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Weihnachtsgeschenke für Kinder:Das will ich auch haben!

Es ist das Fest der Kinder. Und Kinder sind Tyrannen. Sie wollen viele Geschenke, große Geschenke und das, was ihre Geschwister geschenkt bekommen haben. Neun Eltern über die Weihnachtszeit

Bildern.

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Quelle: SZ

Es ist das Fest der Kinder. Und Kinder sind Tyrannen. Sie wollen viele Geschenke, große Geschenke und das, was ihre Geschwister geschenkt bekommen haben, das wollen sie auch. Neun Eltern über die nicht immer gnadenbringende Weihnachtszeit in Bildern.

Die ferngesteuerte Libelle

Es hätte alles so schön werden können. Wir hätten vor dem Weihnachtsbaum sitzen und die Elektrokerzen der Verwandtschaft bewundern können. Wir hätten still belächeln können, was wir sowieso nicht ändern können: dass Männer eben ewige Jungs sind, die immer irgendwas steuern müssen, das brummt oder hysterisch kreiselt. Wenn sie es besonders gut meinen mit Kindern, schenken sie ihnen Hightech-Gerätschaften, die sie selbst immer mal wollten, also schenkte der Patenonkel unserem Sohn die Libelle. Wir haben sie nicht gleich erkannt, denn was da aus dem Karton gerissen wurde, sah irgendwie extraterrestrisch aus. Es handelte sich um das erste funkgesteuerte Fluginsekt der Welt, das nach Angaben der Hersteller tolle LED-Augen besaß und gefahrlos im Haus benutzt werden konnte. Unser Sohn war noch zu klein für die Fernbedienung, aber egal, die übernahm der Patenonkel sowieso lieber selbst. Leider musste das Vieh erst elektrisch betankt werden, über Stunden und bei sinkender Stimmung seines Besitzers. Dann schoss es unter furchterregendem Geklapper in die Festgemeinde, riss Haare mit, knallte an die Wand, erste Tränen, wurde reanimiert, um nach kurzem Kampf an der Scheibe zu versterben. Riesengeheule, tagelange Ladeversuche, alles zwecklos. Wir haben die Libelle im Regal begraben, gleich neben dem Geländewagen und der Carrerabahn, die auch nie funktioniert haben. Freu' mich schon auf Weihnachten.

Constanze von Bullion

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Weihnachtsgeschenke für Kinder:Die Kinder-CD

CD

Quelle: iStockphoto

Entwicklungsbeschleunigende Geschenke sind die Pest, das weiß man noch. All die Zählen mit Berti Bär- oder Rechnen mit Willi Wolf-Bücher, die diversen Farben-erkennen-Gerätschaften, Uhr-lesen-lernen-Apparaturen und Schnürsenkel-binden-Übungsstationen, deren bunte Optik über ihren tristen Zweck hinwegtäuschen sollen: Man hat sie natürlich besessen, aber immer gemieden. Geschenke sollen nicht schlau, sondern Spaß machen. Deshalb bekommt unser Sohn zu Weihnachten nichts Entwicklungsbeschleunigendes. Also, nicht von uns. Von anderen schon. An seinem ersten Weihnachten bekam er eine CD: Mozart für Babys. Wir stöhnten und legten sie auf. Es fing an mit dem Vogelfängerlied. Dann kam die kleine Nachtmusik. Dann kam der türkische Marsch, aber den hörten wir nur noch halb, weil der Sohn so laut plärrte. Übrigens schadet Mozart Babys nicht. Genau so wenig, wie ihnen Strawinsky, die Wildecker Herzbuben oder Motörhead schaden. Dieser Mozart aber klang, als habe er bekifft in einer Tropfsteinhöhle ein Xylophon-Konzert für die Teletubbies mit nur drei Fingern gespielt. Was nach dem türkischen Marsch kam, haben wir nie erfahren. Qualitativ war die CD aber hochwertig gearbeitet. Einen ganzen Winter lang haben wir damit die Windschutzscheibe freigekratzt.

