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Weihnachtsfeiern im Büro:"Lasst uns froh und munter sein!"

Wenn die Firma Glühwein ausschenkt, muss man mit dem Schlimmsten rechnen: Eine Betriebsanleitung für Weihnachtsfeiern von A bis Z.

Ansprache, die - gefürchteter Programmpunkt bei Weihnachtsfeiern, die von oben angeordnet werden. In guten Zeiten kann sich der Chef, wenn er krawattenlos ans Mikro tritt, als Mensch präsentieren, für den die Firma wie eine Familie ist. In schlechten Zeiten sollte sich der Redner noch mehr auf Allgemeinplätze zurückziehen ("In der Krise liegt die Chance"), mindestens drei Mal das Wort Verantwortung fallen lassen und dann schnell zur Büfett-Eröffnung schreiten (siehe Essen).

Betriebsnudel, die - ist die einzige, die sich das ganze Jahr auf die Weihnachtsfeier freut, weil sie endlich wieder alle Mitarbeiter mit ihrer Prosecco-Laune und den neuesten Firmengerüchten nerven kann. Die B. ist ein vagabundierendes Care-Paket und kann zwischen privat und beruflich nur schwer trennen. Am Tag nach der Weihnachtsfeier meldet sich die B. grundsätzlich drei Tage krank. Laut Daily Mirror beläuft sich der daraus entstehende wirtschaftliche Schaden allein in Großbritannien auf etwa eine Million Euro.

Chef, der - ist Gerüchten und eigenen Äußerungen zufolge auch nur ein Mensch, was er auf der Weihnachtsfeier mal beweisen möchte ("Na, Meyer, auch schon wieder geschieden?"). In trunkenem Zustand zu Vertraulichkeiten neigend ("Ich hatte kürzlich diesen erotischen Traum von Ihnen..."), die er am nächsten Morgen, wenn er seine Menschlichkeit wieder vergessen hat, dem Gesprächspartner anlasten wird. Nach Mitternacht darum unbedingt zu meiden.

Duzen, das - passiert Kollegen, die Betriebsweihnachtsfeiern als Familienfest fehlinterpretieren. Risikofaktoren: Kerzenschimmer, Halbdunkel, gemeinsames Singen und Punsch. Konsequenz: Getrenntes Liftfahren am nächsten Tag.

Essen, das - sollte die ökonomische Gesamtsituation des Betriebs widerspiegeln. Zu Zeiten des Börsenbooms waren lukullische Exzesse beliebt. In diesem Jahr setzen viele Konzerne auf eine Buletten-Offensive. So ein einfaches Mahl schweißt ja auch zusammen. Höhere Chargen fahren später noch mit dem Dienstwagen zum Nobelitaliener, um dem Kartoffelsalat zu entkommen.

Fummeln, das - am ehesten zwischen älteren Familienvätern in leitender Stellung und aufstrebenden Hospitantinnen zu beobachten. Vor allem in der Internetbranche weit verbreitet. Als Ventil, um firmenweihnachtliche Auswüchse wie Randale (siehe dort) zu vermeiden, durchaus zu begrüßen. Doch Achtung: In jeder sechsten Ehe kommt es nach der Weihnachtsfeier zum Ehekrach, schreibt der Berliner Kurier.

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Gästeliste, die - tendiert in Betrieben mit häufig wechselndem Personal zur Unübersichtlichkeit. Kann von knauserigen Ausrichtern nur dadurch gestrafft werden, dass die Feier einen Tag nach Kündigungstermin angesetzt wird. G. korreliert nur bedingt mit der Teilnehmerzahl. (siehe Moralische Frage)

Heimkommen, das - weitaus folgenreicher als die Firmenfeier selbst. Gut überlegen, ob man sich das Taxi teilt. Karl Kraus: "Die Welt ist ein Gefängnis, in dem Einzelhaft vorzuziehen ist."

Indiskretion, die - darf in Krisenzeiten gezielt eingesetzt werden. Herzige Familienfotos treiben auch dem brutalsten Chef Tränen in die Augen. Das Wort "Sozialpunkte" dabei vorsichtig einstreuen.

Jobangebot, das - kann auf Weihnachtsfeiern ausgesprochen werden, allerdings nur, wenn der Bewerber seine Kernkompetenzen veranschaulicht, etwa Belastbarkeit durch Zuhören und Belächeln von Altherrenwitzen des Chefs sowie Flexibilität durch sukzessiv freigelegte Haut.

Kaiser, kleiner - auf einer Weihnachtsfeier des FC Bayern gezeugter Sohn des großen Kaisers. Heißt offiziell Joel Maximilian Beckenbauer.

Landesbank, bayerische - Milliardenloch. Streicht in diesem Jahr erstmalig die Feier im Münchner Luxushotel Bayerischer Hof.

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Moralische Frage, die - ist angesichts drohender Kündigungen nicht leicht zu beantworten. Feiern, während andere entlassen werden? Antwort 1: Geht gar nicht. Antwort 2: Geht. Schließlich wird doch ständig irgendwo irgendjemand entlassen. Muss jeder für sich entscheiden. "Du kannst nicht zwei Pferde mit einem Hintern reiten." Woody Allen.

