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Weihnachtslotterie in Spanien:Was passiert in einem Dorf, in dem plötzlich alle reich sind?

Am Abend des 22. Dezember 2011 feiern die Bewohner des "Glücksdorfs".

(Foto: BOLD BALD PRODUCTIONS)

Mitsotakis kneift die Augen zusammen. Ihm fehlt noch eine Zeitraffer-Einstellung vom Dorf. Er will sie von hier oben machen, aber heute ist es mal wieder neblig. Das ist schlecht. Im Februar ist die erste Vorführung seines Films.

Damals sickert die Zahl allmählich in sein Bewusstsein: 120 Millionen Euro Gewinn. Der fetteste Gordo aller Zeiten. Hunderttausend Euro für jeden Lottoschein, den die Hausfrauen auf der Straße verkauft hatten. Mitsotakis glaubt nicht an die Lotterie, schließlich kenne er sich ein bisschen aus mit Mathematik. Trotzdem hatte er in den vorherigen Jahren immer ein Los gekauft. Als nette Geste, um die Hausfrauen zu unterstützen, ein Euro pro Los geht an den Verband. Was sind schon sechs Euro? Hunderttausend Euro pro Schein, steuerfrei. Und, das ist die nächste Erkenntnis: Nur vier Leute haben einen Schein. Der Rest hat mehr. Zehn Lose im Schnitt, eine ältere Frau hat mehr als 20. Um kurz vor elf stoppen die ersten Bankvertreter aus dem nahegelegenen Huesca ihre Autos in Sodeto.

Die Maschinerie läuft an. Kein Land der Welt ist so lottoverrückt wie Spanien. Und keine Lottoziehung der Welt wird so zelebriert wie die Lotería de Navidad, deren Nummern seit dem Jahr 1812 am 22. Dezember jedes Jahres in Madrid gezogen werden. Von den Schülern einer ganz bestimmten Schule. Sie ziehen die Kugeln und singen die Gewinnerzahlen, live übertragen im staatlichen Fernsehen. Die Ziehung der Lottozahlen gehört in Spanien zur Weihnachtsroutine wie in Deutschland "Dinner for One" an Silvester. Im Schnitt gibt jeder Spanier knapp 60 Euro im Jahr dafür aus.

Um 12 Uhr kommen die Übertragungswagen an. Um 14 Uhr die Autohändler.

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Jeder von ihnen hat 20 Euro gezahlt, zusammen haben sie 33 236 872,50 Euro gewonnen. Was die drei nun vorhaben? Zuerst "einen coolen alten VW-Bus mit ein paar guten Surfbrettern drin" kaufen.

Vieles hätte ja schlimmer kommen können, sagt Mitsotakis und lächelt. Wenn er zum Beispiel ein Los gehabt, aber es versehentlich weggeworfen hätte. Oder wenn er einfach verschusselt hätte, sich eines zu kaufen. "Das wäre Pech!", ruft er. Er sitzt im ersten Stock seiner gemütlich renovierten Scheune und dreht sich eine Zigarette. Hinter ihm knackt der Holzofen, vor ihm auf dem breiten Tisch sind vier Flachbildschirme in Reihe geschaltet. Mitsotakis arbeitet gerade an der Postproduktion seines Films, er heißt "Cuando Tocó", "Als es passierte". Auf seinen Festplatten lagern 14 Terabyte Filmmaterial in Kinoqualität. Er hat 48 Interviews mit Dorfbewohnern und Freunden geführt, die Protokolle davon füllen einen grauen Ordner.

Am Tag nach dem Lottogewinn sieht der Dorfplatz von Sodeto aus wie ein Flohmarkt für Luxusgüter. Auf der Straße stehen polierte Jaguar-Limousinen mit "Zu verkaufen"-Schildern in den Scheiben, vor dem Rathaus werben Pappaufsteller für Kreuzfahrten in der Karibik und Immobilien an der Costa Brava. An dem Tag, sagt Mitsotakis, habe er gewusst, dass er auch gewonnen habe. Ein Dokumentarfilmer, der plötzlich im Mittelpunkt eines historischen Lottogewinns steht? "Eine noch bessere Geschichte hätte ich mir ja nicht ausdenken können", sagt er.

Der Film ist eine Langzeitbeobachtung. Auch deshalb wird er erst jetzt fertig. Als ihn damals die New York Times auf der Titelseite in einem Nebensatz erwähnt, schickt Al Jazeera einen Korrespondenten, das japanische Fernsehen steht vor seiner Scheune, Drehbuchautoren aus Hollywood rufen auf seinem Handy an. Ein Däne bietet seine Hilfe an, aus dem gefilmten Material eine zweistündige Kino-Dokumentation zu machen. Prominente Kameraleute aus ganz Spanien bewerben sich. Der Däne, er heißt Lars Tang Sørensen, ist inzwischen Mitsotakis' bester Freund.

Der Film erzählt die Geschichte des Lottogewinns, aber auch die des Dorfes. Es passt perfekt: Sodeto wurde in den Sechzigerjahren gegründet, als Teil eines Siedlungsplans, mit dem Franco entlegene Landstriche nutzbar machen wollte. Der Staat baute Häuser, steckte Felder zu je 14 Hektar ab und verteilte sie an arme Arbeiter in den angrenzenden Städten. Die Siedler wurden damals per Lotterie ausgelost, das ist eine Pointe im Film.