Tanja Rest

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Weihnachtsgeschenke für Kinder:Das Selbstgebastelte

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Quelle: SZ

Karl ist 13, Kurt wird im Februar 15, an Körpergröße überragt er seinen Vater schon um zwei Zentimeter. Doch beide können sich noch immer freuen wie kleine Kinder, wenn sie unter dem Weihnachtsbaum ihre Geschenke auspacken. Kurt mag am liebsten CAD-Programme, mit denen sich komplizierteste Bauwerke am Computerbildschirm konstruieren lassen. Karl reißt das weihnachtliche Papier noch immer in Fetzen, weil er zu ungeduldig ist, das Band vorsichtig aufzuschnüren. Nur zu einer Minute des Heiligen Abends schauen beide jedes Mal ziemlich betreten drein - wenn man sie fragt: Was habt ihr eigentlich für Oma und was, zum Beispiel, für eure Eltern? Dann beginnen sie zu stammeln und fragen stotternd, was, ähm, ja was hättet IHR euch denn gewünscht? Von Jahr zu Jahr spielen sie die Zerknirschung professioneller. Nehmen ist seliger denn geben! Die beiden liegen also voll im Trend der Zeit. Wie uncool müssen sie ein Kinderfoto ihres Vaters finden, das aus der Vorweihnachtszeit 1973 datieren dürfte. Man sieht darauf einen blonden Jungen mit kurzgeschnittenem Haar und abstehenden Ohren, der hochkonzentriert an einer Art Werktisch sitzt. Die Zunge zwischen den Lippen hervor lugend, trennt er mit einer Laubsäge der Marke Bonum aus einem Sperrholzbrett ein geschwungenes Etwas heraus, das er später mit feinem 400er-Schleifpapier abrunden, mehrfach lackieren und zu guter Letzt mit messingfarbenen Haken versehen wird. So ein Schlüsselbrett galt damals als gelungenes Geschenk, vor allem deshalb, weil es nicht bloß rasch gekauft, sondern in mühevoller Handarbeit entstanden war. Dieses Jahr wurden Karl und Kurt vorsorglich unter Druck gesetzt: "Wenn ihr wieder mit leeren Händen unterm Baum steht, dann spenden wir die Beträge, die eigentlich für eure Geschenke vorgesehen waren, an Terre des Hommes oder an Ärzte ohne Grenzen." Und siehe: Voriges Wochenende haben sie sich gleich an den PC gesetzt, um aus Familienfotos einen Jahreskalender zu montieren, mit Spiralbindung, zwölf Seiten zum Umklappen. Ein paar Stunden hat das gedauert. Vorgestern kam per E-Mail die Bestellbestätigung: "Fotokalender 2011, vier Kopien". Einen für die Oma, einen für die Tante, einen für den Patenonkel und einen für die Eltern. Na, also! Geht doch!

Hendrik Munsberg

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Weihnachtsgeschenke für Kinder:Das erste Präsent

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Quelle: SZ

Durch Kinderaugen wird Weihnachten wieder aufregend? Humbug. Die Spannung hält sich zumindest mit sehr kleinen Kindern wie gehabt - in Grenzen. In der Vorweihnachtszeit ignoriert man Fliegenpilze und Büschelschwanzvögel aus Glas und hält nach bruchsicheren Plastikkugeln in nicht-grauenvollen Farben Ausschau. Dann wühlt man sich durch Geschenkeabteilungen und Gewissensschubladen ("Wird diese Froschrassel ihr Minderwertigkeitskomplexe einimpfen? Wird dieses Plastikhandy aus ihm einen kalten Corporate-Typen machen?") und kehrt mit Plüschtieren heim. Um unter dem Tannenbaum zu erleben, dass das Kindchen sich am meisten über das Knistern des Einwickelpapiers freut. In der Ereignislosigkeit von Kleinkinderweihnachten steckt allerdings eine Riesenchance. Man kann Erinnerungen implantieren. Man inszeniert und fotografiert die Familienidylle und achtet darauf, dass im Bildausschnitt auch immer die Plastikdeko zu sehen ist. So entstehen biographische Trophäen, die man durch fortlaufendes gemeinsames Angucken auf die nichtexistente Erinnerung projiziert. Bis beides identisch ist. Jede Wette: So ist es irgendwann jenen Glückspilzen widerfahren, die sich "noch ganz genau an mein zweites Weihnachten erinnern, als Tante Bärbel da war und ich diesen Riesendelphin bekam. Gott, war ich aufgeregt". Eben.

