine Box rieseln lassen. Seit drei Jahren sammelt er seine Barthaare. Irgendwann will er eine Maskenbildnerin bitten, ihm daraus einen Bart zu basteln. Einen, den er sich hinter die Ohren hängen kann.