Was passiert in einem Dorf, in dem plötzlich alle reich sind? Mitsotakis setzt sich wieder in seinen Wagen, fährt im Schritttempo durch den Ort und zeigt es: Die meisten Fassaden sind sauber renoviert, ein paar Gartentore sind höher als früher. Drei neue Häuser haben sie mit dem Lottogeld gebaut, mit Doppelgaragen. Ansonsten muss man sich mit Landwirtschaftsgeräten auskennen, um den überdurchschnittlichen Wohlstand zu erahnen. Der Claas Lexion 780 zum Beispiel, eine Hightech-Erntemaschine mit einer Arbeitsbreite von 13,50 Metern, Listenpreis 510 730 Euro plus Mehrwertsteuer: Solche Mähdrescher fahren rings um Sodeto überall auf den Feldern. Die Autohändler seien bald frustriert abgezogen, sagt Mitsotakis. Dafür dürfte Sodeto nun die höchst gerüstete Traktorenflotte Spaniens haben.

Niemand im Ort hat eine Weltreise gemacht. Niemand im Ort hat aufgehört zu arbeiten. Niemand ist weggezogen. Niemand hat Costis Mitsotakis Geld geschenkt. Immerhin: "Die vom Hausfrauenverband hatten ein schlechtes Gewissen", sagt Mitsotakis, sie waren ja nun auch Millionäre. Als sie hörten, dass er einen Film macht, spendeten sie 15 000 Euro. Und der Nachbar kaufte ihm den Acker ab, der zu Mitsotakis' Haus gehörte.

Zum Marktpreis. Abends sitzt Sandra del Pozo im Schneidersitz in ihrem Wohnzimmer und blättert durch eine Klarsichtfolie voller bunter Zettel. Es sind ihre Scheine für die diesjährige Lotería de Navidad. Ein paar hat sie von ihrer Mutter bekommen, ein paar von Arbeitskollegen. Es ist Teil des Brauchs, den Menschen, die einem nahestehen, Lottoscheine zu schenken. Del Pozo hat in diesem Jahr Scheine im Wert von 700 Euro bekommen. Seit sie wissen, welchen Unterschied ein einziger Zettel machen kann, gehen sie auf Nummer sicher.

Sandra del Pozo, 39, ist die Freundin, mit der Mitsotakis damals nach Sodeto zog. Sie sind schon lange nicht mehr zusammen, aber sie sind gute Freunde, heute ist er bei ihr zu Besuch. "Das Geld", sagt sie, "ist ja nur das eine." Sie selbst hatte bei El Gordo vergleichsweise wenig Glück - sie war eine derjenigen, die nur ein Los hatten. Sie arbeitet seither nur noch in Teilzeit. "Viel wichtiger als das Geld ist aber dieses Gefühl", sagt sie. "Das Wissen, dass das Glück von allen Personen im ganzen Land genau dich getroffen hat." Sie macht eine kurze Pause und guckt rüber zu Mitsotakis. "Damit musst du auch erst mal klarkommen."

Ein Jahr nach dem großen Gewinn organisierten die Bewohner von Sodeto eine riesige Party in der Dorfkneipe, man sieht die Szenen im Film. Das Dorf hatte in dem Jahr Lose im Wert von 30 000 Euro gekauft. Und Champagner auf Vorrat. Das Glück hatte sie einmal getroffen - warum also nicht nochmal? "Es ist absurd", sagt Mitsotakis. "Sie glauben das wirklich, bis heute."

Zwei Dinge, sagt er, ließen sich im Dorf beobachten. Einmal, wie wenig sich ändere, wenn plötzlich Reichtum ausbricht, aber niemand große Träume hat. Die Felder werden dann halt größer, die Erntemaschinen besser. Zweitens sehe man, welch merkwürdiger Wunderglauben ausbricht, wenn sich Menschen vom Schicksal auserwählt fühlen. Die Lottoscheine, die der Hausfrauenverband von Sodeto verkauft, sind seit damals jedes Jahr innerhalb von zwei Wochen ausverkauft. Manche Leute kommen aus Madrid, um sich ihre Lose im Glücksdorf zu holen. Gewonnen hat seitdem keiner der Scheine mehr.

Abends fährt Mitsotakis von Sandras Haus wieder zurück zu sich. Auf dem dunklen Dorfplatz packt gerade ein Kamerateam seine Stative in einen Wagen. Bald ist wieder die große Ziehung. Da komme das Fernsehen jedes Jahr und wundere sich, dass keine Maseratis auf den Straßen und keine Wasserrutschen in den Gärten stehen. Mitsotakis zuckt die Achseln. Er selbst sei ja auch nur zufällig hier gelandet. Weil er eine Frau liebte, deren Großmutter starb, als sie gerade in der Gegend waren. Eine Verkettung von Zufällen. In diesem Jahr hat Costis Mitsotakis wieder kein Los gekauft. Allerdings, sagt er nach einer längeren Pause, hätten ihn die Hausfrauen von Sodeto auch nicht gefragt.