Rebecca Casati

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Weihnachtsgeschenke für Kinder:Nummer 5302

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Quelle: SZ

Liebe bei der Kindesaufzucht so schrecklich unsichere Eltern! Liebe nervöse, an den Bedürfnissen des Nachwuchses verzweifelnde Berufskarrieristen! Liebe feinmotorisch unbegabte Volltrottel! Liebe 95 Prozent der deutschen Bevölkerung also! Es gibt ein Kindergeschenk, das wir alle gut finden. Etwas, das uns alle eint: etwas von Playmobil nämlich. Hier rechts, dieses neue Playmobil-Puppenhaus Nr. 5302 zum Beispiel. Wäre das nicht der Knaller für den Weihnachtsabend? Aber Vorsicht. Die Treppen zum Beispiel. Die erinnern uns verdammt an die Treppen von Wohnhaus Nr. 4279! Da mussten wir jede Stufe einzeln einsetzen. Da war der Weihnachtsabend schnell vorbei. Und bitte halten Sie zwei 1,5 Volt Micro-Batterien bereit, damit der Gong auch wirklich Ding-Dong macht. Sonst ist das Geheule groß. Wie damals, als wir die Nr. 4324 ("Große Schule mit Einrichtung") an Heiligabend bauen sollten. Sehr wahrscheinlich, dass Sie bei Nr. 5302 mindestens so viele gelbe und rote Stecker einsetzen müssen wie wir damals bei der Königsritterburg Nr. 3268. Immerhin scheint das Dach besser gearbeitet zu sein als beim Stadthaus Nr. 5301, wo die Weihnachtsstimmung so ins Unfröhliche kippte. Ansonsten: Frohes Fest.

Martin Zips

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Weihnachtsgeschenke für Kinder:Der Geschenkehaufen

Weihnachten

Quelle: iStockphoto/Sean Locke

Gerechtigkeit ist eine Sache für Philosophen und Religionsstifter. Bei uns ist es eine Sache des DIN-A4-Blocks. Sechs Spalten, mehrere Untergliederungen. Weihnachten muss kategorisiert werden: nach Größe, Gewicht, Außen- und Innenmaßen, Anzahl, Wert und elektronischem Betriebssystem - eine Spalte pro Kind, vergleichbare Unterkategorien und Geschenke-Mengen für jeden. Der Mensch ist ein neidvolles Wesen, und trotz starker erzieherischer Anstrengungen sind es die Kinder auch. Damit das Friedensfest auch friedlich zu Ende geht, muss das Neidrisiko gemindert und der Gerechtigkeitsfaktor in die Höhe getrieben werden. Weihnachten findet zunächst in Geschenkehaufen statt. Der Erfolg des Abends beginnt damit, dass die Haufen gleich hoch sind. Ist der erste Eindruck zufriedenstellend, kommt der Preis: Haben die Geschenke also einen vergleichbaren Wert? In Euro und Cent ist das relativ leicht zu berechnen. Welchen Wert aber besitzt ein Playmobil-Campingfahrzeug für eine Neunjährige? Entfaltet der Skihelm für die 13-Jährige die selbe befriedigende Wirkung wie iPod-Lautsprecher für den Elfjährigen? Und gibt sich der 13-Jährige mit einem Skaterrucksack zufrieden, wo er doch seit zwei Jahren einen Laptop will? Einfach ist es mit den Babys - die kriegen in diesem Jahr Schlitten, weil die Eltern das gut finden. Man darf das hier schreiben, weil sie noch nicht lesen können, und weil sich die großen Kinder schon mal auf voluminöse Geschenke einstellen können - die ihnen nicht gehören. Ansonsten arbeiten wir noch an der Gerechtigkeits-Matrix.