Nachwirkungen, die - reichen von Kopf- und Magenschmerzen bis hin zum moralischen Kater. Am besten ist es, Entgleisungen, hemmungsloses Heranwanzen an Vorgesetzte und gescheiterte Flirtversuche bei der attraktiven Controllerin aus dem dritten Stock sofort wieder zu verdrängen - oft sind die N. bei den Kollegen auch nicht geringer.

Ort, der - abhängig von Wirtschaftslage und Firmenphilosophie. Reicht vom Fünf-Sterne-Hotel im Salzburgerland mit Champagnerparty, Lomilomi-Massage und Skipass für alle bis zum unbeheizten Bierzelt im Innenhof.

Programm, das - ist, wie umstritten auch immer, Pflicht. Nichtteilnahme ist Querulantentum (siehe dort). Für Chefansprachen, Tombola, Wichteln (siehe A, C, T und W) sowie Lieder, Quiz und Spiele gilt: würdevoll ertragen und maßvoll loben. Grundhaltung: stoisches Lächeln. Platzierung: im Hintergrund. Für alkoholisierte Abspaltergruppen mit Sonderprogrammpunkten wie Flaschendrehen und "Tat oder Wahrheit" gilt indes: meiden!

Querulant, der - von allen verkannter, in Wahrheit bester Mitarbeiter der Firma - eine Gemeinheit, auf die er durch sein Nichterscheinen bei / zu frühes Verschwinden von der Weihnachtsfeier hinzuweisen pflegt. Oliver Kahn, der sich vor einem Jahr zu früh in Richtung P1 verabschiedete, bezahlte dieses Vergehen mit einer Sperre und 25000 Euro Strafe.

Randale, die - wenig beliebt bei Raumpflege-Personal und Haftpflichtversicherern. Bei einer Weihnachtsfeier der englischen Fußballmanschaft West Ham United in einem Londoner Nachtclub urinierte erst ein Spieler in den VIP-Bereich, ein anderer musste sich gerade dann übergeben, als der Kellner die Rechnung präsentierte.

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Suff, der - tritt im Advent oft verschärft auf. Grund: zweifelhafte Punschrezepte (Bulgarischer Rotwein, Rumverschnitt, Zimt, Zucker, Schalen gespritzter Orangen). Wird begünstigt durch so genannte Interims-Helle, die im Magen auf Dominosteine und Aldi-Lebkuchen stoßen. Gefahrenpotenzial: schnell unweihnachtlich. Harmloseste Auswirkung: Gefühlsdusel.

Tombola, die - ist aus Sicht des Betriebes sehr beliebt, da man mit der T. nicht verkaufte Produkte optimal los wird. Die Firma spart Entsorgungskosten, muss kein Geld für sinnvolle Geschenke ausgeben und kann den Erlös der Tombola PR-wirksam für karikative Zwecke spenden - ein Foto in der Lokalzeitung mit dem Chef bei der Scheckübergabe ist so gut wie sicher. Aus Sicht der Mitarbeiter ist die Tombola lediglich eine traurige Resterampe, bei der man für Geschmacksverirrungen, Ladenhüter und Staubfänger auch noch bezahlen muss.

Umlage, die - verharmlosender, amtsdeutscher Ausdruck dafür, dass die Mitarbeiter ihre Weihnachtsfeier selbst bezahlen müssen. Die Firma muss schließlich sparen: Die Weihnachtsfeier darf sie nicht mehr als 110 Euro pro Mitarbeiter kosten. Das gibt das Steuerrecht vor. Gibt der Arbeitgeber mehr aus, muss er 25 Prozent Lohnsteuer auf den pro Mitarbeiter investierten Betrag zahlen.

Versicherung, die - ist in Deutschland natürlich auch in der Grauzone des Halbprivaten gesetzlich geregelt. Weihnachtsfeiern sollen die Unternehmenskultur fördern und Mitarbeiter zu neuen Höchstleistungen antreiben; deshalb greift auch bei externen Weihnachtsfesten der Versicherungsschutz. Allerdings nur, wenn der Arbeitgeber selbst zur Feier einlädt und mindestens ein Fünftel der Belegschaft dabei ist. Wer sich beim Betriebsbummel über den Weihnachtsmarkt das Bein bricht oder mit dem Chef Schlitten fährt, kann also hoffen.

Wichteln, das. Mit W. sind im Allgemeinen emsige Arbeiter von geringer Körpergröße gemeint. Zur Weihnachtszeit versteht man unter W. bargeldlose Tauschgeschäfte, die eigentlich dazu dienen sollen, sich gegenseitig und anonym mit kleinen Geschenken zu erfreuen. Der Griff in den Grabbelsack ist aber fast sicher ein Fehlgriff, denn einige Kollegen glauben, dass es sehr witzig ist, verstaubte Kakteen, billige Eierlikörpralinen und ausgelesene Schundromane in Geschenke umzuwidmen.

Zipfelmütze, die - Ausdruck eines gefährlich kleinen Egos. Wird nur von Typen getragen, die auch Mario Barth lustig finden. Einfach nur zum Heulen.