Stefan Kornelius

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Weihnachtsgeschenke für Kinder:Der Lärm

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Quelle: SZ

Dieser Text richtet sich an kinderlose Menschen, die Kindern anderer Menschen an Weihnachten eine Freude machen wollen. Er richtet sich an diese Menschen in eindeutig flehendem Ton, und er ist geschrieben im Zustand der nervlichen Zerrüttung. Es ist nett von euch, dass ihr an unsere Kinder denkt. Aber habt ihr bei der Wahl eurer Geschenke je daran gedacht, dass Kinder die ersten Lebensjahre über mit anderen Menschen, sogenannten Erwachsenen, zusammenleben? Oberflächliche Kenner der Materie könnten nun meinen, Kinder und Erwachsene - beides Menschen, ähnliche Interessen, was die einen erfreut, wird den anderen nicht schaden. In Wahrheit sind Kinder Erwachsenen in ihren Vorlieben ungefähr so fremd wie diese Bakterien, die vor kurzem in einem kalifornischen See gefunden wurden, und die sich angeblich von Arsen ernähren. Die Nasa trompetete aufgeregt herum, dieser Fund revolutioniere den bislang geltenden Grundsatz, dass jede Lebensform auf den sechs chemischen Elementen Wasserstoff, Sauerstoff, Kohlenstoff, Stickstoff, Schwefel und Phosphor basiert. Was soll das? Hat die Nasa noch nie ein Kind auseinandergenommen? Kinder basieren zwar nicht auf Arsen, aber ausschließlich auf Süßigkeiten, Nudeln und - Lärm. Wenn ihr unbedingt meint, ihnen Süßkram schenken zu müssen, meinetwegen. Nudeln wären zur Not auch okay. Aber bitte, bitte nie mehr dieses elektronische Spielzeug, das Lärm erzeugt, sobald man auf einen der 42 Knöpfe drückt. Diese jaulenden Polizeiautos. Und, am allerschlimmsten, diese Spielzeugtelefone, bei denen jede Taste einen anderen Ton erzeugt.

Alex Rühle

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Weihnachtsgeschenke für Kinder:Der Lego-Turm

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Quelle: SZ

Von irgendwem, es könnten die Großeltern gewesen sein, haben die Kinder eine Tonne Duplo bekommen. Duplo, das sind die großen Steine von Lego, und die Tonne ist wörtlich zu nehmen: Ein voller Pappzylinder, wie man ihn früher vom Waschmittel kannte, als es noch keine Tabs gab, jedenfalls eine kolossale Menge Baumaterial. Bei Lego/Duplo kam es immer schon auf Masse an. Je mehr Steine man hatte, desto besser konnte man nachbauen, was einem im Alltag begegnete: Seilbahnen, Burgen, den Millennium Falcon aus Star Wars. Jetzt also baue ich mit den Kindern einen Duplo- Turm. Breite Basis, vier Pfeiler, diverse Verstrebungen. "Höher!", fordern die Kinder. "Bis zur Decke", denke ich. Am Ende stehe ich auf einem Stuhl und setze auf den schwankenden Turm eine Antenne, die das Bauwerk mit schlanker Eleganz vollendet und überdies exakt einen halben Zentimeter unter der Decke abschließt. Jetzt vielleicht noch ein blinkendes Licht obendrauf, das wär's. Wenn man sich als Erwachsener im Bau- und Höhenrausch zu verlieren droht, bleibt nur eine bange Frage: "Kinder, seid ihr noch da unten?"

Nicolas Richter

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Weihnachtsgeschenke für Kinder:Der Gutschein

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Quelle: SZ

Und dann lag da noch ein Kuvert unter dem Baum. Für die Vierjährige und den Zweijährigen. Von wem? Tante Anschi. Geld? Nein. Ein Gutschein. Ein Gutschein? Das ist das Unterirdischste, Verkommenste, Dekadenteste, Stiefrabentantenhafteste, Traurigste, Ideenloseste, Erbärmlichste, was man kleinen Kindern zu Weihnachten schenken kann. Und nun ausgerechnet Anschi, die Lieblingstante. Komm, wir werfen ihn gleich in den Ofen! - Nein, warte, lies erst. "Ich lade euch und eure sechs Cousins und Cousinen ein, zu einem Partywochenende zu mir zu kommen." Die Kinder jubeln. Die Eltern auch. Zwei Tage sturmfrei. Gute Idee. Feine Bescherung.

Rudolf Neumaier

© SZ vom 16.12.2010/holl
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